Zum Player springenZum Hauptinhalt springen
  • vor 14 Stunden
Warum wird Birdwatching plötzlich zum Trend? Junge Menschen entdecken die Vogelbeobachtung über Social Media und helfen dabei ganz nebenbei, bedrohte Arten besser zu schützen.

Kategorie

🗞
News
Transkript
00:00Birdwatching ist der neue Online-Trend.
00:03Ich will euch nur kurz was über Vögel erzählen.
00:10Meine Mission ist es, jeden Vogel der Welt zu finden. Heute in England.
00:17Riesenkolibris und Tukane erzielen online Millionen Klicks.
00:21Und auch offline boomt das Hobby.
00:22Eine neue Generation von Vogelbeobachtern macht aus der Jagd nach gefiederten Stars ein Spiel
00:27und aus Birdwatching eine Milliardenindustrie.
00:30Und es hilft sogar, Vogelarten weltweit zu schützen.
00:36Morgengrauen im Naturschutzgebiet Moorlinse am Rand der deutschen Hauptstadt Berlin.
00:40Selina Weng war ein früher Vogel.
00:42Ich bin um 5.20 Uhr aufgestanden.
00:45Für Börder, wie sich Vogelbeobachter selbst nennen, ist der frühe Morgen die beste Zeit.
00:50Dann sind die Vögel besonders laut und aktiv.
00:54Die drei großen weißen Punkte da hinten kann man am einfachsten sehen.
00:58Das sind Graureiher.
01:00Und auf der anderen Seite des Teichs laufen Wattvögel herum und suchen im flachen Wasser nach Nahrung.
01:08Diese Gegend ist der Hotspot für Vogelbeobachtung in Berlin, sagt Selina.
01:13Heute ist sie allein, aber das ist oft anders.
01:16Birdwatching boomt weltweit.
01:17In den USA beobachtet jede dritte Person Vögel.
01:21Hier ist es inzwischen eine 100 Milliarden Dollar schwere Industrie.
01:24In tropischen Ländern wie Kolumbien und Costa Rica wächst der Vogeltourismus besonders.
01:29Und längst verbringen nicht mehr nur ältere Menschen mit Fernglas ihre Zeit damit.
01:33In Großbritannien hat sich die Zahl der Vogelbeobachter bei der Gen Z seit 2018 verzehnfacht.
01:38Auch Millennials und die Generation X entdecken das Hobby für sich.
01:42Social Media weiß Bescheid.
01:46Du weißt nie, wann es passiert. Plötzlich liebst du Vögel. Einfach so.
01:58Oft wird der Boom auf die Corona-Pandemie zurückgeführt.
02:01Damals galten Aktivitäten allein in der Natur als sichere Freizeitbeschäftigung.
02:06Doch auch Jahre später steigen die Zahlen weiter.
02:09Die Nutzerzahlen von eBird, der weltweit größten Vogelbestimmungs-App, steigen Jahr für Jahr um 20 Prozent an.
02:17Es ist wie ein immerwährendes Spiel.
02:19Man kann es sein ganzes Leben machen und wird immer besser.
02:23Jeder Vogel, den man entdeckt, fühlt sich wie ein kleiner Sieg an.
02:27Man gewinnt einfach die ganze Zeit.
02:29Wer eine seltene Art sehen will, braucht allerdings viel Geduld.
02:33Im Sommer warteten Selina und andere Börder anderthalb Stunden auf diesen Reiher.
02:38Zu sehen war er gerade mal drei Sekunden.
02:42Alle haben gejubelt und sich total gefreut.
02:45Und wir haben alles noch einmal geprüft, um sicher zu gehen.
02:48Das war unglaublich befriedigend.
02:51Selina hat ein ehrgeiziges Ziel.
02:54Sie will in diesem Jahr 200 verschiedene Arten in Berlin beobachten.
02:57Aktuell hat sie 168.
03:00Aber dann?
03:02Okay, ich glaube, ich habe einen neuen Vogel für meine Liste.
