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Menschen
Transkript
00:00Stell dir vor, du stehst auf einem Marktplatz in Alice-Abeba.
00:03Ein paar Schritte weiter steht ein Tourist aus einem kleinen Dorf in Norwegen.
00:06Und neben dir wartet ein Fischer, der von einer Insel im Pazifik angereist ist.
00:10Drei Menschen, die auf den ersten Blick kaum etwas gemeinsam haben.
00:14Andere Hautfarbe, andere Gesichtszüge, andere Sprachen, andere Geschichten.
00:18Jetzt stell dir vor, ein Forscher nimmt jedem der drei eine winzige Speichelprobe ab
00:22und legt ihre komplette Erbinformation nebeneinander.
00:25Rund drei Milliarden Buchstaben pro Person, Zeichen für Zeichen verglichen.
00:30Was glaubst du, wie viele dieser Buchstaben sich unterscheiden?
00:32Die Antwort hat Wissenschaftler über Jahrzehnte beschäftigt.
00:35Sie hat ein Denkgebäude erschüttert, auf dem Jahrhunderte von Politik, Gewalt und Ideologie gebaut wurden.
00:41Und trotzdem ist sie nicht das, was die meisten Menschen darüber hören.
00:44Denn die Wahrheit ist komplizierter, überraschender und am Ende auch spannender als der Satz
00:49Wir sind doch alle gleich.
00:51In diesem Video gehen wir durch das, was die Genetik wirklich herausgefunden hat,
00:55als sie die DNA von Menschen aus allen Teilen der Welt verglichen hat.
00:58Wir schauen uns an, warum die größte genetische Vielfalt ausgerechnet dort liegt,
01:03wo viele sie nie vermuten würden.
01:05Wir klären, wie es sein kann, dass Menschen so verschieden aussehen und trotzdem fast identisch sind.
01:10Und am Ende beantworten wir eine Frage, die sich viele nicht zu stellen trauen.
01:14Wenn es biologisch keine Rassen gibt, warum gibt es dann Ahnenanalysen,
01:18die erstaunlich genau sagen können, woher deine Vorfahren stammen?
01:21Wenn dich solche Geschichten aus der Wissenschaft interessieren, dann abonniere den Kanal und
01:25aktiviere die Glocke.
01:26Wir jede Woche ein neues Video über die großen Entdeckungen der Forschung, sorgfältig recherchiert
01:31und ohne Übertreibung.
01:32Und jetzt fangen wir an.
01:34Die Geschichte beginnt mit einer Idee, die in den frühen 90er Jahren entstand.
01:37Der Genetiker Luigi Luca Cavallis Forza und andere Forscher machten sich Sorgen, dass viele
01:43kleine, isolierte Bevölkerungsgruppen verschwinden könnten, bevor jemand ihre genetische Geschichte
01:47dokumentiert hatte. Durch Wanderung, Vermischung und den Wandel moderner Lebensweisen drohten
01:53uralte genetische Muster für immer verloren zu gehen. Das Ziel war, Proben aus möglichst
01:58vielen unterschiedlichen Regionen der Erde zu sammeln und in einer gemeinsamen Datenbank
02:02zu bewahren. Daraus entstand das, was später als Human Genome Diversity Project bekannt wurde.
02:07Und von Anfang an war es umstritten. Kritiker, darunter Vertreter indigener Gemeinschaften,
02:13fragten, wer eigentlich die Erlaubnis gegeben hatte, ihr Erbgut zu sammeln.
02:16Sie fragten, wer von den Ergebnissen profitieren würde und ob die Forschung nicht wieder genau
02:21jene Denkweisen bedienen könnte, die man hinter sich lassen wollte. Diese Debatte über Einwilligung,
02:26Respekt und Eigentum an genetischen Daten ist bis heute nicht abgeschlossen und sie gehört zur
02:30ehrlichen Geschichte dieser Forschung. Aus den gesammelten Zellen entstand mit der Zeit ein
02:35Referenzdatensatz mit gut 1000 Personen aus über 50 Bevölkerungsgruppen weltweit. Dazu gehören
02:41Menschen aus Afrika, Europa, dem Nahen Osten, Zentral- und Südasien, Ostasien, Ozeanien und Amerika.
