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  • vor 6 Wochen
Volkswagen-Porsche 914
Zwei Seelen, ein Automobil - dieses nicht auf ein Konvolut von Verträgen basierte, sondern einem Handschlag von zwei Menschen.
Gehasst und mit schlechtem Ruf belegt, doch mit Verkaufszahlen zu seiner Zeit aufwartete, die kein anderer Sportwagen erreichen konnte - in den USA sogar den Porsche 911 um Längen abhängte.
Und doch wurde die Produktion schon nach 7 Jahren eingestellt - das mitten in höchster Nachfrage um dieses Automobil.

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Transkript
00:00:00Wenn du in den frühen 70ern von einem bezahlbaren Porsche träumtest, dann träumtest du von diesem hier.
00:00:07Dem VW Porsche, dem kleinen Zweisitzer mit dem herausnehmbaren Dach und den Klappscheinwerfern.
00:00:14Es war der erste deutsche Serienwagen mit dem Motor in der Mitte, die Bauweise der italienischen Supersportwagen und der meistverkaufte
00:00:23Sportwagen seiner Zeit.
00:00:25Er überstand den Spott der Puristen, einen Namen, den niemand wollte, und einen Preis, der ihn fast erwürgte, und wurde
00:00:33in Amerika trotzdem zum Bestseller, der sogar den Elfer schlug.
00:00:38Und dann, nach kaum sieben Jahren, war er weg. Verschwunden, verschrottet, verschwiegen.
00:00:45Wie kann ein Auto, das sich besser verkaufte als jeder Sportwagen seiner Zeit, so vollständig aus dem Gedächtnis fallen?
00:00:54Kapitel 1
00:00:55Der Wagen, den keiner wollte
00:00:57Frankfurt am Main, im September 1969
00:01:04Internationale Automobilausstellung, der Tag der Presse
00:01:06Am Stand eines neuen Sportwagens steht ein Mann am Mikrofon, den in der Welt des Motorsports jeder kennt.
00:01:13Fritz Huschke von Hanstein, der Rennbaron.
00:01:17Jahrzehntelang Porsches Rennleiter und Pressechef, ein Mann mit Instinkt für das Wort und das Bild.
00:01:23An diesem Morgen hat er eine Bitte an die versammelten Journalisten.
00:01:27Und es ist eine seltsame Bitte für einen Mann, dessen Beruf es ist, über ein Auto reden zu lassen.
00:01:32Er bittet sie, einen bestimmten Namen nicht zu verwenden.
00:01:36Der Wagen, der hinter ihm auf dem Podium steht, heißt offiziell VW Porsche.
00:01:42Zwei Marken, ein Bindestrich.
00:01:44Und von Hanstein ahnt bereits, was die deutsche Sprache aus diesem Bindestrich machen wird.
00:01:50Aus VW Porsche wird Volksporsche.
00:01:54Und aus Volksporsche wird, kurz und mit dem Feingehör des Spots, FOPO.
00:02:00Das Kürzel der Volkspolizei der DDR.
00:02:03Von Hanstein steht da und bittet die Presse, dieses, seine Worte, fatale Synonym beiseite zu lassen.
00:02:11Sie hörten ihm zu.
00:02:12Und dann schrieben sie trotzdem, was sie schreiben wollten.
00:02:16Man muss sich von Hanstein vorstellen, um zu begreifen, was für ein Moment das war.
00:02:20Ein Mann, der als Rennfahrer Titel geholt hatte.
00:02:24Der Porsche durch die großen Jahre von Le Mans und der Mille Miglia begleitet hatte.
00:02:29Der wusste, wie man aus einem Auto eine Legende macht.
00:02:33Wenn ausgerechnet dieser Mann die Presse anflehen muss, sein eigenes Produkt nicht zu verhöhnen,
00:02:39dann ist etwas schiefgelaufen, lange bevor die Kameras liefen.
00:02:43Der beste Erzähler im Raum hatte die Kontrolle über die Geschichte schon verloren.
00:02:47Und er wusste es.
00:02:49Der Name klebte.
00:02:51Er klebte an diesem Auto für den Rest seines Lebens.
00:02:54Und er klebt bis heute an ihm.
00:02:56Bevor der erste Kunde eingestiegen war, hatte der Wagen einen Spitznamen, den er nie gewollt hatte.
00:03:02Verpasst von Leuten, die ihn nicht mochten.
00:03:05Und hier beginnt das Merkwürdige an dieser Geschichte.
00:03:08Denn dieser verspottete, mit dem falschen Namen belegte Zwitter aus zwei Häusern, war kein Ladenhüter.
00:03:14Er wurde, in Zahlen gemessen, ein Triumph.
00:03:17Bis zum Frühjahr 1976 liefen 118.978 Exemplare von den Bändern.
00:03:25Der meistverkaufte Sportwagen seiner Zeit.
00:03:28In den Vereinigten Staaten zeitweise das meistverkaufte Modell, das Porsche überhaupt im Programm hatte.
00:03:34Mehr als der Elfer, der bis heute als die Ikone der Marke gilt.
00:03:39Ein Auto, das die Verkaufsstatistik gewann und den Ruf verlor.
00:03:43Das ist die Spannung, um die es in dieser Geschichte geht.
00:03:47Wer heute die Ruinen dieser Geschichte sucht, findet keine leere Werkshalle.
00:03:52Kein rostendes Tor, keinen rissigen Parkplatz, über den einmal die Frühschicht kam.
00:03:57Beide Firmen, die diesen Wagen bauten, gibt es noch.
00:04:00Porsche in Zuffenhausen, Volkswagen in Wolfsburg.
00:04:04Sie florieren.
00:04:05Sie sind, was man 1969 für undenkbar gehalten hätte, inzwischen sogar ein einziges Unternehmen.
00:04:12Die Ruine dieser Geschichte ist keine aus Backsteinen.
00:04:16Es ist eine gute Idee, die man im eigenen Haus verhungern ließ.
00:04:20Es ist der Ruf eines Autos, das besser war, als man je zugeben wollte.
00:04:24Und es ist eine Stille, die entsteht, als eine der klügsten Konstruktionen ihrer Zeit
00:04:29für über 20 Jahre einfach nicht mehr weitergedacht wurde.
00:04:33Wie kommt ein Auto, das besser war als sein Ruf, zu einem Ruf, der es nie wieder losließ?
00:04:39Die Antwort beginnt nicht mit Blech und nicht mit einem Motor.
00:04:43Sie beginnt mit zwei Männern, die sich die Hand gaben.
00:04:47Kapitel 2
00:04:48Ein Handschlag in Wolfsburg
00:04:51Mitte der 60er Jahre.
00:04:53Die Bundesrepublik steht mitten im Wirtschaftswunder und kein Auto verkörpert es so vollständig
00:04:59wie der Käfer.
00:05:00Er rollt millionenfach über die Straßen der Welt.
00:05:03Ein rundes, freundliches Versprechen aus Wolfsburg, dass Deutschland wieder etwas bauen
00:05:07kann, das hält.
00:05:09Der Mann, der hinter diesem Wunder steht, heißt Heinrich Nordhoff.
00:05:13In der Branche nennen sie ihn Heinz.
00:05:15Nordhoff hatte im Jahr 1948 ein zerbombtes Werk übernommen, in einer Stadt, die kaum
00:05:21älter war als die Fabrik selbst, gebaut worden war.
00:05:25Wolfsburg schließlich für genau diesen einen Zweck.
00:05:28Aus diesem Werk hatte er den Motor des westdeutschen Aufstiegs gemacht.
00:05:33Er war ein Autokönig alter Prägung.
00:05:36Einer, der die Zahlen las, aber die Menschen kannte.
00:05:39Einer, für den das gegebene Wort noch etwas galt.
00:05:42Ein Handschlag war bei Nordhoff ein Vertrag.
00:05:46Er brauchte kein Papier, um sich gebunden zu fühlen.
00:05:49Das war seine Stärke.
00:05:51Es sollte, ohne dass er es je erfuhr, auch die Wurzel der Tragödie werden.
00:05:56Denn Nordhoff hatte ein Problem.
00:05:58Und es war das Problem eines erfolgreichen Mannes.
00:06:01Sein Käfer wurde alt.
00:06:03Nicht in den Verkaufszahlen, noch nicht.
00:06:06Aber im Konzept.
00:06:07Und der sportliche Aufsatz, den Volkswagen im Programm hatte,
00:06:11der elegante Karmann-Gier in seiner betagten Form,
00:06:15der reichte nicht mehr, um nach oben abzurunden.
00:06:19Nordhoff suchte einen Nachfolger.
00:06:21Einen zweisitzigen, offenen Sportwagen.
00:06:23Der jung war, bezahlbar und der die Händler belebte.
00:06:27Ein Auto, das die Leute in die Schauräume zog.
00:06:30Auch die, die am Ende einen anderen Wagen kauften.
00:06:33Zur selben Zeit, 150 Kilometer weiter südlich,
00:06:37in Stuttgart zu Fffenhausen,
00:06:39saß ein Mann mit dem umgekehrten Problem.
00:06:42Ferry Porsche.
00:06:43Mit vollem Namen Ferdinand Anton Ernst Porsche.
00:06:47Sohn jenes Ferdinand Porsche,
00:06:49der einst den Käfer konstruiert hatte.
00:06:52Ferry führte ein kleines, feines Haus,
00:06:55das Sportwagen von Weltrang baute.
00:06:57Aber der Elfer, der neue Stolz der Marke, war teuer.
00:07:01Darunter klaffte eine Lücke.
00:07:04Porsche hatte sie mit dem Zwölfer zu füllen versucht.
00:07:07Im Grunde ein Elfer mit dem schwächeren Vierzylinder.
00:07:10Und die Sache lief.
00:07:11Aber sie befriedigte Ferry Porsche nicht.
00:07:14Die Zahlen waren nicht das, was er sich erhofft hatte.
00:07:18Er brauchte ein echtes Einstiegsmodell.
00:07:21Etwas Eigenes.
00:07:22Etwas unter dem Elfer, das trotzdem ein Porsche sein durfte.
00:07:26Zwei Häuser, zwei entgegengesetzte Lücken,
00:07:30die sich zu einer einzigen Lösung fügten,
00:07:33wenn man sie nur zusammenlegte.
00:07:36Der eine wollte nach oben, der andere nach unten.
00:07:40Und in der Mitte trafen sie sich.
00:07:43Und es waren nicht irgend zwei Häuser.
00:07:46Porsche und Volkswagen waren miteinander verwachsen,
00:07:49seit es beide gab.
00:07:52Ferdinand Porsche, Ferrys Vater, hatte den Käfer entworfen.
00:07:57Volkswagen war, in seinem Ursprung, ein Porsche-Entwurf.
00:08:02Und als Ferry nach dem Krieg begann,
00:08:04unter eigenem Namen Sportwagen zu bauen,
00:08:07stand der allererste Porsche, der 356,
00:08:11auf der Technik des Käfers.
00:08:14Motor, Getriebe, Achsen,
00:08:17vieles kam aus Wolfsburg.
00:08:20Die beiden Firmen hatten sich gegenseitig hervorgebracht.
00:08:24Eine Zusammenarbeit lag nicht nur nahe,
00:08:26sie war fast schon Familientradition.
00:08:30Und damit sind wir beim Kern.
00:08:33Ferry Porsche und Heinrich Nordhoff einigten sich.
00:08:37Nicht in einem Konferenzsaal voller Anwälte,
00:08:40nicht mit einem Stapel Verträge auf dem Tisch.
00:08:43Sie gaben sich die Hand.
00:08:45Porsche würde den Wagen entwickeln,
00:08:47als Auftragsentwicklung, aus Teilen beider Häuser.
00:08:51Volkswagen würde ihn bauen und die Kosten der Werkzeuge tragen.
00:08:55Vermarktet würde er unter beiden Namen,
00:08:57zum Nutzen beider Seiten.
00:08:59Das war die Abmachung.
00:09:00Ein Ehrenwort zwischen zwei Männern,
00:09:02die einander seit Jahrzehnten kannten.
00:09:04Kein Vertrag, kein unterschriebenes Blatt.
00:09:07Der erste deutsche Seriensportwagen mit dem Motor in der Mitte.
00:09:11Ein Auto, das Millionen kosten und zehntausende Male gebaut werden sollte,
00:09:16ruhte auf nichts als einem Händedruck.
00:09:18Warum ging das gut?
00:09:21Warum vertraute ein Mann wie Ferry Porsche, ein Unternehmer, ein Millionenprojekt,
00:09:26einem bloßen Handschlag an?
00:09:28Weil es zwischen diesen beiden Häusern kein bloßer Handschlag war.
00:09:32Es war Familie.
00:09:34Nordhoffs Tochter Elisabeth war mit Ernst Pirch verheiratet.
00:09:37Und Ernst Pirch war Ferry Porsches Neffe.
