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Seegras speichert CO₂, schützt Küsten und bietet Meerestieren ein Zuhause. Doch in der Ostsee sind 60% der Seegraswiesen verschwunden. Können Forscher und Umweltschützer den einzigartigen Lebensraum zurückbringen?

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Transkript
00:00Diese Pflanze sieht unscheinbar aus, doch Wissenschaftler kennen ihren Wert.
00:05Für mich ist Seegras eine ganz tolle Pflanze, sozusagen eine Superstar-Pflanze.
00:11Seegras ist eine unterschätzte und besondere Pflanze, bei der es sich lohnt, genauer hinzuschauen.
00:19Seegras schützt unsere Küsten, ist Lebensraum für tausende Lebewesen und es speichert CO2, ein Verbündeter im Klimaschutz.
00:28Doch weltweit haben Ozeane seit Ende des 19. Jahrhunderts fast 30 Prozent ihrer Seegraswiesen verloren.
00:36Was passiert, wenn eines der wertvollsten Ökosysteme verschwindet und lässt es sich wiederherstellen?
00:43Umweltschützer in Norddeutschland bereiten sich auf einen ungewöhnlichen Einsatz vor.
00:47Sie wollen Seegras ansiedeln. Der Aufwand ist groß, aber notwendig.
00:52Hier an der deutschen Ostseeküste ging der Bestand massiv zurück.
00:58Ich tauche ziemlich lange schon, mehr als 30 Jahre.
01:01Wir haben die Veränderung wahrgenommen, die es hier gibt.
01:04Die Möglichkeit, jetzt etwas zurückzubringen und etwas zu tun, was tatsächlich Impact hat.
01:09Das ist eigentlich der allerwesentlichste Punkt.
01:13Die Taucher holen Seegras aus einer Spenderwiese mit großer Vorsicht, um das Wurzelgeflecht nicht zu verletzen.
01:21Damit sich die Lücken schnell wieder schließen können, entnehmen sie nur verstreut einzelne Triebe.
01:27Und die bringen wir dann ins Wasser, um sie dann einzupflanzen, wieder an einer Stelle, die wir vorher gesucht haben,
01:34die geeignet ist.
01:36Jetzt beginnt die eigentliche Handarbeit. Halm für Halm setzen die Taucher das Seegras zurück in den Meeresboden.
01:44Ob daraus eine neue Seegraswiese wird, hängt von vielen Faktoren ab.
01:48Der Standort benötigt ein sandiges Sediment, Schutz vor Wellen und Strömung, genügend Licht und Sauerstoff im Wasser.
01:55Nur wenn das alles gegeben ist, haben die jungen Pflanzen eine Chance.
02:03Seegras wächst in Küstengewässern von mehr als 150 Ländern.
02:08Weltweit gibt es rund 70 Arten, manche direkt unter der Wasseroberfläche, andere bis in 60 Metern Tiefe.
02:16Wo Seegras gedeiht, entstehen ganze Unterwasserwiesen.
02:20Sie bieten Nahrung und Schutz für Fische, Krebse und viele andere Arten.
02:25Sie verbessern die Wasserqualität, können Wellen bremsen und so Küsten vor Erosion schützen.
02:31Und Seegras hat noch eine andere Superpower.
02:34Es kann Kohlenstoff im Meeresboden speichern, verglichen mit Waldflächen 30 bis 50 Mal schneller.
02:40Weltweit betrachtet stecken in den obersten 30 Zentimetern Seegrasboden im Durchschnitt fast 90 Tonnen CO2 pro Hektar.
02:50Wie viel tatsächlich gespeichert wird, hängt aber stark von Seegras Art, Standort und Sedimentbeschaffenheit ab.
02:59Das Geomar-Institut in Kiel erforscht die Rolle von Seegras als Kohlenstoffspeicher in der Deutschen Ostsee.
03:08Das sind hier Proben von den Sedimentkernen, die wir genommen haben.
03:13Den Kohlenstoff erkennt man auch sehr gut am Geruch, riecht dann schön nach Schwefel.
03:18Und das riecht so ein bisschen nach faulen Eiern, kann man auch noch mal.