02:48Später kamen weitere große Projekte dazu. Das 1000 Genomes Projekt sequenzierte die Genome von über
02:552500 Menschen aus 26 Bevölkerungen. Ab den 2000er Jahren lieferte außerdem die Analyse alter DNA aus.
03:02Knochen und Zähnen. Material, das vorher undenkbar war. Zusammen ergibt das ein Bild der menschlichen
03:09Vielfalt, wie es keine Generation vor uns hatte. Und dieses Bild beginnt mit einer Zahl, die man sich
03:15merken sollte. Zwei beliebige Menschen auf der Erde sind sich in ihrer DNA zu etwa 99,9% identisch.
03:22Das gilt für zwei Nachbarn aus derselben Straße genauso wie für zwei Menschen, die sich nie begegnen
03:27werden, weil zwischen ihnen ein ganzer Ozean liegt. Der Unterschied liegt bei ungefähr einem von 1000
03:33Buchstaben. Das klingt nach wenig und im Vergleich zu anderen Arten ist es das auch. Beim Vergleich mit
03:39Schimpansen, unseren nächsten lebenden Verwandten, liegt der Unterschied bei rund ein bis zwei Prozent, also ein
03:45vielfaches mehr. Es gibt sogar Untersuchungen, die zeigen, dass Schimpansengruppen, die in einem einzigen
03:51Waldgebiet leben, untereinander mehr genetische Unterschiede aufweisen als die gesamte Menschheit. Wir sind
03:57genetisch gesehen eine auffallend junge und einheitliche Art. Um sich das vorzustellen, hilft ein Bild. Stell dir
04:03vor, die Erbinformation eines Menschen wäre ein Buch mit drei Milliarden Buchstaben. Das sind mehrere
04:09tausend Bände voller Text. Wenn du zwei beliebige Menschen vergleichst, dann sind das zwei Ausgaben
04:14desselben Werks. Sie unterscheiden sich in ein paar Millionen Tippfehlern, Auslassungen und Variationen
04:20verteilt über das ganze Werk. Die Handlung ist dieselbe. Die Kapitel sind dieselben. Nur an einzelnen Stellen
04:25entsteht da mal ein anderer Buchstabe. Aber jetzt kommt die eigentlich spannende Frage. Wo sitzen diese
04:31Unterschiede und lassen sie sich sauber nach Gruppen sortieren? Genau das hat der Evolutionsbiologe Richard
04:37Lewontin schon 1902 und sowas wie untersucht. Damals noch mit sehr einfachen Methoden, nämlich mit Blutgruppen
04:43und Eiweißvarianten. Er stellte fest, dass der allergrößte Teil der Variation, ungefähr 85 Prozent, innerhalb
04:50einzelner Bevölkerungsgruppen liegt. Nur ein kleiner Rest verteilt sich auf Unterschiede zwischen den
04:55Gruppen. Damals war das eine Sensation, aber auch eine, bei der man sich fragen konnte, ob sich das mit
05:01besseren Daten halten würde. Es hielt sich. Als im Jahr 2002 Noah Rosenberg und sein Team hunderte
05:07genetische Marker bei über 1000 Menschen aus dem Diversity-Datensatz auswerteten, kamen sie zu einem