00:09:40Die beiden Männer, die da in Wolfsburg per Handschlag den Fopo besiegelten,
00:09:45waren verschwägert.
00:09:46Der Deal war halb Geschäft und halb Verwandtschaft.
00:09:49Und genau deshalb brauchte ihn niemand aufzuschreiben.
00:09:52Unter Verwandten schreibt man keine Verträge.
00:09:55Man gibt sich die Hand und verlässt sich darauf,
00:09:57dass der andere hält, was er versprochen hat.
00:10:00Es ist eine schöne Vorstellung.
00:10:02Zwei Familien, zwei Firmen, ein Wagen,
00:10:05besiegelt mit dem Vertrauen von Blutsbanden.
00:10:08Und es war in genau diesem Moment die stärkste Grundlage,
00:10:12die man sich denken konnte.
00:10:14Nur hat ein Handschlag eine Eigenschaft,
00:10:16die ein Vertrag nicht hat.
00:10:18Er lebt nur, solange die Hände leben, die ihn gaben.
00:10:22Ein Vertrag überdauert seine Unterzeichner.
00:10:25Ein Ehrenwort nicht.
00:10:27Solange Nordhoff und Ferry Porsche an ihren Schreibtischen saßen,
00:10:31war die Abmachung so gut wie in Stein gemeißelt.
00:10:34Doch niemand am Tisch dachte an den Tag,
00:10:36an dem einer der beiden Stühle leer sein würde.
00:10:39Und an einen Fremden, der sich darauf setzt.
00:10:43Noch aber war es nicht so weit.
00:10:45Noch lebte der Handschlag.
00:10:47Und aus ihm entstand etwas,
00:10:49das die Ingenieure in Zuffenhausen für das Beste hielten,
00:10:52was ihnen seit langem in die Hände gefallen war.
00:10:54Ein weißes Blatt Papier.
00:11:01Für einen Konstrukteur gibt es kein größeres Geschenk
00:11:05und keine größere Gefahr als ein leeres Lastenheft.
00:11:09Das Lastenheft ist das Dokument,
00:11:11in dem steht, was ein neues Auto können und sein muss.
00:11:14Meist ist es dick.
00:11:16Es schreibt vor,
00:11:17welche Teile aus dem Konzernregal zu verwenden sind,
00:11:20welche Maße gelten,
00:11:22welche Vorgängerkompromisse man zu erben hat.
00:11:24Es ist die Summe aller Zwänge,
00:11:27bevor die erste Linie gezeichnet wird.
00:11:29Es macht Autos möglich.
00:11:31Und es macht sie zahm.
00:11:33Das Lastenheft für den neuen Wagen war beinahe leer.
00:11:37Es stand kaum mehr darin als ein einziger Satz.
00:11:40Ein zweisitziger, offener Sportwagen
00:11:42mit dem Motor in der Mitte.
00:11:44Stell dir vor,
00:11:45du bist Ingenieur bei Porsche.
00:11:47Ende der 60er Jahre.
00:11:48Du hast dein Handwerk
00:11:49an einer der anspruchsvollsten Marken der Welt gelernt.
00:11:52Und dann legt dir jemand ein fast leeres Blatt hin und sagt,
00:11:56bei uns einen Sportwagen.
00:11:58Mach ihn neu.
00:11:59Fast alles ist erlaubt.
00:12:01Das ist der Moment,
00:12:03in dem sich zeigt,
00:12:04was in einer Konstruktionsabteilung wirklich steckt.
00:12:07Die Männer,
00:12:08die dieses Blatt füllten,
00:12:09hießen Ferdinand Alexander Porsche,
00:12:12in der Familie nur Butzi genannt,
00:12:14und Heinrich Klee.
00:12:16Butzi Porsche war kein Unbekannter.
00:12:19Er hatte die Linie des Elvers gezeichnet,
00:12:21jene zeitlose Form,
00:12:23die Porsche bis heute
00:12:24in jeder neuen Generation zitiert.
00:12:26Nun bekam er die Freiheit,
00:12:29noch einmal von vorn zu beginnen.
00:12:31Ohne die Last eines Vorgängers.
00:12:33Ohne die heilige Silhouette,
00:12:35die er beim Elver zu wahren hatte.
00:12:37Und Butzi,
00:12:38Porsche und Klee
00:12:39nutzten diese Freiheit vollständig aus.
00:12:42Was sie entwarfen,
00:12:43war für ein Serienauto seiner Zeit
00:12:45eine kleine Sensation.
00:12:47Der Motor saß in der Mitte.
00:12:49Nicht vorn,
00:12:50wie bei fast allen Autos der Welt,
00:12:52nicht hinten,
00:12:53wie beim Käfer und beim Elver.
00:12:55In der Mitte.
00:12:56Zwischen den Achsen.
00:12:57Dort, wo das Gewicht eines Autos
00:12:59am wenigsten stört
00:13:00und am meisten nützt.
00:13:02Das war die Bauweise,
00:13:03die Ferrari und Lamborghini
00:13:05für ihre teuersten Supersportwagen verwendeten.
00:13:08Für Autos,
00:13:09die ein Facharbeiter
00:13:10sich in seinem ganzen Leben
00:13:11nicht leisten konnte.
00:13:12Diese Bauweise,
00:13:14dieses Ideal der Fahrphysik,
00:13:16sollte es plötzlich
00:13:17zum Volkspreis geben.
00:13:18Ein Mittelmotorsportwagen für Leute,
00:13:21die keinen Ferrari besaßen
00:13:23und Mii einen besitzen würden.
00:13:25Und dabei blieben Butzi,
00:13:26Porsche und Klee nicht stehen.
00:13:28Sie gaben dem Wagen
00:13:30ein herausnehmbares Tagerdach
00:13:32aus Kunststoff.
00:13:33Man konnte es abnehmen
00:13:34und im Heck verstauen,
00:13:35dann fuhr man offen
00:13:36und wollte man das Dach wieder,
00:13:38war es in Minuten montiert.
00:13:40Sie gaben ihm zwei Kofferräume,
00:13:42einen vorn und einen hinten,
00:13:44weil der Motor in der Mitte
00:13:45den Platz an beiden Enden freiließ.
00:13:47Sie gaben ihm Klappscheinwerfer,
00:13:50die sich bei Tag in die Front duckten
00:13:52und dem Auto
00:13:53seine klare, flache Linie ließen.
00:13:57Es war praktisch,
00:13:58es war eigenwillig,
00:14:00es war modern.
00:14:02Nichts daran sah aus
00:14:03wie ein Kompromiss.
00:14:05Und doch war der ganze Wagen
00:14:07ein Kompromiss,
00:14:09im besten Sinne.
00:14:11Denn das eigentliche Versprechen
00:14:13dieses Autos lag nicht in seiner Form,
00:14:16sondern in seinem Preis.
00:14:17Und der Preis hing an einer einzigen Idee.
00:14:21Teilen.
00:14:23Der neue Sportwagen
00:14:25sollte sich aus den Regalen
00:14:26beider Häuser bedienen.
00:14:29Ein luftgekühlter Boxermotor,
00:14:31ein Baukasten
00:14:32aus vorhandenen Komponenten
00:14:34von Volkswagen und Porsche.
00:14:37Nichts musste von Grund auf
00:14:39neu und teuer entwickelt werden,
00:14:41was es anderswo im Konzern schon gab.
00:14:44Das war der Kern
00:14:46des Kostenversprechens.
00:14:48Das war der Grund,
00:14:50warum der Traum
00:14:51vom Mittelmotor
00:14:52bezahlbar bleiben konnte.
00:14:54Man musste ihn nur bauen
00:14:56wie geplant,
00:14:57mit den Teilen
00:14:58wie geplant,
00:14:59zu den Preisen
00:15:00wie geplant.
00:15:01Und die Rechnung
00:15:03ging auf.
00:15:05Der Wagen bekam
00:15:06zwei Herzen,
00:15:07je nachdem,
00:15:08wer ihn kaufte.
00:15:09Für die eine,
00:15:11günstigere Variante
00:15:12war ein Vierzylinder
00:15:14vorgesehen.
00:15:15Ein luftgekühlter Boxer
00:15:17von Volkswagen.
00:15:19Es war der sogenannte
00:15:20Typ 4 Motor,
00:15:22ein 1,7 Liter,
00:15:24wie er im großen
00:15:25Volkswagen 411 E
00:15:28seinen Dienst tat,
00:15:30mit Einspritzung
00:15:31und 80 PS.
00:15:34Für die andere,
00:15:35edlere Variante
00:15:36war ein Sechszylinder
00:15:38von Porsche gedacht,
00:15:40ein 2-Liter-Boxer
00:15:42aus dem 11er T
00:15:43mit 110 PS.
00:15:46Ein Auto,
00:15:47zwei Seelen,
00:15:49der bürgerliche Sportwagen
00:15:51und der kleine,
00:15:52echte Porsche
00:15:53unter demselben Blech.
00:15:56Und hier lohnt sich
00:15:57die Genauigkeit,
00:15:58denn an diesem Punkt
00:16:00hat sich später
00:16:01ein Spott festgesetzt,
00:16:03der bis heute nachhalt.
00:16:05Die Puristen,
00:16:07die Gläubigen
00:16:07von Zuffenhausen,
00:16:09verhöhnten den Vierzylinder
00:16:11als schwachen
00:16:12Volkswagen-Motor,
00:16:13als Herz eines
00:16:15Möchtegern-Porsche.
00:16:16Der Vorwurf
00:16:18traf die Herkunft
00:16:19des Motors.
00:16:20Er traf nicht
00:16:21seine Leistung.
00:16:22Denn diese 1,7 Liter,
00:16:24verwandt mit dem Aggregat,
00:16:26das später auch im Bus
00:16:27arbeitete,
00:16:28saß hier in einem
00:16:29leichten Mittelmotor-Zweisitzer
00:16:30und in diesem Auto
00:16:32brachte er den Wagen
00:16:33auf 185 Stundenkilometer.
00:16:36In dem leichten
00:16:37Sportwagen war er
00:16:38sogar sparsamer,
00:16:39als er im schweren
00:16:40Spenderfahrzeug gewesen war.
00:16:42Der Motor war nicht
00:16:43das Problem,
00:16:44sein Stammbaum
00:16:45war das Problem.
00:16:46Man verhöhnte nicht,
00:16:48was der Wagen konnte,
00:16:49man verhöhnte,
00:16:50woher er kam.
00:16:52Hinter der technischen
00:16:53Ambition dieser Jahre
00:16:55stand bei Porsche
00:16:55noch ein anderer Name,
00:16:57den man kennen muss,
00:16:58weil er sich am Ende
00:16:59dieser Geschichte
00:17:00auf eine Weise
00:17:01widerschließen wird,
00:17:02die 1968
00:17:03niemand ahnen konnte.
00:17:05Ferdinand Pirch,
00:17:07Ferris Neffe,
00:17:08war in dieser Zeit
00:17:09die treibende
00:17:10Ingenieurskraft im Haus,
00:17:11der Mann hinter den
00:17:12großen Rennwagen
00:17:13jener Ära.
00:17:15Es war dieselbe
00:17:16Konstruktionskultur,
00:17:17dieselbe Kompromisslosigkeit,
00:17:19aus der auch das kleine
00:17:20Auto seinen Anspruch bezog.
00:17:22Der neue Sportwagen
00:17:23war kein billiges
00:17:24Nebenprodukt.
00:17:25Er war das Werk
00:17:26von Leuten,
00:17:26die es besser konnten
00:17:27als fast alle auf der Welt
00:17:29und die hier zeigen durften,
00:17:31was sie aus einem
00:17:32weißen Blatt machten,
00:17:33wenn man sie ließ.
00:17:34Man ließ sie.
00:17:35Und das Ergebnis
00:17:36war außergewöhnlich sauber.
00:17:39Der erste deutsche
00:17:40Seriensportwagen
00:17:41mit Mittelmotor.
00:17:42Ausgewogen,
00:17:43klar,
00:17:43eigenständig.
00:17:44Ein Auto,
00:17:46dem man von der ersten
00:17:46Fahrt an bescheinigte,
00:17:48dass es fuhr wie etwas,
00:17:49das viel teurer war.
00:17:51Und das ist die
00:17:52eigentliche Ironie,
00:17:53die über allem liegt,
00:17:54was noch kommen wird.
00:17:55Dieses Auto würde
00:17:57in seinem Leben
00:17:57an vielem scheitern.
00:17:59An der Technik
00:18:00würde es nicht scheitern.
00:18:01Die Konstruktion
00:18:02war nicht das Opfer.
00:18:04Sie war
00:18:04das Meisterstück.
00:18:06Am 1. März 1968
00:18:08war es soweit.
00:18:10Der erste Prototyp
00:18:11des neuen Wagens
00:18:12wurde präsentiert.
00:18:14Da stand er nun,
00:18:15das Ergebnis
00:18:15des weißen Blattes.
