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Ein kleines Fleckchen Erde, aber große Pläne: 'Liberland' will Heimat sein für alle Freigeister, die sich von staatlichen Strukturen eingeengt fühlen.

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Transkript
00:06Ein Fleckenland an der Donau. Ein ungelöster Grenzstreit und eine Handvoll Kryptomillionäre
00:12mit einer radikalen Vision. Willkommen in Liberland. Im Grenzgebiet zwischen Serbien
00:18und Kroatien soll ein neuer Staat entstehen, der einmal so wie in diesem Zukunftsvideo
00:23aussehen könnte. Ein politisches Experiment, das immer mehr Anhänger findet und die klassische
00:29Demokratie in Frage stellt.
00:48Antonella ist aufgeregt. Zum ersten Mal besucht sie das Land, das einmal ihr neues Zuhause
00:53werden soll. Ihr Begleiter ist bereits Bürger von Liberland und kennt den Weg. In Italien
01:01fühlt sich die Projektmanagerin eines Softwareunternehmens zunehmend eingeengt. Zu viele Steuern, zu viele
01:06Vorschriften findet sie. Der Staat habe einfach zu viel Kontrolle.
01:15Man hat zwar die Illusion, etwas zu besitzen, aber am Ende hat man über nichts wirklich die
01:20Kontrolle. Vor kurzem hat Antonella die Staatsbürgerschaft von Liberland beantragt. Und 1300 Menschen sind
01:27bereits registrierte Bürger, auch wenn dort bislang noch niemand permanent wohnt. Das Gebiet
01:32ist derzeit nur mit dem Fahrrad erreichbar. Kroatische Behörden machen den Zugang so schwierig
01:37wie möglich. An einem Kontrollpunkt werden unsere Personalien aufgenommen und Taschen
01:41durchsucht. Film ist hier verboten.
01:44Das Gebiet liegt an der Donau zwischen Serbien und Kroatien. Seit dem Zerfall Jugoslawiens streiten
01:51beide Länder über den genauen Grenzverlauf. Die Folge? Beide Staaten sehen Liberland als
01:56Problem des jeweils anderen.
01:59Er hat sich den ungelösten Grenzstreit zunutze gemacht. 2015 rief der tschechische Finanzanalyst
02:04Witt Jedlitschka die Freie Republik Liberland aus und erklärt er sich selbst zum Präsidenten.
02:11Wenn er und sein Team nicht gerade in Sachen Liberland unterwegs sind, leben sie in Tschechens
02:16Hauptstadt Prag. Jedlitschkas Vision ein libertärer Staat, der seine Bürger weitgehend in Ruhe
02:23lässt, möglichst ohne staatliche Vorschriften. Außerdem wird Wohlstand oder Leistung direkt in
02:28politischen Einfluss übersetzt. Wer mehr leistet oder besitzt, soll auch mehr Stimmrecht haben.
02:37In einer Demokratie werden alle Meinungen gleichgewichtet. Kluge Entscheidungen werden so oft von
02:42schlechten Entscheidungen auf der anderen Seite des Spektrums ausgebremst. Wir glauben, dass eine
02:48meritokratische Gesellschaft besser funktioniert. Genau das wollen wir hier testen. Wir verlangen
02:53nicht viel, nur ein selbstverwaltetes Territorium von sieben Quadratkilometern, auf dem wir beweisen
02:58können, dass dieses Modell funktioniert. Antonella, die ihren Nachnamen lieber nicht
03:05nennen will und ihr Begleiter haben inzwischen Liberland erreicht. Nach mehr als einer halben
03:10Stunde Kontrolle stehen sie an einem kleinen Strand direkt an der Donau. Zwei Baumhäuser,
03:16aktuell die einzige feste Infrastruktur in Liberland. Für Antonella ist es ein emotionaler Moment.
03:35Es ist ein Schritt in eine mögliche andere Zukunft. Nicht nur für dieses Land. Es kann auch ein Beispiel
03:40für andere Länder sein. Und das macht die Sache so besonders.
03:49Zurück in Prag. Auf einer Start-up-Konferenz unter dem Motto Disruption wirbt Wit Yedlitschka für seine Vision. Gerade hier
03:57hofft er auf Menschen, die bestehende Systeme hinterfragen und nach Alternativen suchen.
04:02In Yedlitschkas Liberland gibt es keine Steuern. Alle Zahlungen an das Gemeinwesen sind freiwillig. Die Verwaltung rein digital. Vor allem
04:10die Wirtschaft soll sich frei entfalten können, ohne staatliche Vorschläge.
04:14Vorschriften oder Auflagen. Eine Staatsbürgerschaft kostet 10.000 US-Dollar. Man kann sie sich aber auch durch gemeinnützige Arbeit verdienen.
04:22Viele der Konferenzteilnehmer hören zum ersten Mal vor dem Start-up-Start.