05:12ähnlichen Ergebnis. Rund 93 bis 95 Prozent der genetischen Unterschiede bestehen zwischen Individuen
05:19innerhalb derselben Bevölkerung. Nur etwa drei bis fünf Prozent trennen die großen geografischen
05:25Gruppen voneinander. Spätere Studien mit hunderttausenden Markern und ganzen Genomen haben das
05:30Bild in den Grundzügen bestätigt. Man kann das so zusammenfassen, wenn die Menschheit morgen bis auf
05:35eine einzige Bevölkerungsgruppe verschwinden würde, bliebe der größte Teil der genetischen Vielfalt
05:40Artgenossen trotzdem erhalten. Die Unterschiede zwischen Kontinenten sind real, aber sie sind ein
05:46dünner Überzug über einer riesigen gemeinsamen Vielfalt. Und damit kommen wir zu dem Befund, der
05:52viele am meisten überrascht. Die größte genetische Vielfalt der Menschheit findet sich nicht in Europa,
05:57nicht in Asien und nicht in Amerika. Sie findet sich in Afrika. Und zwar nicht zwischen Afrika und dem
06:03Rest der Welt, sondern innerhalb des afrikanischen Kontinents selbst. Zwei Menschen aus verschiedenen
06:08Regionen Afrikas können sich genetisch im Durchschnitt stärker unterscheiden als ein
06:13beliebiger Europäer von einem beliebigen Ostasiaten. Das klingt auf den ersten Blick absurd, vor allem,
06:19weil wir im Alltag die Menschen Afrikas oft unter einem einzigen Etikett zusammenfassen. Genetisch ist
06:25das ungefähr so, als würde man 50 verschiedene Sprachfamilien unter dem Begriff Fremdsprache ablegen.
06:30Um zu verstehen, warum das so ist, müssen wir uns anschauen, wo und wann unsere Art entstanden ist.
06:36Die ältesten Fossilien, die wir heute dem Homo sapiens zuordnen, stammen aus Afrika. Die Funde von
06:43Jebel Irhout in Marokko sind ungefähr 300.000 Jahre alt. Weitere Funde aus Äthiopien liegen bei etwa
06:49230.000 und 160.000 Jahren. Genetische Studien an heutigen Bevölkerungen im südlichen Afrika deuten
06:57darauf hin, dass sich einige der ältesten bekannten Linien schon vor über 200.000 Jahren voneinander
07:03getrennt haben. Das heißt, über sehr lange Zeit lebten Menschen auf diesem Kontinent in vielen
07:08verschiedenen Gruppen, trennten sich, begegneten sich wieder, vermischten sich und sammelten dabei
07:13Variationen an. Wir können uns das vorstellen wie einen riesigen, über Jahrhunderttausende gewachsenen
07:18Fundus an Rezepten. Jede Region, jede Gruppe, jede Familie hat ihre eigene Variation hinzugefügt. Und dann,
07:26vor etwa 50.000 bis 70.000 Jahren, verließ eine vergleichsweise kleine Gruppe den Kontinent in einer
07:31Wanderung, aus der die Vorfahren praktisch aller heutigen Menschen außerhalb Afrikas hervorgingen.