00:18:17Der Mittelmotor,
00:18:18das Tagerdach,
00:18:20die Klappscheinwerfer,
00:18:21die zwei Kofferräume.
00:18:22Das gute Auto,
00:18:23das aus einem Handschlag
00:18:25geboren war.
00:18:26Aus der Freundschaft
00:18:27zweier verschwägerter Häuser.
00:18:29Aus dem Vertrauen
00:18:30zweier Männer,
00:18:31die sich nicht
00:18:32die Mühe gemacht hatten,
00:18:33ihr Versprechen
00:18:34aufzuschreiben,
00:18:35weil sie einander
00:18:36vertrauten wie Brüder.
00:18:38Alles war bereit.
00:18:40Der Wagen existierte.
00:18:43Der Plan war gut,
00:18:44die Kalkulation stand,
00:18:46die Freundschaft trug.
00:18:49Es hing nur noch
00:18:50an den beiden Männern,
00:18:51die sich die Hand
00:18:52gegeben hatten.
00:18:53Solange sie beide
00:18:55an ihren Schreibtischen
00:18:56saßen,
00:18:57konnte nichts
00:18:58diesen Wagen
00:18:58aus der Bahn werfen.
00:19:00Einer von ihnen
00:19:02hatte noch
00:19:03sechs Wochen
00:19:03zu leben.
00:19:06Kapitel 4
00:19:07Der 12. April 1968
00:19:13Sechs Wochen
00:19:14So lange
00:19:15stand der Prototyp
00:19:17in der Welt,
00:19:17bevor sich alles änderte.
00:19:20Am 12. April 1968
00:19:23starb Heinrich Nordhoff.
00:19:26Ein Herzinfarkt.
00:19:28Der Mann,
00:19:29der das zerbombte Wolfsburg
00:19:31in den Motor
00:19:31eines Wirtschaftswunders
00:19:33verwandelt hatte,
00:19:34der 20 Jahre
00:19:35an der Spitze
00:19:36von Volkswagen
00:19:37gestanden hatte,
00:19:38war fort.
00:19:39Für Volkswagen
00:19:40war das der Verlust
00:19:41einer Ära.
00:19:42Für den kleinen Sportwagen
00:19:43aus Zuffenhausen
00:19:44war es etwas anderes.
00:19:45Es war der Verlust
00:19:47des einzigen Menschen,
00:19:48der wusste,
00:19:48was versprochen worden war.
00:19:50Der Nordhoff
00:19:51hatte den Handschlag
00:19:52nie zu Papier gebracht.
00:19:54Er hatte ihn auch
00:19:55nie erklärt.
00:19:56Nicht seinem Aufsichtsrat,
00:19:57nicht seinen Kaufleuten,
00:19:59nicht den Männern,
00:20:00die nach ihm
00:20:00die Bilanzen führen würden.
00:20:02Warum auch?
00:20:03Ein Handschlag
00:20:04war für Nordhoff
00:20:05ein Vertrag.
00:20:06Er ging davon aus,
00:20:07dass er noch lange
00:20:08an seinem Schreibtisch sitzen
00:20:09und die Abmachung
00:20:10mit eigener Hand
00:20:11durchsetzen würde.
00:20:12Er ging davon aus,
00:20:14dass Zeit war.
00:20:15Es war keine Zeit.
00:20:17An dem Tag,
00:20:18an dem Nordhoff starb,
00:20:19existierte die wichtigste
00:20:20Grundlage des ganzen Projekts
00:20:22nur noch in der Erinnerung
00:20:23eines einzigen Mannes
00:20:24in Stuttgart,
00:20:26Ferry Porsche.
00:20:27Und Erinnerung
00:20:28ist kein Rechtstitel.
00:20:30Ferry Porsche wusste,
00:20:32was ihm zugesagt worden war,
00:20:33aber er konnte es nicht beweisen.
00:20:35Es gab nichts zu beweisen.
00:20:37Es gab nur zwei Hände,
00:20:39die sich einmal getroffen hatten
00:20:41und von denen eine
00:20:42nun tot war.
00:20:45Man muss hier einen Moment
00:20:47innehalten bei dem,
00:20:48was Vertrauen
00:20:49in einem solchen Fall bedeutet.
00:20:52Nordhoff und Ferry Porsche
00:20:54hatten sich nicht die Mühe
00:20:55eines Vertrags gemacht,
00:20:57weil sie einander vertrauten
00:20:59und weil sie verschwägert waren,
00:21:02weil zwischen ihren Familien
00:21:04eine Ehe stand.
00:21:05Genau das,
00:21:07was den Handschlag
00:21:08so stark machte,
00:21:09solange beide lebten,
00:21:11machte ihn so wertlos,
00:21:12sobald einer fehlte.
00:21:15Ein Fremder erbt
00:21:17keine Verwandtschaft.
00:21:18Ein Fremder erbt
00:21:20eine Akte.
00:21:22Und in der Akte
00:21:23stand über den kleinen
00:21:24Sportwagen kein Wort,
00:21:26das ihn geschützt hätte.
00:21:28Der Fremde hatte einen Namen.
00:21:30Kurt Lotz.
00:21:33Lotz war nicht als
00:21:35Krisenmanager nach Wolfsburg gekommen
00:21:37und auch nicht als Feind Porsches.
00:21:40Er war als Nachfolger
00:21:42vorgesehen.
00:21:43Sorgfältig aufgebaut,
00:21:45an Nordhoffs Seite gestellt,
00:21:47mit einem Amtsantritt,
00:21:49der eigentlich erst
00:21:50für das Ende des Jahres
00:21:511968 geplant war.
00:21:54Es sollte ein geordneter
00:21:55Übergang werden,
00:21:56wie ihn große Konzerne schätzen.
00:22:00Der alte Mann
00:22:01führt den Neuen ein,
00:22:03übergibt Stück für Stück,
00:22:04erklärt die gewachsenen Bindungen,
00:22:07die offenen Absprachen,
00:22:08die Dinge,
00:22:09die zwischen den Zeilen
00:22:11der Verträge stehen.
00:22:13Nordhoffs Herz
00:22:14hielt sich nicht
00:22:15an diesen Plan.
00:22:17Statt eines geordneten
00:22:18Übergangs
00:22:19über viele Monate
00:22:20wurde Lotz
00:22:22im April
00:22:22in ein Amt geworfen,
00:22:24für das er im April
00:22:25noch nicht bereit sein sollte.
00:22:27Er übernahm
00:22:29einen Konzern
00:22:30in dem Moment,
00:22:31in dem dessen prägende
00:22:32Figur
00:22:33von einer Sekunde
00:22:34auf die andere
00:22:35verschwand.
00:22:37Und mit dem Konzern
00:22:38übernahm er alles,
00:22:39was ungeklärt war.
00:22:41Jede lose Absprache,
00:22:44jedes Versprechen,
00:22:45das Nordhoff
00:22:46im Kopf
00:22:46aber nicht
00:22:47in den Akten
00:22:48geführt hatte.
00:22:50Eines dieser Versprechen
00:22:52betraf
00:22:52einen zweisitzigen
00:22:54Sportwagen
00:22:55mit dem Motor
00:22:55in der Mitte.
00:22:58Es ist wichtig,
00:22:59an diesem Punkt
00:23:00nicht in die
00:23:00einfache Erzählung
00:23:02zu fallen.
00:23:03Die einfache Erzählung
00:23:05hätte gern
00:23:06einen Bösewicht.
00:23:07Sie hätte gern
00:23:08einen Mann,
00:23:08der aus Bosheit
00:23:09oder Gier
00:23:10ein Ehrenwort brach.
00:23:11Aber so war es nicht.
00:23:13Lotz brach
00:23:14kein Wort,
00:23:15von dem er wusste.
00:23:16Er fand
00:23:16ein Versprechen vor,
00:23:18das ihm niemand
00:23:18erklärt hatte,
00:23:19das nirgends
00:23:20geschrieben stand,
00:23:21das ein Toter
00:23:22einem anderen
00:23:23gegeben hatte.
00:23:24Und er tat,
00:23:25was ein neu bestellter
00:23:26Konzernchef
00:23:27in einer solchen Lage tut.
00:23:28Er sah sich
00:23:29die Zahlen an.
00:23:31Was er sah,
00:23:32gefiel ihm nicht.
00:23:33Und damit beginnt
00:23:35der eigentliche Bruch
00:23:35dieser Geschichte.
00:23:37Nicht am Sterbebett
00:23:38Nordhoffs,
00:23:39sondern ein paar Wochen
00:23:40später,
00:23:40an einem Schreibtisch
00:23:41in Wolfsburg,
00:23:42an dem ein Mann saß,
00:23:44der kein Benzin
00:23:45im Blut hatte,
00:23:46nur eine Bilanz
00:23:47vor Augen.
00:23:48Kapitel 5
00:23:49Der Mann
00:23:50mit der Bilanz
00:23:52Um zu verstehen,
00:23:53was nun geschah,
00:23:54muss man verstehen,
00:23:55wer Kurt Lotz war.
00:23:57Denn seine Herkunft
00:23:58erklärt seine Entscheidung
00:23:59besser als jeder Vorwurf.
00:24:01Lotz wurde
00:24:02am 18. September
00:24:031912 geboren,
00:24:05als Sohn
00:24:06eines Bauern
00:24:06in Hessen.
00:24:07Er war kein Kind
00:24:08der Automobilwelt.
00:24:10Er war nicht
00:24:10in Werkshallen
00:24:11groß geworden,
00:24:13hatte nicht
00:24:13als Junge
00:24:14den Geruch
00:24:15von heißem Öl
00:24:16und Metall
00:24:16eingeatmet,
00:24:18hatte keine
00:24:18Beziehung
00:24:19zu Motoren,
00:24:20die über
00:24:20das Sachliche
00:24:21hinausging.
00:24:22Er kam
00:24:23aus dem Management
00:24:24eines großen
00:24:26Elektrokonzerns,
00:24:27von Brown,
00:24:28Boveri und
00:24:28Company,
00:24:29einem Haus
00:24:30der Turbinen
00:24:31und Transformatoren,
00:24:33nicht der Sportwagen.
00:24:35Lotz war ein Manager
00:24:36im modernen Sinn,
00:24:38ein Mann,
00:24:38der gelernt hatte,
00:24:40ein Unternehmen
00:24:40als System
00:24:41von Zahlen
00:24:42zu lesen,
00:24:43als Bilanz
00:24:44aus Aktiva
00:24:45und Passiva,
00:24:46aus Kosten
00:24:47und Erträgen.
00:24:48Und er war
00:24:49kein Mitglied
00:24:50des Clans.
00:24:51Das ist der Punkt,
00:24:53an dem alles hängt.
00:24:54Rund um Porsche
00:24:56und Volkswagen
00:24:56spann sich
00:24:57ein Geflecht
00:24:58aus zwei Familien,
00:24:59aus Porsches
00:25:00und Piechs,
00:25:01aus Verwandtschaft
00:25:02und Loyalität
00:25:03und alten Rechnungen,
00:25:05die man nicht
00:25:06in Geld beglich.
00:25:07Lotz stand
00:25:08außerhalb
00:25:09dieses Geflechts.
00:25:11Für ihn
00:25:11war Ferry Porsche
00:25:12kein angeheirateter
00:25:14Verwandter
00:25:14des verstorbenen
00:25:15Chefs.
00:25:17Für ihn
00:25:17war Porsche
00:25:18ein Zulieferer,
00:25:19ein Vertragspartner,
00:25:21eine Position
00:25:22in der Bilanz
00:25:23von Volkswagen
00:25:23und er hatte
00:25:24eine Pflicht,
00:25:25nicht gegenüber
00:25:27einem Handschlag,
00:25:28von dem er nichts
00:25:29wusste,
00:25:30sondern gegenüber
00:25:31dem Konzern,
00:25:32den man ihm
00:25:32anvertraut hatte.
00:25:34Aus dieser
00:25:35Pflicht heraus
00:25:36traf er seine
00:25:37erste,
00:25:38folgenschwere
00:25:39Entscheidung.
00:25:41Lotz erkannte
00:25:41den Handschlag
00:25:42nicht an,
00:25:43nicht aus
00:25:44Böswilligkeit,
00:25:45sondern weil es
00:25:46aus seiner Sicht
00:25:47nichts anzuerkennen
00:25:48gab.
00:25:50Er ließ
00:25:50Porsche wissen,
00:25:51dass die
00:25:52Abmachung so,
00:25:53wie Ferry Porsche
00:25:54sie verstand,
00:25:55nicht gelten könne.
00:25:57Volkswagen hatte
00:25:58in die Werkzeuge
00:25:59investiert,
00:26:00in die Vorrichtungen,
00:26:02mit denen der
00:26:03Wagen gebaut wurde.
00:26:04Und Lotz
00:26:05verlangte,
00:26:06dass Porsche
00:26:07sich an diesen
00:26:08Kosten beteiligte,
00:26:10dass es mehr
00:26:10für die Karosserien
00:26:11zahlte,
00:26:12als vorgesehen war.
