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Am 20. Oktober 2026 ist Elfriede Jelinek 80 Jahre alt geworden. Die Literaturnobelpreisträgerin selbst blieb an diesem Tag zu Hause. Sie wollte, wie sie sagte, höchstens Schubert hören. Zu ihren Ehren und mit ihrem Segen gestaltete Otto Brusatti in der Galerie wienARTig in Wien-Josefstadt einen besonderen Abend. Der Musikwissenschafter und langjährige Ö1-„Pasticcio“-Moderator ist Jelinek seit Langem verbunden.

Brusatti geht dabei rückwärts durch Jelineks Werk. Er beginnt mit „Unter Tieren“, das im August bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt wurde. Danach liest er aus „Oh Wildnis, oh Schutz vor ihr“ und zuletzt aus ihrem ersten Roman „wir sind lockvögel baby!“ von 1970. Dazwischen erklingen Gedichte von Wilhelm Müller aus der „Winterreise“, die Jelinek „die größte Poesie, die es gibt“ nennt. Musikalisch begleiten den Abend Vera Karner (Klarinette) und Nicole Henter (Flöte).
Transkript
00:03Musik
00:22Wien-Josefstadt, Galerie Wien-Artig, Dienstagabend.
00:26Flöte und Klarinette, ein kleiner Kreis und ein großer Anlass.
00:31Elfriede Jelinek wird 80.
00:33Die Literatur-Nobelpreisträgerin selbst bleibt zu Hause.
00:36Gefeiert wird trotzdem.
00:38Mit ihrem Segen, wie Otto Brusatti versichert.
00:43Heute der Tag der Elfriede Jelinek.
00:47Der 80. Geburtstag, das darf man nur leise sagen.
00:51Hat sie mich gebeten.
00:53Sie hat nämlich gesagt, sie geht heute nicht aus dem Haus.
00:57Wahrscheinlich nicht einmal vor das Haus.
01:02Sie zieht sich zurück.
01:04Ich bin in Klausur.
01:06Ich decke mich zu oder sonst etwas.
01:08Ich höre höchstens Schubet-S-Dur-Messe.
01:12Aber sonst nicht.
01:14Das ist eh das Wunderbarste und so weiter.
01:16Herrlich, etc.
01:17Aber sonst überhaupt nichts.
01:18Aber dann hat sie noch gemeint, wenn man sich hier in einer so wunderschönen, besonderen Galerie trifft
01:31und vielleicht auch sozusagen für sie etwas macht, dann wünscht sie alles Gute.
01:39Otto Brusatti, Musikwissenschaftler, Autor und seit den 80er Jahren die Stimme des Ö1 Pasticcio,
01:45hat für diesen Abend Texte aus fünf Jahrzehnten ausgesucht.
01:48Bewusst nicht die Bekannten.
01:50Dazu auf Wunsch der Jubilarin jene Verse, die sie über alles stellt.
01:55Die größte Poesie, die größten Gedichte, das Beste, was je geschrieben wurde,
02:01das ist die Winterreise, die Texte zur Winterreise, die der Schubert dann als Zyklus vertont hat von Wilhelm Müller.
02:08Das ist wahrscheinlich überhaupt die größte Poesie, die es gibt.
02:14Und sagt sie, solltet ihr kein Angedenken, ich nehme nur von mir, wenn meine Schmerzen schweigen.
02:24Wer sagt mir dann von ihr?
02:27Mein Herz ist wie erstorben, kalt stark ihr Bild darin.
02:34Schmilzt je das Herz mir wieder?
02:40Und dann fließt auch ihr Bild darin.
02:56Vera Karner an der Klarinette und Nicole Henter an der Flöte spielen dazu fünf kleine Stücke.
03:02Und Brussati geht durch Jelineks Werk rückwärts.
03:06Am Anfang steht das Neueste.
03:09Unter Tieren.
03:10Im August bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt, jetzt im Burgtheater.
03:18Elfriede Jelineks schreibt ja keine Stücke mehr,
03:21sondern schreibt ungeheuer viel zusammenhängendes, aber auch verstörendes Material.
03:28Ist nicht etwas, dieser Ort, wo wir sind, was wir tun, was wir können, was wir wollen.
03:35Er ist nicht etwas, das ist.
03:38Und er ist nicht mehr das, was er war.
03:41Es hat also gar keinen Sinn mehr zu folgen.
03:44Nichts ist, nichts wird sein.
03:48Nicht wird's mit einem geplanten Ausflug oder mit Planung.
03:53Da ist schon einmal gar nichts.
03:55Es ist etwas, etwas, das nirgendwo ist, ist nicht.
04:04Und so hört sie einfach auf.
04:10Dann ein Sprung zurück in die 80er Jahre.
04:13O Wildnis, o Schutz vor ihr.
04:15Ein Prosa-Text aus der Steiermark, wo Jelinek 1946 in Mürzzuschlag zur Welt kam.
04:22Für Brussati ein besonderes Buch.