03:06Ich glaube, es ist ein dunkler Wasserläufer.
03:10Den habe ich noch nicht.
03:12Ja, oh mein Gott, wie gut!
03:16Der Vogel war kaum zu erkennen.
03:18Aber das Abenteuer landet direkt auf Instagram.
03:22Es ist ein wirklich kalter Morgen.
03:24Aber ich bin total glücklich,
03:25weil ich gerade meinen ersten dunklen Wasserläufer des Jahres gesehen habe.
03:30Fürs Vögelbeobachten hat Selina ihren Job als Softwareentwicklerin aufgegeben.
03:34Ihr Lohn war sechsstellig.
03:36Doch ihr fehlte die Natur.
03:39Mir wurde klar, dass ich die ganze Zeit drinnen war.
03:43Ich saß ständig vor meinem Laptop.
03:46Also kündigte sie.
03:47Heute lebt sie von ihren Ersparnissen.
03:50Langfristig hofft sie, mit Social Media Geld zu verdienen.
03:53Auf Instagram folgen ihr rund 13.000 Menschen.
03:57Größere Accounts erreichen sogar Millionen von Aufrufen.
04:01Zum Beispiel dieser australische Creator,
04:02der Vögel sammelt wie andere Pokémon.
04:07Für mich ist die Welt wie ein riesiges Videospiel.
04:10Ich habe schon immer gern Dinge gesammelt.
04:12Pokémon-Karten waren nie mein Ding.
04:14Aber bei Pokémon wollte ich immer alle fangen.
04:18Und genauso ist es mit Vögeln.
04:20Man sammelt diese Momente, diese Schnappschüsse.
04:23Das macht einfach was bei mir.
04:27Social Media verändert gerade, was Vogelbeobachtung bedeutet.
04:31Ich bin nach England geflogen, habe ein Auto gemietet
04:34und bin zu irgendeinem See gefahren.
04:36Alles nur für eine Gans.
04:37Wenn das nicht freier Wille ist, was dann?
04:39Es ist schon fast eine Sucht.
04:41Beim Autofahren wandert mein Blick automatisch nach oben
04:44und ich denke sofort, das war ein Keilschwanz-Adler.
04:48Ich kann nichts dagegen tun.
04:49Selina war auch oft abgelenkt.
04:52Ja, Entschuldigung, weiter geht's.
04:54Instagram und andere Online-Tools zur Vogelbestimmung
04:59haben das Hobby viel zugänglicher gemacht.
05:02Wenn man weiß, was man gerade sieht, wird es hundertmal interessanter.
05:08Ich zeige allen, dass ich keine Expertin bin.
05:12Ich sage offen, wenn ich etwas nicht weiß oder mir unsicher bin.
05:20Das begeistert Menschen jeden Alters.
05:25Wenn ich auf Reisen erzähle, dass ich Birdwatcher bin,
05:28schauen die Leute erst komisch.
05:29Und dann sehen sie mein Instagram-Profil und sagen,
05:32Moment mal, fünf meiner Freunde folgen dir?
05:35Warum schauen die Vogel-Content?
05:37Manche schreiben mir sogar, dass ihre siebenjährigen Kinder
05:40jetzt eine Kamera wollen, weil sie meine Videos sehen.
05:42Das finde ich richtig cool.
05:47Studien zeigen, dass schon zwei Stunden pro Woche
05:49in der Natur positiv wirken.
05:51Der Cortisol-Spiegel und der Blutdruck sinken
05:53und das allgemeine Wohlbefinden verbessert sich.
05:56Aber ein bisschen ironisch ist es schon.
05:59Erst draußen die Natur, um dem Bildschirm zu entkommen,
06:01um dann stundenlang Vogelvideos zu schneiden.
06:07Ich sehe das eher als Brücke.
06:13Jemand scrollt durch Instagram,
06:16stößt auf Videos über Vögel
06:17und bekommt Lust, selbst rauszugehen.
06:21Das haben mir schon viele erzählt.
06:28Jeden Vogel, den Selina entdeckt, trägt sie in eine App ein.