00:26:14Und Volkswagen
00:26:15beanspruchte
00:26:16die Rechte
00:26:17am Vertrieb.
00:26:19Für einen
00:26:19Betriebswirt
00:26:20war das
00:26:21kein Verrat.
00:26:22Es war
00:26:23Sorgfalt.
00:26:25Denn
00:26:25Nordhoffs
00:26:26eigentliches
00:26:26Kalkül
00:26:27war für
00:26:28einen Mann
00:26:28wie Lotz
00:26:29gar kein
00:26:30Argument.
00:26:32Nordhoff
00:26:32hatte den
00:26:33kleinen
00:26:33Sportwagen
00:26:34nie als
00:26:35große
00:26:35Geldmaschine
00:26:36gesehen.
00:26:37Er hatte
00:26:37ihn als
00:26:38das
00:26:38gesehen,
00:26:39was man
00:26:39einen
00:26:39Frequenzbringer
00:26:40nennt.
00:26:41Ein Auto,
00:26:42das die
00:26:42jungen Leute
00:26:43in die
00:26:43Schauräume
00:26:44der
00:26:44Volkswagen-Händler
00:26:45lockt,
00:26:46das Leben
00:26:47auf die
00:26:47Hoffläche
00:26:48bringt,
00:26:49das
00:26:49nebenbei
00:26:50den
00:26:50Verkauf
00:26:51ganz
00:26:51anderer
00:26:52Modelle
00:26:52beflügelt.
00:26:53Ein
00:26:54Auto,
00:26:55dessen Wert
00:26:55nicht in
00:26:56seiner eigenen
00:26:57Marge
00:26:57lag,
00:26:58sondern in
00:26:59dem,
00:26:59was es
00:26:59für
00:27:00alles
00:27:00andere
00:27:00tat.
00:27:02Das war
00:27:02eine
00:27:03Rechnung,
00:27:03die ein
00:27:04Autokönig
00:27:04im Kopf
00:27:05machen konnte,
00:27:06der die
00:27:06Psychologie
00:27:07seiner
00:27:07Händler
00:27:08kannte.
00:27:09Es war
00:27:10keine
00:27:10Rechnung,
00:27:11die in
00:27:11einer
00:27:11Bilanz
00:27:12auftauchte.
00:27:13Und
00:27:14Lotz
00:27:14las
00:27:15Bilanzen.
00:27:16Was
00:27:17ein
00:27:17Mann
00:27:17sah,
00:27:18war
00:27:18ein
00:27:18Ehrenwort.
00:27:20Was
00:27:20der
00:27:20andere
00:27:20sah,
00:27:21war
00:27:21eine
00:27:21Position,
00:27:22die
00:27:22sich
00:27:22nicht
00:27:23rechnete.
00:27:24Beide
00:27:25hatten
00:27:25aus
00:27:25ihrer
00:27:26Warte
00:27:26recht.
00:27:27Und
00:27:28genau
00:27:28darin
00:27:28liegt
00:27:29die
00:27:29Tragik.
00:27:30Nicht
00:27:31in
00:27:31der
00:27:31Bosheit
00:27:31des
00:27:32einen,
00:27:32sondern
00:27:33in
00:27:33der
00:27:33Unvereinbarkeit
00:27:34zweier
00:27:35Weltbilder,
00:27:36die nur
00:27:36so lange
00:27:37verborgen
00:27:37geblieben
00:27:38war,
00:27:38wie
00:27:39Nordhoff
00:27:39dazwischen
00:27:40stand.
00:27:41Die
00:27:42Folge
00:27:42war
00:27:43unmittelbar
00:27:43und
00:27:43verheerend.
00:27:44Die
00:27:44ganze
00:27:45Preis- und
00:27:46Vermarktungskalkulation
00:27:47des
00:27:47Wagens,
00:27:47die
00:27:48auf
00:27:48Nordhoffs
00:27:49großzügige
00:27:49Auslegung
00:27:50geruht
00:27:50hatte,
00:27:51brach
00:27:51zusammen,
00:27:52bevor
00:27:52die
00:27:52Serie
00:27:53überhaupt
00:27:53richtig
00:27:54angelaufen
00:27:54war.
00:27:55Der
00:27:55Wagen
00:27:56sollte
00:27:56billig
00:27:56sein.
00:27:57Nun
00:27:57wurde
00:27:57er
00:27:57teurer,
00:27:58Position
00:27:59für
00:27:59Position,
00:28:00noch
00:28:00ehe
00:28:00er
00:28:00auf
00:28:01der
00:28:01Straße
00:28:01stand.
00:28:02Und
00:28:02dann
00:28:03kam
00:28:03die
00:28:03zweite
00:28:03Entscheidung
00:28:04und
00:28:04sie
00:28:05machte
00:28:05alles
00:28:05noch
00:28:05schlimmer.
00:28:07Lotz
00:28:07hielt
00:28:08das
00:28:08prognostizierte
00:28:08Volumen
00:28:09des
00:28:09Wagens
00:28:09für
00:28:10zu
00:28:10gering,
00:28:10um
00:28:11ihn
00:28:11in
00:28:11Wolfsburg
00:28:11zu
00:28:12bauen.
00:28:12Das
00:28:13große
00:28:13Werk
00:28:13war
00:28:14für
00:28:14den
00:28:14Käfer
00:28:14da,
00:28:15für
00:28:15die
00:28:15Massen,
00:28:16für
00:28:16Stückzahlen
00:28:17in
00:28:17Millionen
00:28:17Höhe.
00:28:18Ein
00:28:19Sportwagen,
00:28:19von dem
00:28:20man
00:28:20vielleicht
00:28:2030.000
00:28:21im
00:28:21Jahr
00:28:21absetzen
00:28:22würde,
00:28:23passte
00:28:23nicht
00:28:23in
00:28:23diese
00:28:24Logik.
00:28:24Also
00:28:25gab
00:28:25Lotz
00:28:25die
00:28:26Fertigung
00:28:26nach
00:28:26außen,
00:28:27nach
00:28:27Osnabrück,
00:28:28zu
00:28:28Wilhelm
00:28:29Karmann
00:28:29GmbH,
00:28:31jenem
00:28:31Karosseriebauer,
00:28:32der ohnehin
00:28:33das
00:28:33auslaufende
00:28:34alte
00:28:34Karmann-Gia-Projekt
00:28:35zu ersetzen
00:28:36hatte und
00:28:37der nun
00:28:37den neuen
00:28:38Wagen
00:28:38komplett
00:28:39aufbauen
00:28:39sollte.
00:28:40Auf dem
00:28:41Papier
00:28:41war das
00:28:42vernünftig.
00:28:43In der
00:28:43Praxis
00:28:44trieb es
00:28:44die Kosten
00:28:45der
00:28:45Karosserie
00:28:45weiter
00:28:46nach
00:28:46oben.
00:28:46Und
00:28:47für
00:28:47die
00:28:47edlere
00:28:48Sechszylinder-Variante
00:28:49wurde es
00:28:50geradezu
00:28:50grotesk.
00:28:52Karmann
00:28:52baute
00:28:53die
00:28:53Karosserien,
00:28:54lieferte
00:28:55sie
00:28:55nach
00:28:55Zuffenhausen
00:28:56und dort
00:28:57bei
00:28:57Porsche
00:28:58wurden
00:28:58sie
00:28:58entmontiert.
00:29:00Ein
00:29:01Weg
00:29:01mehr,
00:29:02eine
00:29:02Rechnung
00:29:02mehr,
00:29:03ein
00:29:03Aufschlag
00:29:04mehr.
00:29:05Hier
00:29:05liegt
00:29:06die
00:29:06bitterste
00:29:06Ironie
00:29:07dieser
00:29:07ganzen
00:29:08Rechnerei
00:29:08und man
00:29:09muss
00:29:09sie
00:29:10langsam
00:29:10aussprechen,
00:29:11damit
00:29:11sie
00:29:11ankommt.
00:29:13Dieselbe
00:29:13Firma
00:29:14Karmann
00:29:14in
00:29:15Osnabrück,
00:29:15die
00:29:16Porsche
00:29:16seit
00:29:16langem
00:29:17die
00:29:17Karosserien
00:29:18für
00:29:18den
00:29:1811er
00:29:19und
00:29:19den
00:29:1912er
00:29:20lieferte,
00:29:20für
00:29:21die
00:29:21teuren,
00:29:22echten
00:29:22Porsche
00:29:23also,
00:29:23musste
00:29:24Porsche
00:29:24nun
00:29:25die
00:29:25Karosserien
00:29:26für
00:29:26den
00:29:26kleinen,
00:29:27billigen
00:29:27Wagen
00:29:28liefern.
00:29:29Und
00:29:29weil
00:29:30Lotz
00:29:30hart
00:29:31verhandelt
00:29:31hatte,
00:29:32weil
00:29:32die
00:29:32ganze
00:29:32Kostenlast
00:29:33sich
00:29:33verschoben
00:29:34hatte,
00:29:35zahlte
00:29:35Porsche
00:29:35für
00:29:36diese
00:29:36Karosserien
00:29:37mehr.
00:29:38Ferry
00:29:39Porsche
00:29:39zahlte
00:29:40für
00:29:40die
00:29:40Hülle
00:29:40des
00:29:41günstigen
00:29:41Autos
00:29:42mehr
00:29:42pro
00:29:42Stück
00:29:43als
00:29:43für
00:29:43die
00:29:43Hülle
00:29:44des
00:29:44teuren.
00:29:45Der
00:29:46Zulieferer
00:29:46war
00:29:47derselbe,
00:29:47der
00:29:48Preis
00:29:48war
00:29:49verkehrt
00:29:49herum.
00:29:50Ferry
00:29:51Porsches
00:29:52Frust
00:29:52darüber
00:29:52ist
00:29:53überliefert
00:29:54und man
00:29:55versteht
00:29:55ihn.
00:29:55Er
00:29:56hatte
00:29:56einem
00:29:56Freund
00:29:57die
00:29:57Hand
00:29:57gegeben
00:29:57auf
00:29:57ein
00:29:58Auto,
00:29:58das
00:29:58erschwinglich
00:29:59sein
00:29:59sollte,
00:30:00das
00:30:00seine
00:30:00Marke
00:30:01nach
00:30:01unten
00:30:01öffnen
00:30:02sollte.
00:30:02Nun
00:30:03saß
00:30:03er
00:30:03da
00:30:03mit
00:30:04einem
00:30:04Wagen,
00:30:04der
00:30:05ihm
00:30:05bei
00:30:05jeder
00:30:05Karosse
00:30:06mehr
00:30:06abverlangte
00:30:07als
00:30:07sein
00:30:07Spitzenmodell
00:30:08und
00:30:08der
00:30:08Freund,
00:30:09mit
00:30:09dem
00:30:09er
00:30:10das
00:30:10ausgehandelt
00:30:10hatte,
00:30:11war
00:30:11tot.
00:30:12Was
00:30:13das
00:30:13alles
00:30:13am
00:30:13Ende
00:30:13für
00:30:14den
00:30:14Käufer
00:30:14bedeutete,
00:30:15lässt
00:30:15sich
00:30:15in
00:30:16einer
00:30:16einzigen
00:30:16Zahl
00:30:17fassen,
00:30:17und
00:30:18diese
00:30:18Zahl
00:30:18ist
00:30:18das
00:30:19Todesurteil,
00:30:20das
00:30:20über
00:30:20dem
00:30:20Wagen
00:30:21hing,
00:30:21lange
00:30:22bevor
00:30:22jemand
00:30:22ihn
00:30:22fuhr.
00:30:23Die
00:30:24Sechszylinder
00:30:25Variante,
00:30:25der
00:30:26kleine,
00:30:26echte
00:30:27Porsche
00:30:27unter
00:30:27dem
00:30:27Blech,
00:30:28kostete
00:30:28in den
00:30:29Vereinigten
00:30:29Staaten
00:30:30am
00:30:30Ende
00:30:30nur
00:30:30rund
00:30:30500
00:30:31Dollar
00:30:31weniger
00:30:32als
00:30:32der
00:30:33große
00:30:33Elfer.
00:30:34In
00:30:34Deutschland
00:30:35landete
00:30:35sie
00:30:36bei
00:30:36knapp
00:30:3619.000
00:30:37Mark,
00:30:38gefährlich
00:30:38nah am
00:30:39Preis
00:30:39des
00:30:39Wagens,
00:30:40den
00:30:40sie
00:30:40eigentlich
00:30:41als
00:30:41günstige
00:30:42Alternative
00:30:42unterbieten
00:30:43sollte.