04:302015 haben wir uns vorgenommen, eine neue Gesellschaft, einen neuen Staat aufzubauen. Dafür haben wir lange nach dem passenden Ort
04:37gesucht.
04:38Schließlich sind wir auf dieses Stück Niemandsland gestoßen. Für die kommende Saison haben wir einiges vor.
04:43Wir wollen nicht nur unsere diplomatische Präsenz ausbauen und weitere Projekte in Liberland umsetzen.
04:49Geplant ist zum Beispiel auch die Gründung einer eigenen Börse.
04:55Mit der Realität vor Ort haben diese Animationen allerdings wenig zu tun.
05:00Auf den sieben Quadratkilometern Überschwemmungsgebiet an der Donau gibt es bis heute so gut wie keinerlei Infrastruktur.
05:06Der Brite Basim Alcindi forscht zu Blockchain, Kryptowährungen und digitalen Staatsmodellen.
05:13Seit Jahren beobachtet er die Szene rund um alternative Staats-Utopien und ihre Anhänger.
05:22Viele Menschen sind mit der Welt, in der sie leben, unzufrieden.
05:25Sie haben das Gefühl, dass ihre Freiheit und ihre Selbstbestimmung zunehmend eingeschränkt werden.
05:30Sie finden, dass ihre Steuern zu hoch oder bestimmte Bereiche, etwa Verteidigung, Forschung oder Biotechnologie, zu stark reguliert sind.
05:38Oft sind das Unternehmer, die nach Orten suchen, an denen sie kaum Regeln oder bessere Rahmenbedingungen vorfinden.
05:46Lieber Pulko. Ein jährlicher Treffpunkt für genau diese Szene.
05:50Das Festival findet nicht in Liberland selbst statt, sondern rund 10 Kilometer entfernt im sogenannten Ark Village,
05:55einem privaten Resort nahe der serbischen Stadt Abatin.
05:58Hier treffe ich viele ganz unterschiedliche Menschen.
06:01Hippies, Alternative, auch einen Holocaust-Leugner.
06:05Mit Journalisten sprechen wollen allerdings die wenigsten.
06:08Die Medien würden ohnehin alles aus dem Zusammenhang reißen, höre ich immer wieder.
06:13Ein pensionierter Brite macht eine Ausnahme und zeigt uns stolz seinen Liberland-Pass.
06:20Seit zwei Jahren lebt Colin Wood im Ark Village.
06:23Noch lieber würde er direkt in Liberland leben.
06:26Doch das wissen Kroatiens Behörden derzeit noch zu verhindern.
06:30Eine permanente Bebauung, Besiedlung aber sei nur eine Frage der Zeit, meint der Brite.
06:35Ich weiß nicht genau wann, aber ich glaube, das wird sich ändern, weil es immer mehr Liberländer gibt.
06:40So viele Polizisten können sie sich gar nicht leisten, um uns dauerhaft draußen zu halten.
06:48Kroatiens Behörden wollen sich zu Liberland am liebsten gar nicht äußern.
06:52Schriftlich teilt uns das Außenministerium mit, beim sogenannten Liberland-Projekt handele es sich um provokative Handlungen ohne rechtliche Grundlage.
07:02Vor einigen Jahren wurde Vyedlitschka beim Versuch nach Liberland zu gelangen festgenommen und mit einem fünfjährigen Einreiseverbot für Kroatien belegt.
07:11Heute schaut er sich das Gebiet meist nur aus sicherer Entfernung an und gibt sich dennoch kämpferisch.
07:16Das ist genau die Situation, die entsteht, wenn ein neuer Staat gegründet wird.
07:21Dann geht es darum, wer hat eigentlich die Kontrolle über was.
07:24Und ja, in Liberland lebt niemand aus Kroatien, dort leben nur Liberländer.
07:29Aber irgendwann gibt es diesen Moment des Übergangs.
07:33Der Punkt, an dem die Kontrolle tatsächlich von einer Einheit auf eine andere übergeht.
07:37Das kann manchmal schwierig sein oder dramatisch, es kann aber auch ganz friedlich ablaufen.
07:45In vielerlei Hinsicht hoffen diese Leute auf den Zusammenbruch all dessen, was wir heute als Gesellschaften oder Nationalstaaten kennen.
07:53Sie tragen ganz bewusst dazu bei, diese Strukturen zu destabilisieren und zum Einsturz zu bringen.
07:58Genau daraus speist sich ihre Hoffnung.
08:03Für zahlungskräftige Festival-Gäste organisiert Jedlitschka exklusive Bootsfahrten nach Liberland.
08:10Außerdem DJ an Bord, viele Anarchokapitalisten, die jede Form staatlicher Intervention ablehnen.
08:16Aber auch Wissenschaftler sind dabei, die auf Forschung ohne Regulierung hoffen.