03:25Du riechst es schon, ne?
03:27Wie viel CO2 gespeichert wird, hängt von mehreren Faktoren ab.
03:31Im Mittelmeer ist es zum Beispiel mehr als in der Ostsee.
03:34Global gesehen gibt es Länder mit viel mehr Seegras, beispielsweise im Indopazifik, wo es so sein wird,
03:40dass das eine erhebliche Bedeutung für deren Kohlenstoffbilanz haben wird.
03:44Doch die Bedeutung von Seegras bemisst sich nicht allein in CO2.
03:50Seegraswiesen gehören zu den wertvollsten Lebensräumen der Ostsee.
03:53Sie bieten vielen Arten Schutz und Nahrung, stabilisieren den Meeresboden und verbessern die Wasserklarheit,
03:59indem sie Schweb- und Nährstoffe binden.
04:01Wissenschaftler schätzen, dass entlang der Ostseeküste etwa 60 Prozent der Seegraswiesen verloren gegangen sind.
04:07Das ist die schlechte Nachricht, die gute Nachricht ist, dass der Rückgang jetzt zumindest gestoppt ist.
04:11Zwar gelangen heute weniger Düngemittel aus der Landwirtschaft in die Ostsee,
04:15doch sie bleiben ein Hauptproblem, denn sie begünstigen das Algenwachstum und die nehmen dem Seegras das Licht.
04:24Wie schafft man Bewusstsein für einen schützenswerten Lebensraum, der für die meisten unsichtbar ist?
04:31Genau hier setzt das Umweltbildungsprojekt Snorkeling City an.
04:36Daniela Kluger will Kindern zeigen, was direkt vor ihrer Haustür verborgen liegt.
04:40Nicht im Klassenzimmer, sondern mit Maske und Schnorchel.
04:46Genau, die Hoffnung ist einfach, dass Schülerinnen und Schüler, die aus erster Hand einmal erlebt haben,
04:53was hier in der Ostsee oder in der Kieler Förde insbesondere alles lebt und wächst,
04:58dass die einen anderen Bezug dazu entwickeln.
05:02Also ich fand es sehr schön, auch weil man ein bisschen was Neues gesehen hat,
05:07was man jetzt gar nicht so gedacht hätte.
05:08Auch weil man erfahren hat, was es da unter so alles gibt und nicht einfach nur Sand.
05:14Das Erlernen von Wissen über die Natur hat für Kinder, die heute aufwachsen, eine besondere Bedeutung.
05:19Diese Generation wird mit Klimawandel, Wasserknappheit, extrem viel sich miteinander auseinander ersetzen müssen.
05:28Das wird ein großes, großes Problem, noch mehr als für uns.
05:31Und daran müssen wir und sie auch arbeiten und man kann ja nur gut schützen, das was man auch kennt.
05:37Segras ist eine Blütenpflanze. Dadurch, dass es Wurzeln hat, hält es den Sand fest.
05:45Und wenn dann starke Strömung ist oder viel Wind oder ein Sturm oder so,
05:49dann wird der Sand nicht weggetragen, sondern er bleibt da.
05:53So kann Segras auch unsere Küsten vor Erosion schützen.
05:57Doch wie lassen sich diese natürlichen Barrieren im größeren Maßstab zurückbringen?
06:02Daran arbeitet Reinhard Helbig.
06:04Der Mitgründer eines Start-ups kümmert sich um marine Ökosysteme wie Seegraswiesen,
06:09die zum Beispiel durch Offshore-Aktivitäten wie Windparks beschädigt wurden.
06:13Die Arbeit beginnt am Strand.
06:17Das stürmische Wetter ist sehr gut für unsere Aktion,
06:20weil durch Wellenschlag und Strömung das Seegras aus dem Sediment ausgespült wird
06:25und zeitversetzt ein, zwei Tage später hier am Strand frisch ankommen.
06:31Die gesammelten Halme werden in Aquakulturen vermehrt.
06:34Nach mehrmonatiger Aufzucht werden die frischen Grashalme auf einen Aufzuchtträger gelegt.