00:30:44Man
00:30:44halte
00:30:45sich
00:30:45das
00:30:45vor
00:30:45Augen,
00:30:46der
00:30:46Wagen
00:30:47war
00:30:47gedacht
00:30:47als
00:30:47Einstieg,
00:30:48als
00:30:49das
00:30:49Auto
00:30:49für
00:30:49den,
00:30:50der
00:30:50sich
00:30:50den
00:30:50Elfer
00:30:51nicht
00:30:51leisten
00:30:51konnte.
00:30:52Und
00:30:52nun
00:30:53stand
00:30:53er
00:30:53im
00:30:53Schaufenster,
00:30:55ein
00:30:55paar
00:30:55hundert
00:30:56Dollar
00:30:56unter
00:30:57dem
00:30:57Objekt
00:30:57der
00:30:58Begierde.
00:30:59Wer
00:31:00fast
00:31:00genug
00:31:01Geld
00:31:01für
00:31:01einen
00:31:01echten
00:31:02Elfer
00:31:02hatte,
00:31:03warum
00:31:04sollte
00:31:04er
00:31:04sich
00:31:04mit
00:31:05dem
00:31:05kleinen
00:31:05Bruder
00:31:06begnügen,
00:31:07der
00:31:07obendrein
00:31:08den
00:31:08falschen
00:31:08Motor
00:31:09und
00:31:09den
00:31:10falschen
00:31:10Namen
00:31:10trug.
00:31:12Und
00:31:12wer
00:31:13weniger
00:31:13Geld
00:31:13hatte,
00:31:14für
00:31:14den
00:31:15war
00:31:15auch
00:31:15der
00:31:15kleine
00:31:16Bruder
00:31:16zu
00:31:16teuer.
00:31:17Der
00:31:18Wagen
00:31:19fiel
00:31:19zwischen
00:31:19die
00:31:19Preise,
00:31:20wie
00:31:21er
00:31:21bald
00:31:21zwischen
00:31:22die
00:31:22Marken
00:31:22fallen
00:31:23würde.
00:31:24Er
00:31:25war
00:31:25zu
00:31:25teuer,
00:31:26um
00:31:26billig
00:31:26zu
00:31:27sein
00:31:27und
00:31:28zu
00:31:28billig,
00:31:29um
00:31:29teuer
00:31:29zu
00:31:29sein.
00:31:31Ein
00:31:31Betriebswirt
00:31:32hatte,
00:31:33Position
00:31:33für
00:31:34Position,
00:31:35jede
00:31:36Zahl
00:31:36für
00:31:36sich
00:31:37verteidigen
00:31:37können.
00:31:38In
00:31:39der
00:31:39Summe
00:31:39hatten
00:31:40diese
00:31:40Zahlen
00:31:41ein
00:31:41gutes
00:31:41Auto
00:31:42ruiniert,
00:31:43ehe es
00:31:43die
00:31:44Chance
00:31:44bekam,
00:31:45ein
00:31:45gutes
00:31:45Auto
00:31:46zu
00:31:46sein.
00:31:48Und
00:31:48noch
00:31:49fehlte
00:31:49das
00:31:49Schlimmste.
00:31:51Noch
00:31:51fehlte
00:31:52der
00:31:52Name.
00:31:55Kapitel
00:31:566
00:31:57Zwei
00:31:58Namen,
00:31:59kein
00:31:59Zuhause
00:32:01Anfang
00:32:021969
00:32:03suchte
00:32:05man
00:32:05einen
00:32:05Kompromiss.
00:32:06Nach
00:32:06dem
00:32:07zerbrochenen
00:32:07Handschlag,
00:32:08nach dem
00:32:08Streit um
00:32:09Kosten und
00:32:09Vertriebsrechte,
00:32:11musste eine
00:32:11Form gefunden
00:32:12werden,
00:32:13in der
00:32:13beide
00:32:13Häuser
00:32:14diesen
00:32:14Wagen
00:32:14verkaufen
00:32:15konnten,
00:32:16ohne
00:32:16dass
00:32:16eines
00:32:16das
00:32:17andere
00:32:17übervorteilte.
00:32:18Man
00:32:19gründete
00:32:19eine
00:32:20gemeinsame
00:32:20Gesellschaft,
00:32:21die
00:32:21VW
00:32:22Porsche
00:32:22Vertriebsgesellschaft
00:32:24MBH.
00:32:25Sie
00:32:25sollte
00:32:25den
00:32:26Verkauf
00:32:26in
00:32:26Europa
00:32:27führen,
00:32:27den
00:32:28beiden
00:32:28Marken
00:32:28gemeinsam.
00:32:29Ihr
00:32:30Sitz
00:32:30lag
00:32:30zunächst
00:32:31auf dem
00:32:31Stuttgarter
00:32:32Gelände
00:32:32von
00:32:32Porsche,
00:32:33bald
00:32:33darauf
00:32:34in
00:32:34Ludwigsburg,
00:32:35weshalb
00:32:35auf manchen
00:32:36Werksfotos
00:32:37jener
00:32:37Jahre ein
00:32:38LB
00:32:38auf dem
00:32:39Kennzeichen
00:32:40prangt,
00:32:40ein
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00:35:39Genau die Art von Satz,
00:35:41den kein Ingenieur mit noch so guten Argumenten je wieder aus den Köpfen bekommt.
00:35:46Und nun geschah das Grausamste, was einem Produkt widerfahren kann.
00:35:50Es wurde von beiden Seiten zugleich abgelehnt.
00:35:53Da waren die Puristen, die Gläubigen von Zuffenhausen, für die der Name Porsche etwas Heiliges war.
00:36:00Sie sahen einen Porsche mit einem Volkswagen-Motor.
00:36:03Sie sahen Radkappen von Volkswagen.
00:36:06Sie sahen, wo man am Chrom gespart hatte.
00:36:09Sie sahen die schmalen Reifen.
00:36:10Sie sahen jeden Punkt, an dem der Wagen nicht das war, was ein echter Porsche in ihren Augen zu sein
00:36:16hatte.
00:36:17Für sie war er kein Einstieg in die Marke.
00:36:20Für sie war er eine Verwässerung, eine Zumutung, ein Verrat an dem Emblem auf der Haube.
00:36:27Reiner Markensnobismus.
00:36:29Aber Markensnobismus hat noch nie ein Auto verschont.
00:36:33Und da war die andere Seite.
00:36:35Vor allem in Europa.
00:36:36Die Kundschaft von Volkswagen.
00:36:39Für sie war der Wagen das Gegenteil.
00:36:41Zu teuer.
00:36:43Zu karg.
00:36:43Zu unklar in dem, was er eigentlich sein wollte.
00:36:47Wer einen bezahlbaren, praktischen Wagen suchte, fand hier einen spartanischen Zweisitzer zu einem Preis, der ihn nicht mehr bezahlbar erscheinen
00:36:57ließ.
00:36:58Wer Luxus suchte, fand ihn hier nicht.
00:37:02Der Wagen fiel durch beide Raster.
00:37:05Die Zahlen des ersten Jahres sagen alles.
00:37:09Man hatte eine Kapazität für 30.000 Autos vorgesehen.
00:37:14Sie wurde im ersten Jahr nicht einmal zur Hälfte genutzt.
00:37:19Man wäre versucht, hier nur den Ruf verantwortlich zu machen.
00:37:23Den Spott, den Snobismus, den ungerechten Reim.
00:37:28Aber ein Chronist, der es ehrlich meint, muss auch das andere sagen.
00:37:33Der Wagen hatte in seinen frühen Jahren echte Mängel.
00:37:38Es gab Anfangsprobleme in der Verarbeitung.
00:37:41Er neigte zum Rost, wie so viele Autos jener Zeit.
00:37:46Aber es fiel bei ihm besonders ins Gewicht.
00:37:49Die Wartung war schwierig, weil der Motor in der Mitte saß.
00:37:54Versteckt, schlecht erreichbar.
00:37:56Was in der Fahrphysik ein Segen war, war in der Werkstatt ein Fluch.
00:38:01Und die empfindliche Einspritzanlage des kleinen 1,7-Liter-Motors machte Ärger.
00:38:07Das waren keine Erfindungen der Spötter, das war real.
00:38:11Aber, und dieses Aber trägt den Rest der Geschichte,
00:38:15diese Mängel erklärten nicht den Hohn.
00:38:18Autos jener Jahre rosteten alle.
00:38:21Neue Modelle hatten alle ihre Kinderkrankheiten.
00:38:24Kein Wagen wurde für solche Dinge so verlacht wie dieser.
00:38:27Der Spott galt nicht den Rostlöchern und nicht der Einspritzanlage.
00:38:32Der Spott galt der Herkunft, dem Namen, dem Bindestrich.
00:38:37Man verhöhnte nicht, was der Wagen schlecht machte.
00:38:40Man verhöhnte, was er war.
00:38:42Und so stand er da, am Ende seines ersten Jahres.
00:38:46Ein technisch außergewöhnliches Auto,
00:38:49geboren aus der Freiheit eines weißen Blattes,
00:38:52ruiniert im Preis durch die Bilanzlogik eines Fremden,
00:38:55benannt durch einen Kompromiss, der ihm den Spott einbrachte,
00:38:59verstoßen von den Puristen und verschmäht von der Masse.
00:39:03Ein Auto, das man nicht wollte, mit einem Namen, den es nicht wollte,
00:39:07verteidigt von einem Mann, dem niemand zuhörte.
00:39:10Alles sprach dagegen, dass es diesem Wagen je etwas werden würde.
00:39:14Und dann, während man in Deutschland noch über den Fopo witzelte,
00:39:18geschah auf der anderen Seite der Welt etwas,
00:39:21mit dem in Wolfsburg und Zuffenhausen kaum jemand gerechnet hatte.
00:39:31Es gibt eine Wahrheit über den kleinen Sportwagen,
00:39:35die in Deutschland niemand hören wollte
00:39:36und die auf der anderen Seite des Atlantiks von Anfang an offensichtlich war.
00:39:41Der Wagen war gut.
00:39:43Nicht gut für den Preis.
00:39:45Nicht gut für einen halben Volkswagen.
00:39:47Nicht gut mit Einschränkungen.
00:39:49Einfach gut.
00:39:51Wer ihn fuhr, spürte es in der ersten Kurve.
00:39:54Der Motor saß in der Mitte, das Gewicht lag dort, wo es hingehörte
00:39:58und das Auto tat, was ein Sportwagen tun soll.
00:40:01Es folgte dem Willen des Fahrers, ohne zu zicken,
00:40:04ohne die Tücken, die schwere Motoren an den Enden eines Wagens mit sich bringen.
00:40:08Selbst mit dem verhöhnten Vierzylinder, selbst mit nur 80 PS,
00:40:12urteilten Fahrer damals wie heute übereinstimmend.
00:40:15Ein wirklich guter Sportwagen.
00:40:17Nicht der schnellste.
00:40:19Nicht der stärkste.
00:40:20Aber einer der ehrlichsten und ausgewogensten seiner Zeit.
00:40:23Die Ingenieurskunst, die aus dem weißen Blatt gekommen war,
00:40:27ließ sich nicht kleinreden.
00:40:29Man konnte den Wagen benennen, wie man wollte.
00:40:31Man konnte ihn verspotten, wie man wollte.
00:40:33Sobald er rollte, hatte er recht.
00:40:36In den Vereinigten Staaten interessierte sich niemand für den Bindestrich.
00:40:40Dort hieß der Wagen Porsche, schlicht und ohne Zusatz.
00:40:44Und die Amerikaner nahmen ihn als das, was auf der Haube stand.
00:40:48Ein Porsche, den man sich leisten konnte.
00:40:50Ein Einstieg in eine Marke, die sonst unerreichbar schien.
00:40:54Und sie kauften ihn.
00:40:55Sie kauften ihn in einer Menge, die alle Erwartungen sprengte.
00:40:59Der Löwenanteil der gesamten Produktion ging über den Atlantik.
00:41:03Und dort geschah, was man in Zuffenhausen kaum laut aussprach,
00:41:08weil es die Verhältnisse auf den Kopf stellte.
00:41:11Der kleine, verspottete Vierzylinder wurde zeitweise zum meistverkauften Modell,
00:41:17das Porsche überhaupt hatte.
00:41:19Er übertraf den Elfer.
00:41:22Deutlich.
00:41:23Der Wagen, über den man in Deutschland Witze machte,
00:41:26war in Amerika der Bestseller der Marke,
00:41:29deren Namen er angeblich nicht verdiente.
00:41:32Man muss diesen Widerspruch einen Moment stehen lassen,
00:41:36weil er das Herz dieser ganzen Geschichte ist.
00:41:39Dieselbe Blechhülle.
00:41:41Derselbe Motor.
00:41:43Dieselben zwei Kofferräume.
00:41:45Dasselbe Tagerdach.
00:41:47Dieselben Klappscheinwerfer.
00:41:49Auf dem einen Kontinent ein Gespött.
00:41:52Auf dem anderen ein Triumph.
00:41:54Der Unterschied lag nicht im Auto.
00:41:57Der Unterschied lag im Namen und in den Köpfen.