04:24Er hat daraus für den ORF ein Hörspiel gemacht und erzählt, wie es dazu kam.
04:29Ich darf natürlich wieder was pro domo sagen.
04:33So haben wir uns mehr oder weniger näher kennengelernt, als ich gesagt habe.
04:38Also erstens, ich will mit ihr ein Schubert-Projekt machen.
04:44Hat sie gesagt, ja, hat mir einen Text geschickt, aber sonst nichts, das Projekt nicht.
04:49Hat sie gesagt, ich möchte trotzdem ein Schubert-Stück mit ihr machen.
04:51Hat sie gesagt, das will sie nicht, das kann sie nicht.
04:54Aber dann habe ich gesagt, gut, dann mache ich ein Buch und widme es ihr mehr oder weniger.
04:59Das hat mit Schubert zu tun.
05:01Und da hat sie mir erlaubt, dass ich das Buch dann nenne, was auch herausgekommen ist.
05:05Massaker im Drei-Meter-Haus.
05:07Was Brussati dann daraus vorliest, klingt, als wäre es gestern geschrieben worden.
05:11Die Volkstumskundler sind jetzt auf einmal in der Regierung, diese Krebsgeschwülste.
05:18Und schaffen an, sie hupfen einmal im Jahr über ein Sonnenfeuer,
05:25aber auf jeden Kommunisten, den sie sehen, auf den treten sie sorgfältig drauf.
05:31Eine Fabrik ist einmal ein Ehrenplatz gewesen.
05:36Aber wenn es auf der Welt brennt, fahren sie ungefähr nicht hin
05:40und kommen als unbelehrbare Ausflügler wieder nach Hause.
05:45Das ist der Preis für ihren Ruhm, die kleine Koalition.
05:51Die kleine Koalition.
05:54Endlich sind auch die Nationalen wieder auf der großen Seite der Mehrheit
05:59und haben daher auch Recht.
06:03Und dann, wenn nicht, dann gehen sie plötzlich entweder zum Russen.
06:10Wenn ihnen was bei der Anprobe der braunen Anzüge nicht passt.
06:20Denn beide Seiten es genießen.
06:23Was will man dann tun?
06:24Gott, der Bundeskanzler und der Heilige Ungeist falten ihre Hände über allen.
06:32Über denen.
06:33Über uns.
07:02Ganz am Anfang schließlich.
07:04Wir sind Lockvögel Baby.
07:06Jelineks erster Roman 1970.
07:09Seitenlang ohne Satzzeichen.
07:11Ein greller Strudel aus Schlager, Werbung und Gewalt.
07:14Die Hauptfigur heißt, wie könnte es an diesem Abend anders sein, Otto.
07:19Es gibt meines Wissens nach keinen Roman, wo ein Otto noch so prominent vorkommt.
07:26Also ist das natürlich eine besondere Sache.
07:28Architekt nahm das Backstreet Girl bei einem Fuß, ein reicher Rechtsverdreher, beim anderen ein Großindustrieller aus berühmter Großindustrieller Familie nahm
07:40den Kopf des armen Backstreet Girls.
07:42Je ein Universitätsprofessor und ein Wirtschaftsprüfer hielten die strammelnden Arme fest und so schmetterten sie.
07:51Das höre ich jetzt aus, das lese ich Ihnen nicht vor.
07:54Wir haben einen schönen, angenehmen Abend.
07:57Das kann man dann so irgendwo, vielleicht in der Natur, nicht einmal im Abend im Bett weiterlesen, wenn man will.
08:21Als Zugabe der Jubilarin zu Ehren noch einmal die Winterreise.
08:26Wilhelm Müller hat die Gedichte geschrieben, Franz Schubert hat sie ein Jahr vor seinem Tod vertont.
08:31Ich habe einmal gesagt, das Wirtshaus, das ist überhaupt das Schrecklichste, was sie kennt.
08:36Oder auch das Poetischste oder auch das Eingängigste.
08:42Das erinnert mich dann immer daran, dass der tolle Wilhelm Müller, er wurde nur 32 Jahre alt, hat nächstes Jahr
08:49seinen 200. Todestag und hat das Wirtshaus.
08:57Auf einen Totenacker hat mich mein Weg gebracht, weil hier will ich einkehren, habe ich bei mir gedacht.
09:04Ihr grünen Totenkränze sind wohl die Zeichen sein, die müde Wanderer laden ins kühle Wirtshaus ein,
09:19sind denn in diesem Hause, die Kammeral besetzt, die matt zu niedersinken, die tödlich schwer verletzt.
09:32Du unterm Herz Geschenke, du weisest mich nun ab.
09:40Na weiter, denn na weiter, mein lieber Wanderer.
10:09Eine kleine Feier in der Josefstadt zum 80. Geburtstag von Enfriede Jena.
10:14Gestaltet von Otto Prusatti mit Vera Kahnner und Nicole Henter.
10:18Die Jubilarin selbst hat an diesem Abend, so hat sie es angekündigt, Schubert gehört.
10:24Zu Hause.

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