00:03Musik
00:22Wien-Josefstadt, Galerie Wien-Artig, Dienstagabend.
00:26Flöte und Klarinette, ein kleiner Kreis und ein großer Anlass.
00:31Elfriede Jelinek wird 80.
00:33Die Literatur-Nobelpreisträgerin selbst bleibt zu Hause.
00:36Gefeiert wird trotzdem.
00:38Mit ihrem Segen, wie Otto Brusatti versichert.
00:43Heute der Tag der Elfriede Jelinek.
00:47Der 80. Geburtstag, das darf man nur leise sagen.
00:51Hat sie mich gebeten.
00:53Sie hat nämlich gesagt, sie geht heute nicht aus dem Haus.
00:57Wahrscheinlich nicht einmal vor das Haus.
01:02Sie zieht sich zurück.
01:04Ich bin in Klausur.
01:06Ich decke mich zu oder sonst etwas.
01:08Ich höre höchstens Schubet-S-Dur-Messe.
01:12Aber sonst nicht.
01:14Das ist eh das Wunderbarste und so weiter.
01:16Herrlich, etc.
01:17Aber sonst überhaupt nichts.
01:18Aber dann hat sie noch gemeint, wenn man sich hier in einer so wunderschönen, besonderen Galerie trifft
01:31und vielleicht auch sozusagen für sie etwas macht, dann wünscht sie alles Gute.
01:39Otto Brusatti, Musikwissenschaftler, Autor und seit den 80er Jahren die Stimme des Ö1 Pasticcio,
01:45hat für diesen Abend Texte aus fünf Jahrzehnten ausgesucht.
01:48Bewusst nicht die Bekannten.
01:50Dazu auf Wunsch der Jubilarin jene Verse, die sie über alles stellt.
01:55Die größte Poesie, die größten Gedichte, das Beste, was je geschrieben wurde,
02:01das ist die Winterreise, die Texte zur Winterreise, die der Schubert dann als Zyklus vertont hat von Wilhelm Müller.
02:08Das ist wahrscheinlich überhaupt die größte Poesie, die es gibt.
02:14Und sagt sie, solltet ihr kein Angedenken, ich nehme nur von mir, wenn meine Schmerzen schweigen.
02:24Wer sagt mir dann von ihr?
02:27Mein Herz ist wie erstorben, kalt stark ihr Bild darin.
02:34Schmilzt je das Herz mir wieder?
02:40Und dann fließt auch ihr Bild darin.
02:56Vera Karner an der Klarinette und Nicole Henter an der Flöte spielen dazu fünf kleine Stücke.
03:02Und Brussati geht durch Jelineks Werk rückwärts.
03:06Am Anfang steht das Neueste.
03:09Unter Tieren.
03:10Im August bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, jetzt im Burgtheater.
03:18Elfriede Jelineks schreibt ja keine Stücke mehr,
03:21sondern schreibt ungeheuer viel zusammenhängendes, aber auch verstörendes Material.
03:28Ist nicht etwas, dieser Ort, wo wir sind, was wir tun, was wir können, was wir wollen.
03:35Er ist nicht etwas, das ist.
03:38Und er ist nicht mehr das, was er war.
03:41Es hat also gar keinen Sinn mehr zu folgen.
03:44Nichts ist, nichts wird sein.
03:48Nicht wird's mit einem geplanten Ausflug oder mit Planung.
03:53Da ist schon einmal gar nichts.
03:55Es ist etwas, etwas, das nirgendwo ist, ist nicht.
04:04Und so hört sie einfach auf.
04:10Dann ein Sprung zurück in die 80er Jahre.
04:13O Wildnis, o Schutz vor ihr.
04:15Ein Prosa-Text aus der Steiermark, wo Jelinek 1946 in Mürzzuschlag zur Welt kam.
04:22Für Brussati ein besonderes Buch.
04:24Er hat daraus für den ORF ein Hörspiel gemacht und erzählt, wie es dazu kam.
04:29Ich darf natürlich wieder was pro domo sagen.
04:33So haben wir uns mehr oder weniger näher kennengelernt, als ich gesagt habe.
04:38Also erstens, ich will mit ihr ein Schubert-Projekt machen.
04:44Hat sie gesagt, ja, hat mir einen Text geschickt, aber sonst nichts, das Projekt nicht.
04:49Hat sie gesagt, ich möchte trotzdem ein Schubert-Stück mit ihr machen.