07:37Es gab frühere Vorstöße. Einzelne Funde im Nahen Osten sind deutlich älter, aber die Hauptlinie,
07:43die sich bis heute in unserer DNA nachweisen lässt, stammt aus dieser einen großen Welle. Und hier greift ein
07:49Mechanismus, den Biologen als Gründereffekt bezeichnen. Wenn eine kleine Gruppe auswandert, nimmt sie nur einen
07:55Ausschnitt der Vielfalt der Ursprungsbevölkerung mit. Stell dir einen großen Chor mit hunderten
07:59Sängern vor, der ein riesiges Repertoire beherrscht. Wenn nun 20 davon aufbrechen, um in einer neuen Stadt
08:05einen eigenen Chor zu gründen, dann kann dieser neue Chor nur Lieder singen, die in diesen 20 Köpfen
08:10vorhanden waren. Neue Lieder können über die Jahre dazukommen, aber das ursprüngliche Gesamtrepertoire
08:16bekommt er nie wieder zurück. Genau so ging es den Gruppen, die Afrika verließen. Und es passierte nicht nur
08:22einmal. Auf dem Weg nach Osten und Süden und später nach Norden und über das Meer immer wieder
08:27neue Gründergruppen, die sich abspalteten und weiterzogen. Jede mit einem etwas kleineren Ausschnitt
08:32als die vorherige. Forscher nennen das eine Serie von Gründereffekten. Und tatsächlich lässt sich das
08:38heute in den Daten messen. Je weiter eine Bevölkerung vom östlichen Afrika entfernt lebt, gemessen entlang der
08:43wahrscheinlichen Wanderwege, desto geringer ist ihre genetische Vielfalt. Dieses Muster wurde in mehreren
08:49unabhängigen Studien gefunden. Und es gehört zu den klarsten Belegen für den afrikanischen Ursprung
08:54des modernen Menschen. Die amerikanischen Ureinwohner, die auf dem längsten Weg am Ende
08:58der Kette standen, zeigen deshalb im Durchschnitt eine vergleichsweise geringe Vielfalt. Das ist keine
09:04Aussage über Wert oder Fähigkeiten. Es ist schlicht die Spur einer sehr langen Reise mit vielen kleinen
09:09Aufbrüchen. Was bedeutet das für die Frage nach den Rassen? Etwas Wichtiges. Die Menschen außerhalb
09:15Afrikas sind genetisch gesehen im Wesentlichen eine Teilmenge der Vielfalt, die schon in Afrika
09:20vorhanden war. Wer sich Europäer, Asiaten und Amerikaner als drei große Äste eines Baumes
09:25vorstellt, übersieht, dass diese Äste alle aus einem einzigen Zweig des afrikanischen Stammes
09:30hervorgegangen sind. Der Rest des Stammes ist viel verzweigter. Aber jetzt höre ich schon die
09:35naheliegende Einwand. Wenn wir uns genetisch so ähnlich sind, warum sehen wir dann so unterschiedlich
09:40aus? Die Hautfarbe, die Haarstruktur, die Gesichtsform, das sind doch keine Einbildungen.
09:45Die Antwort darauf ist einer der faszinierendsten Teile dieser Geschichte. Und sie fängt mit einem
09:50Fund in einer Höhle in England an. Im Jahr 1903 wurde in der Cheddar-Schlucht in Südwestengland
09:55ein fast vollständiges Skelett entdeckt. Es gehörte einem Mann, der vor etwa 10.000 Jahren lebte.
10:01Und er ging als Cheddar-Man in die Wissenschaft ein. Über 100 Jahre später gelang es Forschern aus
10:07seinem Felsenbein DNA zu gewinnen. Das Ergebnis sorgte weltweit für Schlagzeilen, denn die
10:12Genvarianten, die er trug, deuten auf eine dunkle bis sehr dunkle Haut hin und gleichzeitig auf helle,
10:18wahrscheinlich blaue Augen. Ein Brite der Nacheiszeit mit dunkler Haut und blauen Augen. Das passt nicht
10:24in das Bild, das viele von der Vergangenheit Europas im Kopf haben. Und es war kein Einzelfall. Auch
10:29andere Jäger und Sammler aus Spanien, Luxemburg und Ungarn aus dieser Zeit trugen überwiegend Genvarianten
10:35für dunklere Haut. Die hellen Varianten, die wir heute bei vielen Europäern finden,
10:39breiteten sich erst später aus, vor allem im Zuge der Landwirtschaft und weiterer Wanderungen in den
10:45letzten rund 10.000 Jahren mit regionalen Unterschieden. Das heißt, das, was wir heute für
10:50typisch europäisch halten, ist genetisch gesehen sehr neu. Die Hautfarbe ist keine uralte, unveränderliche
10:56Eigenschaft einer Gruppe. Sie ist eine Anpassung, die sich in einem Wimpernschlag der Evolution
11:01verändern kann. Und warum verändert sie sich überhaupt? Das hat mit Sonnenlicht zu tun. Haut
11:05muss einen Kompromiss finden. In Regionen mit starker Sonneneinstrahlung schützt viel Pigment
11:11die Haut vor Strahlenschäden und schützt wichtige Nährstoffe im Körper. In Regionen mit wenig
11:15Sonnenlicht, also in hohen Breiten, ist das Gegenteil wichtig. Helle Haut lässt mehr UV-Strahlung
11:21durch, damit der Körper genug Vitamin D bilden kann. Die Evolution hat in beiden Fällen die Lösung
11:26bevorzugt, die für den jeweiligen Ort besser funktionierte. Das Entscheidende dabei ist aber
11:31nicht nur, dass es diese Anpassung gibt, sondern wie sie zustande kam. Denn bei den Genen für
11:36Hautfarbe zeigt sich etwas, das den klassischen Rassenvorstellungen vollkommen widerspricht.