06:39Ein Brett aus getrocknetem Seegras und etwas Sedimentboden sind als Starthilfe für die Neuansiedlung im Meer gedacht.
06:47Wir pflanzen hier an Land, um die Arbeiten unter Wasser zu reduzieren,
06:53weniger Tauchereinsätze zu benötigen und die Fleißarbeiten an Land durchführen zu können.
06:59Eine speziell entwickelte Maschine verwebt die Pflanzenstränge mit organisch abbaubaren Fäden.
07:05Es entstehen meterlange Stränge, die dann mit weniger Aufwand im Meer verlegt werden können.
07:10Unser Produkt ist sozusagen der Strang mit den Pflanzen und die bringen wir unter Wasser.
07:15Und die Aquakultur, das Zusammenspiel bringt dann die neue Seegraswiese.
07:20Das Ziel? Aufwendige Handarbeit minimieren und das Seegras künftig auf größeren Flächen auszubringen.
07:28Also unser Lösungsansatz ist natürlich gut für den Naturschutz, für die CO2-Bindung, diese typischen Seegrasthemen.
07:35Aber unser Aufwuchsträger kann noch viel mehr.
07:38Er ist auch eine Art Erosionsschutz für die Hafenbecken, für Strandufer.
07:43Es kann direkt bei den Windrädern oder bei Leitungen eingesetzt werden.
07:48Ausgleich- und Ersatzmaßnahmen für Baumaßnahmen, Renaturierungen.
07:53Damit Seegrasrenaturierung in Zukunft nicht nur auf kleinen Flächen funktioniert,
07:58suchen auch die Forschenden am Geomar-Helmuths-Zentrum in Kiel nach neuen Methoden.
08:04Ein Ansatz sind Samen.
08:08Zehn Prozent der Pflanzen in unseren Wiesen produzieren Samen.
08:12Hier sieht man schön die Samen, wie sie in der Samentasche liegen.
08:15Teilweise sind das sogar noch Blüten, die dann befruchtet werden.
08:19Und dann sitzen diese Samen hier wie aufgereiht an einer Perlenkette.
08:24Der große Vorteil an samenbasierter Wiederansiedlung von Seegraswiesen ist natürlich,
08:30dass die eine höhere genetische Diversität haben.
08:34Und wenn wir uns das vorstellen in Zukunft, dass wir wahrscheinlich auch großflächiger aussehen können.
08:40Die Zeit drängt.
08:41Schon jetzt sind Seegrasbestände durch wärmere Temperaturen und weitere Folgen des Klimawandels unter Druck geraten.
08:47Im Augenblick halten wir für am erfolgversprechendsten, um wirklich auch klimaresiliente Bestände zu bekommen.
08:53Dass wir einen Rückgrat aus den Einzelsprossen anpflanzen möchten und dann die genetische Diversität erhöhen dadurch,
09:00dass wir dann noch Aussaat dazwischen einbringen.
09:05Wie erfolgreich eine Methode wirklich ist, zeigt sich erst draußen, unter Wasser, nach Monaten oder Jahren.
09:14Wir fahren jetzt heute zu der allerersten Anpflanzung in der Deutschen Ostsee.
09:18Die wurde 2021 angepflanzt und wir kontrollieren heute, wie die so gewachsen ist.
09:29Die Taucher zählen Halme, prüfen die Dichte und dokumentieren, wie sich die Fläche entwickelt hat.
09:37Anschließend vergleichen sie die Ergebnisse mit der Spenderwiese, also jener gesunden Wiese, aus der damals Pflanzen entnommen wurden.
09:44Erst dieser Vergleich zeigt, ob die neue Wiese nur überlebt hat oder sich wieder einem natürlichen Bestand annähert.
09:52Wir haben gerade die Seegraswiese gemonitort und die Wiese ist super dicht.
09:58Wir haben ganz viele Sprosse gezählt, hoch Quadratmeter, und die sieht gut aus.
10:06Seegras kommt nicht schnell zurück.
10:08Die Wiederansiedlung ist arbeits- und kostenintensiv, aber langfristig ist jeder Halm eine Investition in die Gesundheit der Meere und
10:16den Klimaschutz.

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