00:42:01In Deutschland trug der Wagen einen Bindestrich und eine Beleidigung.
00:42:06In Amerika trug er nur das Wappen.
00:42:09Zwei Wahrheiten über ein und dasselbe Auto, getrennt durch einen Ozean.
00:42:15Es gab sogar eine Steigerung.
00:42:17Ein Auto, das zeigte, was aus dem kleinen Wagen hätte werden können,
00:42:20wenn man ihn nur gelassen hätte.
00:42:22Es hieß 916.
00:42:25Ein festes Dach statt des herausnehmbaren Tagerverdecks.
00:42:29Weit ausgestellte Kotflügel.
00:42:30Der stärkste Sechszylinder, den man dem Wagen einpflanzen konnte.
00:42:34Es war der Mittelmotor-Gedanke zu Ende gedacht.
00:42:38Ohne Rücksicht auf den Preis.
00:42:40Ohne die Sparzwänge, die dem Serienwagen die schmalen Reifen und die Volkswagen-Radkappen aufgezwungen hatten.
00:42:46Der 916 war das, was der ganze Entwurf im Innersten sein wollte.
00:42:52Es wurden elf Stück gebaut.
00:42:53Elf.
00:42:54Ein Auto, das bewies, dass in dieser Konstruktion ein echter, kompromissloser Porsche steckte
00:43:00und das genau deshalb nie in Serie ging, weil ein echter, kompromissloser Porsche in dieser Preisklasse in niemandes Rechnung passte.
00:43:09Der 916 blieb ein Gerücht, ein Versprechen, das man elfmal einlöste und dann für immer zurückzog.
00:43:17Der Wagen wurde mit den Jahren sogar reifer.
00:43:191972 verschwand der teure Sechszylinder aus dem Programm, ersetzt durch einen stärkeren 2-Liter-Vierzylinder mit 100 PS.
00:43:27Mehr Kraft, weniger Aufpreis.
00:43:30Ein Jahr darauf löste ein 1,8 Liter mit Vergaser den empfindlichen kleinen Einspritzer ab.
00:43:36Jene Anlage, die so viel Ärger gemacht hatte.
00:43:39Die Kinderkrankheiten heilten aus.
00:43:41Der Wagen wurde besser, vernünftiger, standfester.
00:43:44Jahr für Jahr ein Stück mehr das Auto, das er von Anfang an hätte sein sollen.
00:43:50Und darin liegt die grausamste Pointe dieses Kapitels.
00:43:53Der Wagen wurde immer besser.
00:43:55Genau in den Jahren, in denen sein Ruf längst in Beton gegossen war.
00:44:00Man kann ein Auto verbessern, man kann eine Einspritzanlage tauschen und einen Motor verstärken und den Rost bekämpfen.
00:44:07Einen Ruf kann man nicht tauschen.
00:44:09Der Spitzname blieb, auch als der Wagen, der ihn trug, kaum noch etwas mit dem Wagen zu tun hatte, über
00:44:16den man sich 1969 lustig gemacht hatte.
00:44:21Die Wirklichkeit besserte sich.
00:44:24Das Bild in den Köpfen blieb.
00:44:27Aber der Beweis, den selbst die Puristen nicht wegreden konnten, kam nicht aus einem Verkaufsraum.
00:44:34Er kam von der Rennstrecke.
00:44:36Und er kam an einem Tag, an dem niemand hinsah.
00:44:44Kapitel 8
00:44:4524 Stunden
00:44:49Porsche baute vom Sechszylinder eine geschärfte Version für den Motorsport.
00:44:54Den Sechszylinder GT.
00:44:58Ausgestellte Kastenkotflügel, breitere Reifen, Karosserieteile aus Kunststoff, ein Motor, der in seinen stärksten Ausbaustufen an die 210 PS reichte.
00:45:11Aus dem gutmütigen Straßensportwagen wurde ein Rennwagen mit Zähnen.
00:45:17Und dieser Rennwagen fuhr dorthin, wo sich die Ernsthaftigkeit eines jeden Sportwagens entscheidet.
00:45:23Nach Le Mans.
00:45:24Zum härtesten Langstreckenrennen der Welt.
00:45:27Zu den 24 Stunden, in denen ein Auto nicht schnell sein muss, sondern schnell und unzerstörbar zugleich.
00:45:35Es war das Jahr 1970.
00:45:38Und der kleine Wagen kam nicht einmal als Werkswagen.
00:45:41Porsche selbst hatte an diesem Wochenende Größeres vor.
00:45:45Der Sechszylinder GT, der in Le Mans antrat, war von der französischen Importgesellschaft Sonauto gemeldet, dem Haus, das die Marke
00:45:54in Frankreich vertrat.
00:45:55Am Steuer saßen zwei Franzosen, Claude Ballot-Lenard und Guy Chasseuil.
00:46:01Sie fuhren einen privaten Einsatz in einem Feld voller Werksgeschütze, der übermächtigen Porsche-Prototypen, der Ferraris, der hubraumstarken Amerikaner.
00:46:12In ihrer Klasse standen sie weit hinten in der Startaufstellung.
00:46:16Niemand rechnete mit ihnen.
00:46:18Es war ein David unter lauter Goliaths.
00:46:21Und dann half das Wetter.
00:46:23Es regnete über der Saat und im Regen zeigte sich, was ein leichtes Auto mit dem Gewicht an der richtigen
00:46:30Stelle vermag.
00:46:31Während die schweren Wagen auf der nassen Strecke kämpften, lief der kleine Porsche wie ein Uhrwerk.
00:46:37Nach vier Stunden führte er sein Rennen an.
00:46:41Als es aufklarte und die Bahn trocknete, zog ein hubraumstarker Chevrolet davon, den auf dem trockenen Asphalt niemand halten konnte.
00:46:49Doch dann kam der Regen zurück und mit ihm der kleine Wagen wieder nach vorn.
00:46:55Es wurde ein Zweikampf bis in die letzten Runden.
00:46:59Am Ende überquerte der Chevrolet die Ziellinie als erster seiner Auseinandersetzung.
00:47:05Eine Runde vor dem Porsche.
00:47:07Und doch gewann der Porsche.
00:47:09Denn der Amerikaner hatte, gemessen an seinem großen Hubraum, nicht die Mindestdistanz zurückgelegt, die das Reglement für eine Wertung verlangte.
00:47:18Der Regen und die ewigen Reifenwechsel hatten ihn zu oft aufgehalten.
00:47:23Er wurde nicht gewertet.
00:47:25Der kleine Wagen, der das ganze Rennen über nicht einmal die Bremsbeläge und nicht einmal die trockenen Reifen gewechselt hatte,
00:47:32wurde als Sechster der Gesamtwertung eingestuft.
00:47:34Und als Sieger seiner Klasse.
00:47:37Mehr noch, er schlug auch die Klasse über sich, alle Elfer, die dort antraten, die Werkselfer eingeschlossen.
00:47:43Man halte sich das vor Augen.
00:47:45Der halbe Volkswagen, der Möchtegern-Porsche, der Wopo, stand am Ende der 24 Stunden von Le Mans unter den ersten
00:47:53sechs Autos der Welt.
00:47:54Und hatte, in seiner Klasse und der darüber, die echten Porsche hinter sich gelassen, die man ihm als die wahren
00:48:01entgegengehalten hatte.
00:48:03Und dann geschah das Grausamste.
00:48:05Niemand sah hin.
00:48:06Denn an genau diesem Wochenende, auf genau dieser Strecke, gelang Porsche etwas, worauf das Haus seit zwei Jahrzehnten hingearbeitet hatte.
00:48:15Der erste Gesamtsieg in Le Mans überhaupt.
00:48:18Errungen von großen Prototypen, dem 917 von Hans Herrmann und Richard Edward.
00:48:25Ein historischer Triumph, der alles überstrahlte.
00:48:28Die Zeitungen waren voll vom großen Sieg.
00:48:32Für den kleinen Klassensieg blieb kaum eine Zeile.
00:48:36Der verspottete Wagen hatte auf der größten Bühne des Motorsports bewiesen, was in ihm steckte.
00:48:42Und ging im Jubel über den großen Bruder unter, wie er Zeit seines Lebens im Schatten des großen Bruders unterging.
00:48:51Ein Held, den keiner bemerkte.
00:48:54Es hätte kein treffenderes Bild für dieses Auto geben können.
00:49:00Kapitel 9
00:49:01Der Preis des Elvers
00:49:04Der Sechszylinder ging zuerst.
00:49:07Er war der stolzeste Teil des ganzen Projekts.
00:49:10Der echte Porsche unter dem Blech.
00:49:13Das Herz, das den Wagen aus dem Verdacht des Möchtegern hätte heben sollen.
00:49:18Und er war der erste, der starb.
00:49:21Nicht an der Technik.
00:49:23Der Motor war gut, das Auto war schnell.
00:49:26In Le Mans hatte es bewiesen, was in ihm steckte.
00:49:29Er starb an dem, woran er von Anfang an krankte.
00:49:34Am Preis.
00:49:35Er lag zu nah am Elfer.
00:49:37Und ein Auto, das fast so viel kostet, wie das Auto, das es unterbieten soll, hat keinen Grund zu existieren.
00:49:471972 war Schluss.
00:49:49Nach nur drei Jahren.
00:49:513.332 Stück.
00:49:54Mehr wurden es nie.
00:49:56Man muss sich das klar machen.
00:49:59Der Teil des Wagens, der ihn hätte adeln sollen, hielt sich drei Jahre.
00:50:03Die Rechnung von Kurt Lotz, jede Position für sich verteidigt, hatte am Ende genau das getötet, was den Wagen vor
00:50:12dem Spott hätte retten können.
00:50:15Der billige Bruder lebte weiter.
00:50:17Der edle war zuerst tot.
00:50:21Der Vierzylinder hielt länger.
00:50:23Er war das Rückgrat der Produktion.
00:50:26Das Auto der großen Zahlen.
00:50:28Der Bestseller in Amerika.
00:50:30Bei Karmann in Osnabrück liefen die Bänder weiter.
00:50:34Jahr um Jahr.
00:50:35Bis ins Frühjahr 1976.
00:50:39Dann war auch dort Schluss.
00:50:41Es gab keinen Knall.
00:50:44Karmann baute weiter Autos.
00:50:46Für andere.
00:50:47Für Volkswagen.
00:50:48Für die nächsten Modelle.
00:50:50Nur dieser eine Wagen lief aus.
00:50:53Er verschwand nicht mit einem Beben, sondern durch bloßes Gewicht.
00:50:57Die Zahlen wurden dünner, das Programm wurde bereinigt und irgendwann rollte der letzte über das Band, ohne dass jemand ihm
00:51:04nachsah.
00:51:05In Amerika behalf man sich noch ein Jahr mit einer merkwürdigen Lösung, die zeigt, wie sehr sich alles verschlungen hatte.
00:51:12Man nahm den 2-Liter-Motor aus dem kleinen Sportwagen und setzte ihn in einen Elfer-Körper.
00:51:17Das Ergebnis hieß 912e und überbrückte die Jahre 1975 und 1976.
00:51:25Ein Elfer mit dem Herzen des verschmähten Wagens.
00:51:28Der kleine Bruder war tot, aber sein Motor durfte noch ein Jahr im Haus des großen Bruders wohnen.
00:51:35Und dann kommt die Ironie, die sich um diese ganze Geschichte legt wie ein Ring.
00:51:39Der eigentliche Nachfolger des Wagens war der 924, der 1976 erschien.
00:51:46Ein eleganter Sportwagen.
00:51:48Vorne der Motor, hinten der Antrieb.
00:51:51Über viele Jahre ein Erfolg für Porsche.
00:51:53Und dieser 924 war in seinem Ursprung wieder ein Volkswagen-Projekt.
00:51:59Ein Auto, das Volkswagen hatte entwickeln lassen und dann nicht selbst baute.
00:52:05Das Porsche übernahm und im ehemaligen NSU-Werk in Neckarsulm fertigte.
00:52:12Porsche verstrickte sich ein zweites Mal in ein Auto, das aus Wolfsburg angestoßen war.
00:52:19Zum zweiten Mal ein Wagen mit Volkswagen im Stammbaum.
00:52:23Aber diesmal, und das ist der Unterschied, der alles bedeutet.
00:52:28Diesmal zu Porsches eigenen Bedingungen.
00:52:32Diesmal ohne den Handschlag, der zerbrach.
00:52:36Diesmal mit Verträgen.
00:52:38Mit Klarheit.
00:52:40Mit Porsche am Steuer.
00:52:42Man hatte gelernt.
00:52:44Man hatte gelernt auf die teuerste Weise, die es gibt.
00:52:48An einem Auto, das man an die Wand hatte fahren lassen.
00:52:53Und hier senkt sich über die Geschichte eine Stille, die anders ist als jede Stille in einer leeren Werkshalle.
