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Transkript
00:13Die Legende von Sankt Martin
00:24Gelesen und ein wenig kommentiert von Tandaniel, dem Geschichtenweber.
00:38Fangen wir mit der bekanntesten Sage an. Und diese ist schon lange, lange her.
00:46Zur Zeit des heiligen Martin, als man ihn noch Martinus nannte, das war zu Beginn des 4. Jahrhunderts,
00:55galt ein kaiserliches Edikt, wonach die Söhne von Soldaten zum Kriegsdienst gezogen wurden.
01:02Sein Vater war ein Militärtribun und somit wurde auch Martin, gegen seinen Willen, wie man sagt,
01:09mit 15 Jahren zum Militärdienst eingezogen.
01:13Noch war Martin nicht getauft. Aber in allem verhielt er sich nicht, wie sonst Soldaten sich verhielten.
01:21Zumindest nicht wie die, die er kannte.
01:24Er war gütig zu seinen Kameraden. Wunderbar war seine Nächstenliebe.
01:32Seine Geduld und Bescheidenheit überstiegen die der anderen bei Weitem.
01:38Seine Kameraden verehrten ihn und hielten ihn schon damals mehr für einen Mönch als einen Soldaten.
01:47Denn, obwohl noch nicht getauft, zeigte er ein Verhalten wie ein Heiliger.
01:55Er stand den Kranken bei, unterstützte die Armen, nährte die Hungernden, kleidete Nackte.
02:03Von seinem Solch behielt er nur das für sich, was er für das tägliche Leben benötigte.
02:11Eines Tages, als Martin nichts außer Waffen und dem einfachen Soldatenmantel bei sich trug,
02:18begegnete er mitten im Winter, der von so außergewöhnlicher Härte war, dass viele erfroren,
02:25am Stadttor von Amiens, einem nackten Armen.
02:31Nackt! Im Winter!
02:34Da lauerte der große Bruder vom Schlaf nur so auf ihn hinter jeder Ecke.
02:41Dieser flehte die Vorbeigehenden um Erbarmen an.
02:45Sowohl Christen als auch Heiden liefen alle an dem Elenden vorüber.
02:52Manchmal sind sich die Menschen doch sehr ähnlich.
02:58Da erkannte Martin, von Gott erfüllt, dass der Arme, dem die anderen keine Barmherzigkeit schenkten,
03:06für ihn da sei.
03:10Aber was sollte er tun?
03:12Außer seinem Soldatenmantel hatte er ja nichts.
03:16Und dann fing er an zu lächeln und hatte eine Idee.
03:23Also nahm er kurzerhand sein Schwert und teilte den Mantel mitten entzwei.
03:30Den einen Teil gab er dem Armen.
03:33In den anderen Teil hüllte er sich wieder selbst.
03:38Etliche der Umstehenden begannen zu lachen.
03:41Denn Martin sah mit dem halben Mantel kümmerlich aus.
03:48Viele jedoch, die mehr Einsicht hatten, bedauerten sehr, dass sie nicht selbst geholfen hatten.
03:56Zumal sie viel wohlhabender als Martin waren und den Armen hätten bekleiden können,
04:03ohne sich selbst eine Blöße zu geben.
04:06Allerdings wird nicht davon berichtet, dass sie daraufhin den Armen geholfen hätten.
04:15In der folgenden Nacht, als Martin in tiefem Schlafe lag,
04:20sah er Christus mit seinem halben Soldatenmantel bekleidet, den er dem Armen gegeben hatte.
04:28Ihm wurde befohlen, er solle sehr aufmerksam den Herrn und das Kleidungsstück, das er verschenkt habe, ansehen.
04:36Dann hörte Martin, Jesus mit lauter Stimme zu der umstehenden Engelsschar sprechen,
04:43Martin, der noch Katechumene ist, das bedeutet Taufbewerber, hat mich mit diesem Mantel bekleidet.
04:54Jesus bezog sich dabei tatsächlich auf seine eigenen Worte, die er einst gesprochen hatte
05:00und die wir in Matthäus 25, Vers 40 finden können.