11:41Helle Haut ist nicht einmal bei allen hellhäutigen Menschen dieselbe Sache. Die Genvariante, die bei
11:46vielen Europäern für helle Haut verantwortlich ist, spielt bei vielen Ostasiaten keine entscheidende
11:51Rolle. Dort sind andere Gene beteiligt. Die Evolution hat in verschiedenen Teilen der Welt
11:56auf verschiedenen genetischen Wegen ein ähnliches Ergebnis erzielt. Biologen nennen das konvergente
12:01Evolution. Es ist dasselbe Prinzip, das Delfine und Haie ähnliche Körperformen gegeben hat. Obwohl
12:07der eine ein Säugetier und der andere ein Fisch ist. Und es geht noch weiter. Eine große Studie,
12:13die 2017 im Fachmagazin Science erschien, untersuchte Hautfarbe und Gene bei Menschen aus verschiedenen
12:19Regionen Afrikas. Die Forscher fanden Varianten, die Haut heller oder dunkler machen. Und sie stellten
12:25fest, dass viele davon in Afrika selbst vorkommen. Teils schon sehr lange. Das passt zum Gesamtbild.
12:31Die Vielfalt der Hautfarbe ist in Afrika selbst enorm. Es gibt dort Menschen mit sehr dunkler Haut
12:36und solche mit deutlich hellerer. Und diese Unterschiede gehen auf unterschiedliche genetische
12:41Grundlagen zurück. Wer Afrika als eine einheitliche dunkle Region betrachtet, sieht schlicht nicht hin.
12:47Man kann es sich so vorstellen. Bei der Hautfarbe sind nur relativ wenige Gene beteiligt. Und diese
12:53Gene reagieren stark auf Umweltdruck. Sie sind wie ein Dimmer am Lichtschalter, den die Natur je nach
12:59Sonnenlage hoch oder runter dreht. Der Rest des Hauses, also der Großteil des Genoms, bleibt davon
13:05völlig unberührt. Man sieht den Dimmer sofort, weil er das Licht im Raum verändert. Aber man erfährt
13:10dadurch nichts über die Statik des Gebäudes. Und das ist der entscheidende Punkt. Die äußerlich
13:15auffälligen Merkmale, nach denen Menschen jahrhundertelang sortiert wurden, gehören zu den schnellsten
13:20und flexibelsten Teilen unseres Erbguts. Sie sind das Falsche, um die tiefe Verwandtschaft
13:25von Menschen abzulesen. Wir haben jetzt gesehen, dass die äußeren Unterschiede junge Anpassungen
13:29sind. Aber es gibt eine zweite Kategorie von Anpassungen, die genauso aufschlussreich ist,
13:35weil sie Menschen verbindet, die man nie in dieselbe Kategorie stecken würde. Nimm die Fähigkeit,
13:41als Erwachsener Milch zu verdauen. Alle Säugetierbabys können das, weil sie ein Enzym namens Laktase
13:46bilden. Bei den meisten Menschen schaltet sich dieses Gen nach der Kindheit ab. Aber
13:51in manchen Bevölkerungen läuft es das ganze Leben weiter. Das nennt man Laktasepersistenz.