08:22Anlegen darf das Schiff nicht.
08:24Eine EU-Außengrenze ohne offiziellen Grenzübergang trennt die Gäste von Liberland.
08:29Es bleibt beim Gruß vom Sonnendeck.
08:37Die rund zehn Menschen am Strand sind nur für einen Tag nach Liberland geradelt.
08:41Dauerhaft wohnen kann dort niemand.
08:43Aber das hält die Liberland-Anhänger nicht davon ab, fest an ihre Vision vom eigenen Staat zu glauben.
08:50Ein Land aufzubauen, das geht nicht über Nacht.
08:53Wenn es so eintritt wäre, würde es jeder machen.
08:55Genau, deshalb stellen wir uns auf einen langen Weg ein.
08:58Ich habe keinerlei Zweifel, dass wir damit Erfolg haben werden.
09:02Am Anfang der Traum, dann die Wirklichkeit. So ist das doch immer.
09:07Zurück in Liberland.
09:09Antonella und ihr Begleiter treffen Roland, der in Liberland aktuell Stallwache hält.
09:14Entschuldigung.
09:15Freut mich.
09:16Der pensionierte Deutsche verbringt regelmäßig Tage und Nächte hier, obwohl Zelten offiziell verboten ist.
09:24Wir sind einfach präsent.
09:26Wir sind so das Team, wo man sagen kann, Liberland ist permanent besiedelt.
09:33Selbst wenn im Moment jetzt zwei Tage lang ich alleine hier war.
09:37Es kommen jetzt wieder viele Leute.
09:39Wir sind auch schon mal ein paar mehr gewesen.
09:40Es ist ja nicht so, dass ich ja der Einsiedler bin, der Blöde.
09:44Was passiert, wenn niemand vor Ort ist, zeigt er uns wenig später.
09:48Ein selbstgebautes Duschhäuschen mit Filteranlage zerstört.
09:52Das hat schon ein bisschen wehgetan.
09:55Jemand hat mit Seilwinde gearbeitet oder mit einem schweren Fahrzeug.
10:01Es gab Trinkwasser.
10:04Da hinten sieht man noch den Trinkwasserbehälter.
10:06Es gab eine Spüle, die liegt mittlerweile auch auf dem Müll.
10:10Es gab einen Durchlauferhitzer, den haben sie geklaut.
10:16Das ist natürlich schon schade.
10:20Für Liberlands Präsidenten steht fest,
10:23wer hinter den Zerstörungen steckt, die kroatischen Behörden.
10:27Er fordert,
10:29Hört auf, uns auszurauben.
10:31Mehr wollen wir nicht.
10:32Sie sollen uns einfach nur in Ruhe lassen.
10:34Bis heute hat kein souveräner Staat Liberland anerkannt.
10:39Für Jedlitschka liegt das Problem allerdings nicht bei seinem Projekt,
10:42sondern bei denen, die dessen Potenzial noch nicht verstanden hätten.
10:49Wir wollen mit allen befreundet sein, mit jedem Geschäfte machen
10:53und möglichst viele Milliardäre anziehen.
10:55Fakt ist nun mal, die zehn reichsten Leute in Liberland
10:58verfügen bei mehr Vermögen als die zehn reichsten Menschen in Kroatien.
11:02Das ist einfach die Realität.
11:06Antonella glaubt fest an das Projekt.
11:08Allerdings, solange Liberlands rechtlicher Status ungeklärt ist,
11:12wird es wohl keine Milliardeninvestitionen im Donausand geben.
11:17Liberland gleicht bis heute eher einem provisorischen Zeltlager
11:20als einem Staat.
11:27Unabhängig sein, von allem und jedem.
11:31Einfach sein eigenes Ding machen können.
11:34Und wenn dann etwas schiefläuft, ist es deine eigene Schuld.
11:38Du kannst niemand anderen dafür verantwortlich machen.
11:44Nach gut einer Stunde machen wir uns wieder auf dem Rückweg.
11:47Übernachten dürfen wir hier nicht.
11:49Das verbieten die kroatischen Behörden.
11:53Zwei Tage später.
11:54Antonella ist ein paar tausend Euro ärmer, aber glücklich.
11:57Heute bekommt sie endlich den Liberland-Pass.
12:00Professionell gedruckt, doch praktisch nutzlos.
12:03An keiner echten Staatsgrenze wird er akzeptiert.
12:06Gut, dass sie ihre italienischen Papiere behalten kann.
12:10Für seine Anhänger ist Liberland ein Versprechen
12:13auf eine andere, freiere Zukunft.
12:15Allerdings, mehr als zehn Jahre nach seiner Ausrufung
12:19ist davon noch nicht viel zu sehen.
12:21Oh, Gott, wie gehört auf mich.
12:36Vielen Dank.
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