04:51Hat sie gesagt, das will sie nicht, das kann sie nicht.
04:54Aber dann habe ich gesagt, gut, dann mache ich ein Buch und widme es ihr mehr oder weniger.
04:59Das hat mit Schubert zu tun.
05:01Und da hat sie mir erlaubt, dass ich das Buch dann nenne, was auch herausgekommen ist.
05:05Massaker im Drei-Meter-Haus.
05:07Was Brussati dann daraus vorliest, klingt, als wäre es gestern geschrieben worden.
05:11Die Volkstumskundler sind jetzt auf einmal in der Regierung, diese Krebsgeschwülste.
05:18Und schaffen an, sie hupfen einmal im Jahr über ein Sonnenfeuer,
05:25aber auf jeden Kommunisten, den sie sehen, auf den treten sie sorgfältig drauf.
05:31Eine Fabrik ist einmal ein Ehrenplatz gewesen.
05:36Aber wenn es auf der Welt brennt, fahren sie ungefähr nicht hin
05:40und kommen als unbelehrbare Ausflügler wieder nach Hause.
05:45Das ist der Preis für ihren Ruhm, die kleine Koalition.
05:51Die kleine Koalition.
05:54Endlich sind auch die Nationalen wieder auf der großen Seite der Mehrheit
05:59und haben daher auch Recht.
06:03Und dann, wenn nicht, dann gehen sie plötzlich entweder zum Russen.
06:10Wenn ihnen was bei der Anprobe der braunen Anzüge nicht passt.
06:20Denn beide Seiten es genießen.
06:23Was will man dann tun?
06:24Gott, der Bundeskanzler und der Heilige Ungeist falten ihre Hände über allen.
06:32Über denen.
06:33Über uns.
07:02Ganz am Anfang schließlich.
07:04Wir sind Lockvögel Baby.
07:06Jelineks erster Roman 1970.
07:09Seitenlang ohne Satzzeichen.
07:11Ein greller Strudel aus Schlager, Werbung und Gewalt.
07:14Die Hauptfigur heißt, wie könnte es an diesem Abend anders sein, Otto.
07:19Es gibt meines Wissens nach keinen Roman, wo ein Otto noch so prominent vorkommt.
07:26Also ist das natürlich eine besondere Sache.
07:28Architekt nahm das Backstreet Girl bei einem Fuß, ein reicher Rechtsverdreher, beim anderen ein Großindustrieller aus berühmter Großindustrieller Familie nahm
07:40den Kopf des armen Backstreet Girls.
07:42Je ein Universitätsprofessor und ein Wirtschaftsprüfer hielten die strammelnden Arme fest und so schmetterten sie.
07:51Das höre ich jetzt aus, das lese ich Ihnen nicht vor.
07:54Wir haben einen schönen, angenehmen Abend.
07:57Das kann man dann so irgendwo, vielleicht in der Natur, nicht einmal im Abend im Bett weiterlesen, wenn man will.
08:21Als Zugabe der Jubilarin zu Ehren noch einmal die Winterreise.
08:26Wilhelm Müller hat die Gedichte geschrieben, Franz Schubert hat sie ein Jahr vor seinem Tod vertont.
08:31Ich habe einmal gesagt, das Wirtshaus, das ist überhaupt das Schrecklichste, was sie kennt.
08:36Oder auch das Poetischste oder auch das Eingängigste.
08:42Das erinnert mich dann immer daran, dass der tolle Wilhelm Müller, er wurde nur 32 Jahre alt, hat nächstes Jahr
08:49seinen 200. Todestag und hat das Wirtshaus.
08:57Auf einen Totenacker hat mich mein Weg gebracht, weil hier will ich einkehren, habe ich bei mir gedacht.
09:04Ihr grünen Totenkränze sind wohl die Zeichen sein, die müde Wanderer laden ins kühle Wirtshaus ein,
09:19sind denn in diesem Hause, die Kammeral besetzt, die matt zu niedersinken, die tödlich schwer verletzt.
09:32Du unterm Herz Geschenke, du weisest mich nun ab.
09:40Na weiter, denn na weiter, mein lieber Wanderer.
10:09Eine kleine Feier in der Josefstadt zum 80. Geburtstag von Enfriede Jena.
10:14Gestaltet von Otto Prusatti mit Vera Kahnner und Nicole Henter.
10:18Die Jubilarin selbst hat an diesem Abend, so hat sie es angekündigt, Schubert gehört.
10:24Zu Hause.