13:56Und es ist kein Zufall, wo man sie findet. Bei Gruppen mit einer langen Tradition der
14:00Milchviehhaltung, etwa in Nordeuropa, bei Hirtenvölkern in Ost- und Westafrika und in Teilen
14:06der arabischen Halbinsel. Was die Genetiker verblüffte, die Mutationen, die dahinterstehen,
14:11sind nicht dieselben. Bei Europäern liegt die Veränderung an einer bestimmten Stelle im Genom.
14:15Bei Amustem, Hirtenvölkern in Ostafrika, wurden andere Mutationen gefunden. An anderen Stellen.
14:22In Arabien wieder andere. Mindestens mehrere Male haben Menschen unabhängig voneinander
14:26dieselbe Fähigkeit entwickelt, weil Milch für sie ein wertvolles Nahrungsmittel war. Die
14:31Verbindung liegt nicht in der Abstammung, sondern in der Lebensweise. Hier entscheidet die Kultur
14:35darüber, welche Gene sich durchsetzen. Ein zweites Beispiel ist das Leben in großer Höhe. Auf dem
14:41tibetischen Plateau auf über 4000 Metern ist die Luft dünn und der Körper muss mit wenig Sauerstoff
14:46zurechtkommen. Tibeter tragen eine Variante in einem Gen namens EPAS1, die ihnen hilft, das ohne
14:52gefährliche Überproduktion roter Blutkörperchen zu tun. Das Besondere daran, diese Genvariante scheint
14:59ursprünglich von einer archaischen Menschenform zu stammen, den Denisova-Menschen, mit denen sich
15:03Vorfahren der Tibeter vor langer Zeit vermischt haben. In den Anden in Südamerika leben Menschen,
15:08die ebenfalls in großer Höhe zurechtkommen, aber dort haben sich andere genetische Anpassungen
15:14entwickelt. Und im äthiopischen Hochland wieder andere. Drei Regionen, drei verschiedene Lösungen
15:19für dasselbe Problem. Das dritte Beispiel hat besonders viel mit unserer Frage zu tun,
15:24denn es betrifft Krankheiten. Wenn man hört, dass bestimmte Erbkrankheiten in bestimmten Gruppen
15:29häufiger vorkommen, liegt der Gedanke nahe, das sei der Beweis für biologische Rassen. Schauen wir
15:34genau hin. Die Sichelzellkrankheit ist in Teilen Westafrikas besonders häufig, aber sie ist keine
15:39afrikanische Krankheit. Die zugrunde liegende Genvariante kommt auch im Mittelmeerraum vor,
15:45etwa in Teilen Süditaliens und Griechenlands, auf der arabischen Halbinsel und in Teilen Indiens.
15:50Was all diese Gebiete verbindet, ist nicht die Abstammung, sondern ein gemeinsamer Feind,
15:56die Malaria. Wer eine Kopie der Sichelzellvariante trägt, ist gegen schwere Verläufe von Malaria
16:02besser geschützt. Wer zwei Kopien trägt, erkrankt an der Sichelzellkrankheit. In Regionen,
16:09in denen Malaria Kinder tötete, setzte sich die Variante deshalb durch, obwohl sie ihren Preis hatte.
16:14Die Natur hat hier einen brutalen Tauschhandel gemacht. Auch andere Beispiele zeigen das Muster.