05:05Dort heißt es, was immer ihr einem Geringsten getan habt, das habt ihr mir getan.
05:14So bekannte Jesus Christus, dass er in dem Armen von Martin bekleidet worden ist.
05:21Um den Wert eines so guten Werkes zu bestätigen, zeigte er sich in eben diesem Mantel.
05:28Dieses Traumgesicht verführte Martin aber keineswegs zu menschlicher Ruhmsucht, wie es allzu oft der Fall ist.
05:39Er begann nun nicht, gute Werke zu tun, damit man ihn dabei sah.
05:44Heischte nicht nach menschlicher Anerkennung, prallte nicht oder begann jedem zu sagen,
05:50dass Jesus im Traum zu ihm persönlich gesprochen und ihn gelobt habe.
05:55Er erkannte in seiner Tat vielmehr die gute Güte Gottes, lebte einfach so weiter, wie er es vorher ebenfalls getan
06:06hatte
06:06und als er 18 Jahre alt war, ließ er sich taufen.
06:13Martin erweckt Tote
06:15Als Martin getauft, aber noch nicht Bischof war, das kam erst später,
06:22lebte er einige Zeit in einer von ihm bei Poitiers gegründeten Einsiedelei,
06:28um sich bei dem heiligen Hilarius von Poitiers zu vervollkommenen.
06:33In dieser Zeit schloss sich ihm ein Katechumene an,
06:37der sich in der Lebensweise Martins unterweisen lassen wollte.
06:41Schon nach wenigen Tagen wurde er jedoch schwer krank.
06:48Ihn plagte heftiges Fieber.
06:51Martin war aber gerade abwesend.
06:55Als er nach drei Tagen wiederkam, fand er den entseelten Körper.
07:01Der Tod war so plötzlich gekommen, dass er ohne Taufe gestorben war.
07:06Zu der Zeit glaubten die Menschen noch, dass dann die Verdammnis auf einen warten würde.
07:14Die deswegen bekümmerte Schar der Brüder umgab den aufgebahrten Leichnam.
07:21Unter Tränen und Seufzen kam Martin hinzu.
07:26Er fühlte sich innerlich vom Heiligen Geist erfüllt.
07:30Er wies die Brüder aus der Zelle, in der der Tote lag,
07:36verriegelte die Tür und legte sich über den toten Leib des verstorbenen Bruders.
07:43Eine Zeit lang betete er und fühlte dann, dass der Geist ihm eine besondere Kraft des Herrn mitteilte.
07:53Dann richtete er sich ein wenig auf, blickte den Toten unverwandt an
07:59und wartete voll Zuversicht auf die Frucht seines Gebetes und der göttlichen Barmherzigkeit.
08:09Kaum waren zwei Stunden vergangen, da sah er, wie der Tote nach und nach alle Glieder bewegte.
08:18Die Augen öffneten sich und begannen blinzelnd zu sehen.
08:24Mit lauter Stimme wandte sich der Bruder an den Herrn.
08:29Seine starken Dankesworte erfüllten die ganze Zelle.
08:35Als die vor der Zelle stehenden dies vernahmen, kamen sie schnell herein.
08:40Ihnen bot sich ein seltsames, ein wunderbares Schauspiel.
08:45Sie sahen den Leben, den sie tot verlassen hatten.
08:50Auf diese Weise, dem Leben zurückgegeben, empfing der Bruder sofort die Taufe.
08:57Sicher ist sicher.
08:59Und wer hätte es nach so einem Wunder nicht getan?
09:03Er lebte noch viele Jahre und war der Erste, der von Martins Wunderkraft Zeugnis geben konnte.
09:13Dieser Bruder erzählte davon, dass er nach seinem Sterben vor den Richterstuhl geführt worden sei.
09:21Dort habe er einen furchtbaren Urteilsspruch vernommen, der ihn an den Ort der Finsternis zu den Verdammten verwies.
09:29Plötzlich aber sei dem Richter von zwei Engeln bedeutet worden, dass er jener Mann für den Martin bete.