06:31Dort erfasst sie Zeitpunkt, Ort und Art der Beobachtung.
06:35Sogar Geschlecht und Rufe der Vögel können dokumentiert werden.
06:38Heute ist die Liste lang.
06:39Bekassine, Schwan, Ente und Fischadler.
06:44All diese Echtzeitdaten sind äußerst wertvoll.
06:48Wir reisen 700 Kilometer weiter südlich nach Bayern
06:51und treffen dort Margarete Siering.
06:53Sie leitet die staatliche Vogelschutzwarte.
06:56Margarete und ihr Team erfassen regelmäßig Vogelbestände.
07:00Dafür laufen sie immer wieder dieselben Routen ab
07:02und dokumentieren jede Art.
07:04Aber sie können nicht überall gleichzeitig sein.
07:06Unser Vogelmonitoring in Bayern, das ist ja stichprobenbasiert.
07:10Wir schaffen es ja nicht, die ganze Landesfläche auf einmal zu erfassen.
07:14Und deswegen sind eben zur Ergänzung die Daten von Hobbyornithologen,
07:18von Bördern extrem wichtig,
07:19weil sie geben uns auch nochmal Aufschluss,
07:21was ist in den Flächen dazwischen.
07:24Heute sucht sie nach einem Vogel, der sich gut versteckt.
07:27Dem Uhu.
07:27Er lebt in Felswänden und Höhlen und ist dort perfekt getarnt.
07:32Doch sie hat kein Glück.
07:35Frustrierend, aber für Vogelbeobachter völlig normal.
07:38So sieht ein Uhu im Sommer aus.
07:40Die Tiere haben außergewöhnlich gute Augen und Ohren.
07:44Jede Bewegung, jedes kleinste Geräusch kann sie stören.
07:47Kommt man dem Nest zu nahe, kann das Weibchen auffliegen
07:49und die Jungtiere ungeschützt zurücklassen.
07:52Deshalb ist der Schutz ihrer Brutgebiete so wichtig.
07:57Wenn wir wissen, wo die Brutvorkommen genau sind vom Uhu,
08:01dann kann man natürlich auch zum Beispiel
08:02eine Besucherlenkung explizit darauf abstellen,
08:05dass dann in diesen sensiblen Bereichen
08:07eben nicht zum Beispiel der Mountainbike-Trail entlangführt
08:10oder eben nicht dort der Klettersport an den Felswänden ausgeübt wird.
08:15Die Hobbybeobachtungen in einer App
08:17haben Margarete und ihrem Team geholfen,
08:19diese Karte zu erstellen.
08:20Sie zeigt, wo Uhus im Jahr 2025 gemeldet wurden.
08:24Dieses Wissen fließt direkt in den Artenschutz ein.
08:27Und die Daten von Hobbybördern beeinflussen sogar Bauprojekte.
08:30In Deutschland muss bei vielen Bauvorhaben geprüft werden,
08:33ob geschützte Tierarten und ihre Lebensräume betroffen sind.
08:36Dafür greifen Planer auf offizielle Daten zurück,
08:39die von Margarete und ihrem Team bereitgestellt werden.
08:42Gleichzeitig sind da sicherlich auch Lücken drinnen.
08:44Deswegen diese Vielfalt an Daten,
08:47die zum Beispiel bei eBird oder bei ornito.de vorliegt,
08:50die können wir natürlich nicht bieten.
08:52Die Nutzung dieser Daten ist nicht vorgeschrieben.
08:55Aber manche Planer ziehen sie zusätzlich heran,
08:57um zu entscheiden, wo, wie und wann gebaut wird.
09:01Zurück in Berlin trifft Celina Freunde aus der Birding-Szene.
09:04Sie brauchten nicht viel Überzeugung, um mitzukommen.
09:06An jeder Ecke halten sie Ausschau.
09:10Oh, ein Schwarzspecht. Wirklich?
09:14Hörst du ihn?
09:17Das Wetter macht es ihnen nicht leicht.