16:19Die Mukoviszidose ist in Europa verbreitet. Die Taisachskrankheit tritt bei aschkenasischen
16:24Juden gehäuft auf, aber auch bei Frankokanadiern und Cajuns in Louisiana. In solchen Fällen spielen
16:30oft Gründereffekte eine Rolle. Kleine Gruppen, in denen zufällig eine bestimmte Variante vorhanden
16:34war und sich über Generationen anreicherte. Das ist ein Zusammenhang mit der Geschichte einer
16:39Gruppe, nicht mit einer Rasse. Daraus ergibt sich eine wichtige Erkenntnis. Krankheitsrisiken folgen
16:45der Geschichte, der Umwelt und den Vorfahren einer bestimmten Familie, nicht den Hautfarbenkategorien,
16:51die wir im Alltag benutzen. Bevor wir zum nächsten Teil kommen, noch eine Zahl, die den Gesamtbefund
16:56zusammenfasst. Das 1000 Genomes Projekt hat bei den untersuchten Menschen rund 88 Millionen
17:02Stellen im Genom gefunden, an denen sich Menschen unterscheiden können. Das klingt nach einer
17:07gewaltigen Zahl, aber das Entscheidende ist die Verteilung. Die häufigen Varianten findet
17:12man praktisch überall auf der Welt. Nur die seltenen Varianten sind oft auf bestimmte Regionen
17:16beschränkt. Das bedeutet, die meisten Unterschiede, die zwischen Menschen existieren, kommen in vielen
17:22Bevölkerungen gleichzeitig vor. Und was zwischen Regionen am deutlichsten abweicht, sind vor allem
17:26die Seltenheiten. Und jetzt kommen wir zu einem Teil, der das Bild der reinen Abstammung endgültig
17:31zerlegt. Wenn du dich heute fragst, woher die Vorfahren der Europäer stammen, dann ist die
17:36ehrliche Antwort aus mindestens drei Quellen. Die erste sind die Jäger und Sammler, die nach dem Ende
17:42der Eiszeit in Europa lebten und zu denen auch der Mann aus der Cheddar-Schlucht gehört. Die zweite sind die
17:47Bauern, die vor etwa 8.000 bis 9.000 Jahren aus Anatolien, der heutigen Türkei, nach Europa zogen
17:53und die Landwirtschaft mitbrachten. Die dritte sind Hirtengruppen aus den Steppen nördlich des
17:58Schwarzen Meeres, die vor rund 5.000 Jahren nach Westen drängten. Wer in Mitteleuropa lebt, trägt
18:03typischerweise Anteile aus allen dreien in sich. Und diese Anteile unterscheiden sich von Region zu
18:08Region. Und das sind keine reinen Ursprünge. Auch die Bauern aus Anatolien und die Steppenhirten waren
18:13schon Mischungen früherer Gruppen. Wenn man in der Genetik weit genug zurückgeht, findet man nirgends
18:19einen sauberen Anfang. Man findet nur immer neue Schichten von Begegnung. Das gilt weltweit. Die
18:24Vorfahren der heutigen Menschen in Amerika kamen nicht in einer einzigen einheitlichen Welle. Und
18:30auch in ihrer Genetik finden sich Hinweise auf mehrere Quellen. Bei Menschen auf pazifischen Inseln,
18:35bei Bewohnern Südasiens, bei den Bevölkerungen des Nahen Ostens, überall zeigt die alte DNA Verschiebungen,
18:42Vermischungen und Ersetzungen. Und auch in Afrika gab es gewaltige Bewegungen, etwa die Ausbreitung
18:47der Bantu-sprechenden Bevölkerungen über große Teile des Kontinents in den letzten paar tausend
18:52Jahren. Besonders eindrucksvoll ist die Verbindung zu den ausgestorbenen Menschenformen. Der Leipziger
18:58Genetiker Svante Pebo, der für seine Arbeiten 2022 den Nobelpreis erhielt, konnte zeigen, dass Neandertaler
19:05und moderne Menschen sich vermischt haben. Menschen außerhalb Afrikas tragen im Durchschnitt etwa 1-2%
19:11Neandertaler DNA. Bei Bevölkerungen in Melanesien und Neuguinea kommt noch ein Anteil des Denisova-Menschen
19:17hinzu, der bei einigen Gruppen mehrere Prozent erreichen kann. Und neuere Studien deuten sogar
19:22darauf hin, dass auch Bevölkerungen in Afrika Spuren archaischer Menschenformen in sich tragen.