00:53:01Es ist nicht die Stille einer Fabrik, in der die Maschinen stehen.
00:53:06Es ist die Stille um einen Gedanken.
00:53:08Denn mit dem Auslaufen des Wagens verschwand nicht nur ein Modell aus einem Prospekt.
00:53:14Es verschwand eine Idee.
00:53:17Der Mittelmotor.
00:53:19Die Bauweise, die diesen Wagen so besonders gemacht hatte.
00:53:23Das Ideal der Fahrphysik zum Volkspreis.
00:53:27Dieser Gedanke wurde bei Porsche zu Grabe getragen.
00:53:30Nicht widerlegt.
00:53:33Nicht überholt.
00:53:34Nur beiseite gelegt und mit Schweigen bedeckt.
00:53:39Über 20 Jahre lang sprach bei Porsche niemand mehr ernsthaft von einem Mittelmotor-Zweisitzer für die Straße.
00:53:47Die beste Idee des ganzen Wagens starb mit ihm.
00:53:52Sie wurde nicht besiegt.
00:53:54Sie wurde begraben.
00:53:56Und über einem Grab spricht man nicht.
00:53:58Das ist die Ruine dieser Geschichte.
00:54:03Kein Gebäude.
00:54:04Ein Schweigen, das sich über zwei Jahrzehnte legte.
00:54:09Dort, wo ein guter Gedanke gewesen war.
00:54:13Kapitel 10
00:54:14Der Schatten
00:54:16Was ein Auto überdauert, ist nicht sein Blech.
00:54:21Was es überdauert, ist sein Ruf.
00:54:24Und der Ruf dieses Wagens überlebte ihn um Jahrzehnte.
00:54:28In der schlechtesten aller Formen.
00:54:31Lange nach dem letzten Band blieb der Wagen der Porsche, den man nicht ernst nahm.
00:54:36Der Einstiegs-Porsche.
00:54:38Der Billige.
00:54:39Der Halbe.
00:54:41Und weil ihn niemand ernst nahm, behandelte ihn auch niemand so, wie man einen Porsche behandelt.
00:54:47Man pflegte ihn nicht.
00:54:49Man hielt ihn nicht in Ehren, stellte ihn nicht trocken, konservierte ihn nicht für die Nachwelt.
00:54:55Man fuhr ihn, bis er auseinanderfiel.
00:54:57Man baute ihn um, tunte ihn, verbastelte ihn.
00:55:02Und man ließ ihn rosten.
00:55:05Das ist ein besonderes Schicksal.
00:55:08Der Elfer aus denselben Jahren wurde von Anfang an gehütet wie ein Schatz.
00:55:13Gehegt, restauriert, weitergereicht.
00:55:15Der kleine Bruder verrottete auf Hinterhöfen.
00:55:20Nicht, weil er schlechter gewesen wäre, sondern weil sein Ruf ihn wertlos erscheinen ließ.
00:55:27Und was wertlos scheint, das rettet niemand.
00:55:31So verschwanden über die Jahre Tausende dieser Wagen.
00:55:34Nicht mit einem Paukenschlag, sondern im Stillen, im Rost, auf dem Schrottplatz.
00:55:40Die Verachtung, mit der er zur Welt gekommen war, verfolgte ihn bis zur Verschrottung.
00:55:46Das ist die eigentliche Ruine, zu der der Chronist zurückkehrt.
00:55:52Nicht ein rissiger Parkplatz, nicht ein leeres Werkstor.
00:55:56Ein zu Unrecht ramponierter Name, an dem der Rost fraß, während der große Bruder in beheizten Garagen stand.
00:56:05Und was wurde aus dem Mann, der den Handschlag nicht anerkannt hatte?
00:56:11Kurt Lotz hielt sich nicht.
00:56:13Der Mann, der die Zahlen gelesen hatte, wo andere ein Ehrenwort sahen,
00:56:19geriet an der Spitze von Volkswagen selbst in schweres Wasser.
00:56:23Die große Frage seiner Amtszeit war nicht der kleine Sportwagen.
00:56:28Sie war der Käfer und die Frage, was nach ihm kommen sollte.
00:56:34Der Konzern hing an einem alternden Modell
00:56:37und ein Nachfolger, der die Millionen ersetzen konnte, war nicht in Sicht.
00:56:43Lotz kaufte zu, verhandelte, suchte
00:56:46und fand nicht rechtzeitig die Antwort, die Volkswagen brauchte.
00:56:531971 endete seine Amtszeit.
00:56:56Ihm folgte Rudolf Leiding.
00:56:59Der Betriebswirt, der über einen Handschlag hinweggegangen war,
00:57:03weil er nirgends geschrieben stand,
00:57:05wurde selbst zur Randnotiz in der Geschichte des Konzerns,
00:57:08den er drei Jahre lang geführt hatte.
00:57:11Es wäre einfach, hier eine Bilanz zu ziehen, die den Mann verurteilt.
00:57:16Der Groll gegen die Vorstandsetage,
00:57:19die Ehrfurcht vor der Ingenieurskunst,
00:57:22die Verachtung für die reine Zahl.
00:57:25All das lädt dazu ein, in Kurt Lotz den Schuldigen zu sehen.
00:57:29Den kalten Rechner,
00:57:31der ein gutes Auto ruinierte, weil ihm das Benzin im Blut fehlte.
00:57:36Aber der Chronist richtet nicht.
00:57:39Er stellt die Tatsachen nebeneinander.
00:57:42Und die Tatsachen sind diese.
00:57:44Ein Mann gab einem Freund die Hand und schrieb es nicht auf.
00:57:48Der Mann starb.
00:57:51Ein Fremder kam, fand kein Papier,
00:57:54nur eine Rechnung, die sich nicht rechnete,
00:57:56und tat, was seine Pflicht ihm gebot.
00:57:59Er handelte juristisch nachvollziehbar.
00:58:03Nordhoffs Kalkül war betriebswirtschaftlich angreifbar.
00:58:07Auf keinem Blatt stand geschrieben, dass Lotz sich irrte.
00:58:12Und doch irrte er.
00:58:14Nicht im Recht, sondern in dem, was jenseits der Bilanz lag.
00:58:18Er sah eine Position, wo ein anderer eine Chance gesehen hatte.
00:58:22Er sah Kosten, wo Nordhoff Frequenz gesehen hatte.
00:58:26Junge Leute in den Schauräumen, Leben auf der Hoffläche.
00:58:31Beide hatten aus ihrer Warte recht, und genau darin liegt die Tragödie.
00:58:35Es war kein Verbrechen, es war ein Fehler.
00:58:38Der Fehler eines Mannes, der die Sprache der Zahlen beherrschte
00:58:42und die Sprache des Autos nie gelernt hatte.
00:58:45Und Fehler dieser Art richten oft mehr an als jede Bosheit,
00:58:50weil niemand sie kommen sieht und niemand sie aufhalten kann.
00:58:54Doch es gab in dieser Geschichte am Ende doch noch ein Werk, das starb.
00:58:59Nicht in Wolfsburg, nicht in Zuffenhausen.
00:59:02In Osnabrück.
00:59:04Kapitel 11
00:59:05Das letzte Band in Osnabrück
00:59:09Wir haben einen Namen bisher nur am Rande genannt,
00:59:12obwohl er den ganzen Wagen mit seinen Händen gebaut hat.
00:59:15Karmann
00:59:16Die Wilhelm Karmann GmbH aus Osnabrück war gegründet worden im Jahr 1901.
00:59:22Ein Karosseriebauer aus einer Zeit, in der Autos noch von Sattlern und Schmieden gemacht wurden.
00:59:27Über die Jahrzehnte wurde daraus eine Institution,
00:59:30der größte Cabriohersteller Europas.
00:59:32Ein Haus, dem die großen Marken ihre offenen Wagen anvertrauten.
00:59:36Und Karmann war mit dieser Geschichte auf eine Weise verwoben,
00:59:39die kein Drehbuch hätte erfinden können.
00:59:42Es war Karmann, das einst das Käfer-Cabriolet baute.
00:59:45Es war Karmann, das jenen eleganten Sportaufsatz für den Käfer schuf,
00:59:50den man nach der Firma benannte, den Karmann Gia.
00:59:53Und es war Wilhelm Karmann persönlich,
00:59:55der diesen Wagen Mitte der 50er Jahre einem gewissen Heinrich Nordhoff vorführte,
01:00:00dem Mann des Handschlags, damit Volkswagen ihn ins Programm nahm.
01:00:03Und es war Karmann, das den kleinen Mittelmotorsportwagen baute.
01:00:08Als Kurt Lotz die Fertigung nicht in Wolfsburg haben wollte,
01:00:12war es Osnabrück, das den Vierzylinder komplett aufbaute
01:00:16und die Karosserien für den Sechszylinder lieferte.
01:00:19Die Hände, die diesem Wagen seine Gestalt gaben, waren die Hände von Osnabrück.
01:00:26Diese Hände hörten am 8. April 2009 auf zu arbeiten.
01:00:30An diesem Tag stellte Karmann Insolvenzantrag.
01:00:35Es war das Ende einer mehr als 100-jährigen Geschichte als eigenständige Automobilfabrik.
01:00:42Die Ursachen waren nüchtern und unerbittlich.
01:00:46Die großen Hersteller holten den Bau ihrer Cabriolets zunehmend ins eigene Haus.
01:00:52Die Aufträge blieben aus.
01:00:54Ein wichtiger Vertrag nach dem anderen fiel weg.
01:00:57Und die weltweite Finanzkrise gab dem angeschlagenen Haus den Rest.
01:01:03Ein Karosseriebauer lebt von den Aufträgen anderer.
01:01:07Als die anderen nicht mehr kamen, war es vorbei.
01:01:11Für Osnabrück war das ein schwerer Schlag und er kam zu Unzeit.
01:01:16Wenige Wochen zuvor hatten die britischen Streitkräfte die Stadt verlassen, die dort jahrzehntelang stationiert waren.
01:01:24Und mit ihnen war Kaufkraft aus der Region verschwunden.
01:01:27Es standen Wohnungen leer, es gab Arbeitslose.
01:01:31Und nun traf die Nachricht mehrere tausend Familien im Großraum Osnabrück, die bei Karmann arbeiteten,
01:01:38oder bei den Zulieferern, die von Karmann lebten.
01:01:41Ein ganzes Viertel, eine ganze Stadt, die sich über Generationen um dieses Werk herum organisiert hatte,
01:01:49stand vor der Frage, was nun kommen sollte.
01:01:52Hier, endlich, gibt es die Stille, die es in dieser Geschichte so lange nicht gab.
01:01:58Nicht die Stille um einen Gedanken.
01:02:00Die Stille einer echten Halle, in der die Bänder stehen.
01:02:04Dann kamen Monate zähenringens um die Zukunft des Standorts.
01:02:08Und einer kämpfte besonders. Christian Wulff, der Ministerpräsident des Landes Niedersachsen.
01:02:15Ein Sohn dieser Stadt, in Osnabrück geboren.
01:02:18Er setzte sein Gewicht für seine Heimat ein, verhandelte, drängte.
01:02:23Im November 2009 kam der Durchbruch. Volkswagen stieg ein.
01:02:27Der Konzern übernahm wesentliche Teile des insolventen Hauses.
01:02:31Den Fahrzeugbau, den Werkzeugbau, die Entwicklung.
01:02:33Im Dezember wurde die Volkswagen Osnabrück GmbH ins Handelsregister eingetragen.
01:02:40Im März des folgenden Jahres gingen die Hallen, die Gebäude, die Fertigungsanlagen an Volkswagen über.
01:02:46Der Name Karmann verschwand als eigenständige Firma.
01:02:49Er überlebte nur noch als Zusatz einer Sonderausgabe.
01:02:52Ein Golf Cabrio, das den alten Namen trug, wie ein Grabstein trägt.
01:02:57Es war ein Fabriksterben, wie es diese Reihe hundertfach erzählt.
01:03:02Ein Traditionshaus, mehr als ein Jahrhundert alt, geht unter und ein Konzern übernimmt die Reste.
01:03:08Aber diese Geschichte hat eine Wendung, die keine andere hat.
01:03:11Und man muss sie langsam aussprechen, weil sie den ganzen Bogen dieses Films schließt.
01:03:17In den Hallen von Osnabrück, in denen einst der kleine Mittelmotorsportwagen gebaut wurde,
01:03:22baut Volkswagen heute den Porsche Boxster und den Cayman.
01:03:26Man muss das sacken lassen.
01:03:28Die Fabrik, die den ersten deutschen Serienmittelmotorsportwagen baute,
01:03:32den Wagen, dessen beste Idee man 20 Jahre lang begraben und beschwiegen hatte,
01:03:37dieselbe Fabrik baut heute die Autos, in denen diese Idee zurückgekehrt ist.
01:03:41Der Mittelmotorgedanke, den man aus dem kleinen Wagen verbannt hatte,
01:03:45ist nach Osnabrück heimgekehrt, in genau die Werkshalle,
01:03:49die ihm einst zum ersten Mal eine Gestalt gab.