09:39Da wurde den beiden Engeln aufgetragen, ihn dem fürbittenden Martin wiederzuschenken und dem früheren Leben zurückzugeben.
09:49Von da an war Martin nicht nur als Heiliger, sondern als Wundertäter berühmt.
09:58Nicht sehr viel später kam Martin an dem Landgut eines Lupizinus vorüber, eines angesehenen Mannes.
10:06Martin vernahm das laute Schreien und Klagen einer trauernden Menge.
10:13Er näherte sich und fragte nach dem Anlass des Klagens.
10:18Man erklärte ihm, einer der Knechte habe sein Leben mit dem Strick beendet.
10:24Nach dieser Auskunft ging er in die Kammer, in der der Tote lag, und schickte die Leute hinaus.
10:32Er legte sich über die Leiche und betete.
10:36Bald nahm das Gesicht des Toten wieder Farbe an.
10:41Er richtete die noch müden Augen auf Martins Gesicht und versuchte, sich langsam aufzurichten.
10:50Dann fasste er die Rechte Martins und stellte sich auf die Füße.
10:56Er ging mit Martin bis zur Eingangshalle des Hauses, wo ihn alle Leute sahen.
11:04Martin wird Bischof von Thurs.
11:07In jener Zeit, etwa um 371, 72, berief man Martin auf den Bischofsstuhl von Thurs.
11:17Martin wollte sich aber seinem Kloster nicht entreißen lassen.
11:20Da warf sich ein Bürger mit dem Namen Rustikus Martin zu Füßen und gab vor, seine Frau sei krank und
11:30Martin müsse mitkommen, denn nur er könne ihr das Leben erhalten.
11:35Dazu muss man sagen, dass Martin hier und da einige Kranke heilte.
11:40Und damit wollte Rustikus natürlich erreichen, dass der Heilige mitkomme.
11:48Die Bürger von Thurs hatten sich schon entlang des Weges aufgestellt.
11:53Und wie unter Bewachung geleiteten sie Martin in die Stadt.
12:01Wunderbarerweise hatte sich nicht nur eine unglaubliche Menge aus der Stadt, sondern auch aus den Nachbarstädten zur Bischofswahl eingefunden.
12:12Hätten sie Palmenzweige in der Hand gehabt, wäre das ähnlich wie ein anderer Heiliger, der in eine andere Stadt ging.
12:21Alle hatte nur einen Wunsch, eine Stimme und eine Meinung.
12:28Martin sei der würdigste für das Bischofsamt.
12:32Mit einem solchen Bischof sei die Kirche wirklich glücklich zu schätzen.
12:39Allerdings widersprachen dem gewissenlos eine kleine Zahl der Leute und etliche unter den Bischöfen,
12:48die zur Einsetzung des Bischofs herbeigerufen worden waren.
12:53Sie behaupteten, Martin sei ein verachtenswerter Mensch.
12:59Einer von so kümmerlichem Aussehen, mit schmutzigem Kleid und ungepflegten Haaren, sei unwürdig, Bischof zu werden.
13:09Das Volk aber war klügeren Sinnes und hielt diese Meinung für lächerliche Torheit.
13:18Jene wollten einen berühmten Mann verachten, verkündeten doch dabei sein Lob.
13:25Die Wahlversammlung konnte nichts anderes tun, als was das überwiegende Volk mit Gottes Willen forderte.
13:36Martin, so erzählt eine jüngere Legende, hatte sich während der Diskussionen entfernt
13:44und suchte sich vor der Menge zu verbergen, um der Bischofsernennung zu entgehen.
13:50Wie gesagt, er wollte ja kein Bischof werden.
13:53Da er keinen geeigneteren Ort fand, sich zu verstecken, suchte er schließlich in einem Gänsestall Zuflucht.
14:02Als die Menge ihn suchte, fand sie ihn nicht.
14:06Doch da machten die Gänse einen solchen Lärm, ein solches Geschrei, dass die halbe Stadt sie hörte
14:17und die Menschen in den Stall gingen und Martin dort sahen und er nicht mehr entkommen konnte.