09:19Es ist windig und fängt an zu regnen.
09:21Doch die drei lassen sich davon nicht aufhalten.
09:25In letzter Zeit stehe ich total auf Möwen.
09:28Ohne ihre Begeisterung für Vögel hätten sie sich nie kennengelernt.
09:32Wenn ich zum ersten Mal eine seltene Art sehe,
09:35teile ich diesen Moment einfach gern mit anderen.
09:38Ja, absolut.
09:39Es ist schön, Menschen zu treffen,
09:41die genauso verrückt sind wie ich.
09:45Solche besonderen Momente gemeinsam zu erleben,
09:48ist etwas ganz Besonderes.
09:52Eine aktuelle Studie zeigt sogar,
09:54viele aus der Gen Z tauschen Dating-Apps gegen Birdwatching,
09:57um hier ganz entspannt und in der echten Welt jemanden kennenzulernen.
10:01Selina Schweter und Nubi haben sich über eBird getroffen,
10:04der weltweit größten Plattform für Vogelbeobachtung.
10:07Dort können Nutzende verschiedene Listen führen.
10:10Man kann alle Vögel erfassen,
10:13die man beim Autofahren, im Zug oder im eigenen Garten sieht.
10:16Es gibt die unterschiedlichsten Listen.
10:18Zum Beispiel die sogenannte Lebensliste.
10:22Sie zeigt, wie viele Vogelarten man insgesamt in seinem Leben gesehen hat.
10:26Die Ergebnisse unterscheiden sich deutlich.
10:29Nubi liegt derzeit vorn.
10:31Das Ganze sorgt auch für einen gewissen Wettbewerb.
10:34Wenn Selina in Berlin einen neuen Vogel meldet,
10:38will ich sofort losziehen und auch einen finden.
10:42Dieses Jahr sind einige von uns definitiv im Wettbewerbsmodus.
10:48Wird eine seltene Art gemeldet,
10:50bekommt er eine Benachrichtigung per E-Mail.
10:52So erfuhr Nubi auch von dem dunklen Wasserläufer,
10:55den Selina zuvor entdeckt hatte.
10:57Eine Minute später habe ich alles stehen und liegen lassen.
11:00Nicht einmal das Essen habe ich fertig gekocht.
11:03Sofort sprang er in die Straßenbahn.
11:05Dafür gibt es sogar einen Begriff,
11:07Twitching, eine Art Schatzzugriff für Vogelbeobachter.
11:10Ich war wohl um etwa 20 Minuten zu spät.
11:14Im Birderslang heißt das, er hat den Vogel verpasst.
11:19Manchmal entwickeln sich solche Treffen
11:20regelrecht zu Vogelbeobachter-Partys.
11:23Nicht ganz unproblematisch.
11:26Dann fahren alle zu diesem Baggersee.
11:28Dann sieht man schon die vielen Autos, die da umlagern.
11:32Und auch die Leute, die sich ihre Schneisen schlagen,
11:34um möglichst nah ranzukommen an die Art.
11:36Das kann zu Konflikten ganz regional führen.
11:40Trotzdem sieht sie den Boom insgesamt positiv.
11:42Die 3 Freunde auch.
11:45Ich glaube, Vogelbeobachtung macht einen
11:48generell empathischer gegenüber der Natur.
11:50Seit ich damit angefangen habe,
11:52achte ich viel stärker darauf,
11:53welche Tiere um mich herum leben und was sie brauchen.
11:56Ich presche nicht mehr einfach durch die Natur.
12:01Ich bin einfach ruhiger geworden, entspannter.
12:09Vogelbeobachtung hat ein neues Image.
12:10Für viele beginnt alles mit einer seltenen Sichtung
12:13oder einem Trend auf Social Media.
12:16Doch jede Beobachtung, jede Meldung
12:18trägt zu einem wachsenden Datenschatz bei,
12:20der am Ende helfen kann,
12:22die Tiere und ihre Lebensräume zu schützen.
12:28D Chemical
12:32Dbula
12:32D

Empfohlen