01:03:52Der Enkel wird geboren, wo der Großvater starb, unter demselben Dach.
01:03:57Cayman, die eigenständige Firma, überlebte diese Heimkehr nicht mehr.
01:04:01Aber die Arbeit überlebte, und die Idee, die dort einmal Blech geworden war,
01:04:06fand den Weg zurück an ihren Ursprung.
01:04:10Kapitel 12 Späte Ehre
01:04:12Die Zeit ist ein langsamer Richter, aber sie ist ein Gerechter.
01:04:17Und irgendwann, Jahrzehnte nach dem letzten Band,
01:04:20begann sie, ihr Urteil über den kleinen Sportwagen umzuschreiben.
01:04:23Es begann leise, unter Kennern, unter jenen, die den Wagen fuhren
01:04:28und sich nicht darum scherten, was man über ihn sagte.
01:04:31Sie wussten, was der Rest erst wieder lernen musste,
01:04:35dass hier ein außergewöhnlich sauberes Auto entstanden war,
01:04:39ausgewogen, ehrlich, seiner Zeit in mancher Hinsicht voraus.
01:04:43Der Spott verlor mit den Jahren seine Schärfe.
01:04:46Die Männer, die den Reim vom Käfer und der Figur geprägt hatten,
01:04:51wurden alt, und ihre Witze wurden alt mit ihnen.
01:04:54Übrig blieb das Auto.
01:04:56Und das Auto hatte immer Recht gehabt.
01:04:58Doch die eigentliche Rehabilitierung kam nicht aus der Vergangenheit,
01:05:02sie kamen aus der Zukunft.
01:05:04Aus einem Wagen, den es 1976 noch gar nicht gab.
01:05:09Im Jahr 1996, 20 Jahre nach dem Auslaufen des verschmähten Wagens,
01:05:15stellte Porsche einen neuen Sportwagen vor.
01:05:18Einen offenen Zweisitzer, mit dem Motor in der Mitte.
01:05:21Er hieß Boxster, und er wurde einer der größten Erfolge in der Geschichte des Hauses.
01:05:26Ein Auto, das Porsche in schweren Jahren rettete,
01:05:29das eine ganze Modellreihe begründete, aus der später auch das Coupé namens K-Man hervorging.
01:05:35Der Mittelmotor-Zweisitzer für die Straße war zurück.
01:05:38Die Idee, die man mit dem kleinen Wagen zu Grabe getragen hatte,
01:05:42über die 20 Jahre lang niemand hatte reden wollen,
01:05:44sie kehrte wieder.
01:05:45Und diesmal feierte man sie.
01:05:48Diesmal war sie kein Möchtegern, kein halber Volkswagen.
01:05:52Diesmal war sie ein echter, gefeierter Porsche
01:05:55und das Fundament einer der wichtigsten Baureihen der Marke.
01:05:58Das, wofür man den einen Wagen verhöhnt hatte,
01:06:01der Motor in der Mitte, der Bruch mit dem Elfer,
01:06:05genau das wurde zwei Jahrzehnte später als Rettung gefeiert.
01:06:08Der Vorfahr des Boxster war der Wagen, über den man Witze gemacht hatte.
01:06:13Nur hatte man den ersten sterben lassen,
01:06:15ehe man erkannte, was in ihm steckte.
01:06:17Und dann kam die Umkehr des Marktes.
01:06:19Der Wagen, den man einst als zu teuer verhöhnt hatte,
01:06:23wurde begehrt.
01:06:24Ausgerechnet der seltene Sechszylinder,
01:06:26der zuerst gestorben war, weil er zu nah am Elfer lag,
01:06:30notiert heute als der wertvollste, gesuchteste Typ der ganzen Baureihe.
01:06:34In gutem Zustand jenseits der 70.000 Euro.
01:06:38Selbst der einfache Vierzylinder,
01:06:40der auf Hinterhöfen verrottet war,
01:06:42erreicht heute Preise um die 24.000 Euro.
01:06:45Der Markt gab dem Auto zurück,
01:06:48was der Ruf ihm genommen hatte.
01:06:50Was man verschrottet hatte,
01:06:51weil es wertlos schien,
01:06:53ist heute selten und teuer.
01:06:55Gerade weil so viele es damals verschrotteten.
01:06:58Aber die tiefste Wendung dieser ganzen Geschichte
01:07:01liegt nicht im Preis eines Sammlerstücks
01:07:03und nicht in der Ahnenreihe eines Boxster.
01:07:06Sie liegt in den beiden Häusern selbst.
01:07:08Und der Weg,
01:07:09auf dem sie zueinander fanden,
01:07:11war noch einmal ein Krieg.
01:07:12Erinnern wir uns, womit alles begann.
01:07:15Zwei Firmen,
01:07:16verwachsen seit ihren Anfängen,
01:07:18verbunden durch eine Ehe zwischen den Familien,
01:07:21besiegelten per Handschlag ein gemeinsames Auto.
01:07:24Der Handschlag zerbrach am Tod des einen Mannes
01:07:26und an der Bilanz des anderen.
01:07:29Zwei Häuser,
01:07:30die sich über einen Sportwagen entzweiten.
01:07:33Jahrzehnte später kehrte sich sogar die Größenordnung um.
01:07:36In den Jahren um 2005
01:07:38begann Porsche, sich an Volkswagen zu beteiligen.
01:07:41Erst mit einem Fünftel,
01:07:43dann immer mehr.
01:07:452008 stockte Porsche seinen Anteil
01:07:47auf gut 35% auf
01:07:49und kündigte an, weiterzugehen.
01:07:51Auf die Mehrheit.
01:07:52Am Ende auf drei Viertel.
01:07:55Der kleine Sportwagenbauer aus Zuffenhausen
01:07:57schickte sich an,
01:07:58den Riesen aus Wolfsburg zu schlucken.
01:08:01Anfang 2009 hatte Porsche
01:08:03die Mehrheit der Stammaktien von Volkswagen
01:08:05tatsächlich in der Hand.
01:08:07Der Zwerg hatte den Riesen fast bezwungen.
01:08:09Doch Porsche hatte sich dabei übernommen.
01:08:12Um Volkswagen zu greifen,
01:08:14hatte das kleine Haus
01:08:15einen Schuldenberg
01:08:16von rund 10 Milliarden Euro aufgetürmt.
01:08:19Und dann brach die Finanzkrise
01:08:21über die Welt herein.
01:08:22Aus dem Jäger wurde die Beute.
01:08:24Im Mai 2009
01:08:26zog der mächtigste Mann
01:08:27im ganzen Geflecht die Reißleine.
01:08:29Am Rande einer Autopräsentation
01:08:31auf Sardinien
01:08:32entzog er dem Porsche-Chef
01:08:33Wendelin Wiedeking
01:08:34im Grunde das Vertrauen.
01:08:36Und damit war dessen Schicksal besiegelt.
01:08:38Die Familien Porsche und Pirch
01:08:40beerdigten die waghalsigen Übernahmepläne.
01:08:43Nicht Porsche würde Volkswagen schlucken.
01:08:45Volkswagen würde Porsche übernehmen.
01:08:48Im Jahr 2012 war es vollzogen.
01:08:51Das operative Geschäft von Porsche
01:08:53ging vollständig
01:08:54unter das Dach von Volkswagen.
01:08:56Aus den beiden Häusern,
01:08:58die sich über einen Wagen
01:08:59zerstritten hatten,
01:09:00wurde ein einziger Konzern.
01:09:02Und der Mann,
01:09:03der auf Sardinien
01:09:04die Reißleine zog,
01:09:05der VW-Patriarch,
01:09:06der am Ende alles entschied,
01:09:08er trug einen Namen,
01:09:09der uns am Anfang
01:09:10dieser Geschichte begegnet ist.
01:09:12Ferdinand Pirch.
01:09:13Der Neffe.
01:09:14Das Kind jener Familienklammer,
01:09:17die den Handschlag
01:09:17einst so stark
01:09:18und dann so wertlos gemacht hatte.
01:09:21Der junge Ingenieur,
01:09:22der in den 60er Jahren
01:09:24die Konstruktionskunst
01:09:25bei Porsche vorangetrieben hatte,
01:09:27als der kleine Wagen entstand,
01:09:29führte am Ende
01:09:30die beiden Häuser zusammen,
01:09:32deren Zwist
01:09:32diesen Wagen entstellt hatte.
01:09:34Der Streit,
01:09:35der ein Auto
01:09:36zwischen zwei Marken zerrieb,
01:09:38endete Jahrzehnte später
01:09:39in einer Vereinigung
01:09:40der Marken selbst.
01:09:41Der Handschlag,
01:09:43der nicht hielt,
01:09:44weil er nur
01:09:44zwischen zwei Menschen bestand,
01:09:46wurde am Ende
01:09:47von den Firmen eingelöst.
01:09:49Nicht mit einem Handschlag,
01:09:50sondern mit einem
01:09:51Übernahmekrieg,
01:09:52entschieden von dem Neffen,
01:09:54der einmal
01:09:54am Reißbrett gesessen hatte.
01:09:56Nur der Wagen,
01:09:58mit dem alles begann,
01:09:59erlebte diese Versöhnung
01:10:00nicht mehr.
01:10:01Er war längst ausgelaufen,
01:10:03längst verschrottet,
01:10:05längst zum Gespött geronnen
01:10:06und erst langsam
01:10:08wieder aus dem Schatten getreten.
01:10:10Er war der Preis,
01:10:11den man für den
01:10:12zerbrochenen Handschlag
01:10:13bezahlt hatte.
01:10:14Das brillante Auto,
01:10:16das man zwischen
01:10:16die Stühle gesetzt hatte,
01:10:18damit die Häuser
01:10:18sich stritten,
01:10:19die sich am Ende
01:10:20doch vereinten,
01:10:22bleibt die Frage,
01:10:23was von all dem bleibt.
01:10:24Es bleibt ein Auto,
01:10:26das besser war,
01:10:27als man je zugeben wollte.
01:10:28Geboren aus einem
01:10:30Handschlag zwischen
01:10:31zwei Freunden,
01:10:32entworfen aus der Freiheit
01:10:33eines weißen Blattes,
01:10:35der erste seiner Art
01:10:36in Deutschland,
01:10:37der Motor in der Mitte,
01:10:39dort, wo ihn sonst
01:10:40nur die Träume
01:10:41aus Italien hatten.
01:10:43Entstellt vom Tod
01:10:44des einen Mannes,
01:10:45der das Versprechen
01:10:46nie aufschrieb,
01:10:47und von der Bilanz
01:10:48des anderen,
01:10:49der das Versprechen
01:10:50nicht kannte.
01:10:51Belegt mit einem Namen,
01:10:53den es nicht wollte,
01:10:55verspottet von den Puristen,
01:10:56die es für zu billig hielten,
01:10:58und von der Masse,
01:10:59die es für zu teuer hielt,
01:11:01verschmäht von beiden Lagern
01:11:03zugleich,
01:11:03und am Ende
01:11:04doch von der Zeit rehabilitiert,
01:11:07die ihm gab,
01:11:08was seine Zeitgenossen
01:11:09ihm verweigert hatten.
01:11:10Ein guter Gedanke,
01:11:12den man einmal ausgesprochen
01:11:14und dann zwanzig Jahre lang
01:11:15verschwiegen hat.
01:11:17Ein guter Wagen,
01:11:18den man erst verschrottete
01:11:19und dann suchte,
01:11:21eine Fabrik,
01:11:22die ihn baute,
01:11:23die selbst unterging
01:11:25und in deren Hallen
01:11:26heute sein Enkel entsteht.
01:11:28Ein Handschlag,
01:11:30der zerbrach
01:11:31und den die Firmen
01:11:32erst besiegelten,
01:11:33als der Wagen,
01:11:34für den er einmal
01:11:35gegeben worden war,
01:11:37schon lange
01:11:37von den Straßen
01:11:38verschwunden war.
01:11:40Er steht heute
01:11:41in den Sammlungen
01:11:42der Kenner,
01:11:43geputzt und gehütet,
01:11:45mit seinen Klappscheinwerfern
01:11:47und dem Tagerdach,
01:11:48das man abnehmen
01:11:49und im Heck verstauen kann.
01:11:52Man sieht ihn selten,
01:11:54und wer ihn sieht
01:11:55und seine Geschichte kennt,
01:11:57der denkt vielleicht
01:11:58nicht mehr zuerst
01:11:59an den Spott,
01:12:00sondern an zwei Männer,
01:12:02die sich einmal
01:12:03die Hand gaben
01:12:04und an das gute Auto,
01:12:06das aus dieser Hand
01:12:07geboren wurde,
01:12:08und daran,
01:12:09wie lange es dauerte,
01:12:11bis jemand bereit war,
01:12:12ihm Recht zu geben.
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