14:26So hatte er keine andere Wahl und Martin also das Bischofsamt übernommen.
14:35Martin fällt einen angeblich heiligen Baum.
14:40Als Martin einmal in einer Siedlung einen alten Heidentempel zerstörte und eine benachbarte Kiefer umhauen wollte,
14:50kamen die Heiden und wollten ihn daran hindern.
14:54Durch Gottes Willen hatten sie sich still verhalten, als der Tempel eingerissen wurde.
15:00Sie wollten aber nicht dulden, dass der Baum gefällt werde.
15:05Mit großem Eifer versuchte ihnen Martin zu erklären, dass in einem Baum nichts Heiliges sein könne.
15:14Sie sollten doch lieber dem Gott folgen, dem er selber diene.
15:19Weil der Baum aber einem Dämon geweiht sei, müsse er umgehauen werden.
15:27Da trat ein besonders Verwegener vor und sprach,
15:31Wenn du Vertrauen zu dem Gott hast, den du zu verehren vorgibst,
15:36dann wollen wir selbst den Baum fällen.
15:39Du aber sollst ihn in seinem Fall aufhalten.
15:43Wenn dann dein Gott wirklich mit dir ist, wirst du dem Urteil entkommen.
15:51Falls nicht, hat der Baum dich verurteilt.
15:56Martin zweifelte nicht an Gott und war bereit, auf den Vorschlag einzugehen.
16:03Alle Heiden stimmten dieser Abmachung zu.
16:07Ihren Baum würden sie gerne fällen,
16:10wenn sie durch den fallenden Baum zugleich den Feind ihrer Heiligtümer erledigen konnten.
16:18Die Kiefer stand nach einer Seite geneigt.
16:22Es bestand gar kein Zweifel, nach welcher Seite sie fallen würde.
16:28Ausgelassen und voller Freude machten sich die Heiden daran, ihre Kiefer zu fällen.
16:35Dabei stand eine große Schar schaulustiger.
16:38Nach mehreren beherzten Heben begann sich die Kiefer zu neigen und drohte zu stürzen.
16:48Ziemlich entfernt standen zitternd die Mönche und schauten dem kommenden Unglück hilflos zu.
16:55Sie waren wegen der drohenden Gefahr entsetzt und hatten alle Hoffnung aufgegeben.
17:02Sie warteten nur noch auf Martins Tod.
17:05Doch der vertraute auf den Herrn.
17:08und wartete ohne Angst.
17:13Schon ächzte die Kiefer im Fallen, schon neigte sie sich, schon stürzte sie auf ihn.
17:19Da streckte Martin seine Hand gegen sie aus
17:24und zeichnete das Zeichen des Heils gegen sie.
17:28Dann, wie wenn ein Wirbelwind den Baum umgedreht hätte,
17:32fiel er nach der entgegengesetzten Seite.
17:36Fast hätte er das wilde Volk, das sich dort sicher fühlte, erschlagen.
17:41Als solches war das schlichtweg ein höchst beeindruckender Zauberspruch.
17:48Und man hätte ihn eher Merlin zugesprochen als Martin.
17:52Aber so seltsam es ist, so steht es geschrieben.
17:58Nun erhob sich ein Geschrei zum Himmel.
18:03Die Heiden staunten über das Wunder.
18:06Mit Magie konnte man schon immer Leichtgläubige überreden.
18:10Die Mönche weinten vor Freude.
18:13Von allen gemeinsam wurde der Name Christi gepriesen.
18:20Ganz sicher ist an diesem Tag auch in diese Gegend das Heil gekommen.
18:27Fast keinen in der großen Heidenschar gab es,
18:30der nicht um die Handauflegung bat,
18:33den heidnischen Irrtum aufgab und an den Herrn Jesus glaubte.
18:37Bekehrung durch Zaubersprüche.
18:42Auch dafür ist Martin bekannt.
19:12Untertitelung des ZDF für funk, 2017

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