19:28Teilweise von Gruppen, die wir bisher nicht einmal durch Fossilien kennen. Wenn man das alles
19:32zusammennimmt, bleibt vom Bild der reinen Linien nichts übrig. Die Geschichte der Menschheit ist keine
19:38Reihe getrennter Äste. Sie ist ein Geflecht, ein Netz aus Flüssen, die sich teilen, wieder
19:43zusammenfließen und sich erneut verzweigen. Das führt zu einer Frage, die sich viele Menschen
19:48stellen, wenn sie sich auf Ahnenforschung einlassen. Wie weit müssen wir zurückgehen, bis wir einen
19:53gemeinsamen Vorfahren haben? Die Antwort überrascht. Mathematische Modelle, zum Beispiel eine bekannte
19:58Arbeit aus dem Jahr 2004, kommen zu dem Schluss, dass der jüngste gemeinsame Vorfahre aller heute
20:04lebenden Menschen möglicherweise erst vor einigen tausend Jahren gelebt hat. Das klingt unglaublich,
20:09wird aber verständlich, wenn man bedenkt, wie schnell die Zahl der Vorfahren mit jeder Generation
20:14wächst. Jeder von uns hat zwei Eltern, vier Großeltern, acht Urgroßeltern. Schon nach wenigen
20:20Dutzend Generationen übersteigt die rechnerische Zahl der Vorfahren die damalige Weltbevölkerung,
20:25was bedeutet, dass sich die Stammbäume zwangsläufig überschneiden. Noch weiter in der Vergangenheit
20:31gibt es einen Zeitpunkt, an dem jeder Mensch, der damals lebte und Nachkommen hinterließ,
20:35der Vorfahre aller heutigen Menschen ist. Eine kleine Einschränkung gehört dazu, denn wir wollen
20:40genau bleiben. Diese Modelle sprechen über genealogische Vorfahren, also Menschen, die in
20:45deinem Stammbaum auftauchen. Das heißt nicht automatisch, dass du von jedem dieser Vorfahren auch
20:51tatsächlich Erbgut geerbt hast. Mit jeder Generation wird der Anteil, den du
20:55von einem bestimmten Vorfahren trägst, kleiner und irgendwann ist er gleich 0. Außerdem beruhen
21:01die Berechnungen auf vereinfachten Annahmen über Wanderung und Vermischung. Das eigentliche
21:05Fazit bleibt aber bestehen. Die Idee, dass es klar getrennte Abstammungslinien über lange
21:10Zeiträume gibt, hält keiner Prüfung stand. Jetzt wird es Zeit für das, was ich zu Beginn
21:15versprochen habe. Denn bis hierher klingt alles so, als gäbe es in den Daten überhaupt keine
21:21Gruppen. Und das wäre falsch. Wenn man sehr viele genetische Marker gleichzeitig betrachtet,
21:27und das tun Forscher heute routinemäßig, dann ordnen sich Menschen tatsächlich zu
21:31Mustern, die grob mit geografischer Herkunft zusammenhängen. Das berühmte Rosenberg-Experiment
21:38von 2002 zeigte, dass ein Computerprogramm, das nichts über Hautfarbe oder Herkunft wusste,
21:43die Proben in Gruppen sortierte, die ungefähr den großen Weltregionen entsprachen. Afrika,
21:49Eurasien, Ostasien, Ozeanien und Amerika. Der britische Genetiker Anthony Edwards wies schon
21:552003 darauf hin, dass man deshalb nicht so tun dürfe, als sei es, genetisch unmöglich Herkunft
22:01zu erkennen. Denn viele kleine Unterschiede, die einzeln nicht viel aussagen, ergeben zusammen
22:06ein deutliches Muster. Das erklärt, warum kommerzielle Ahnentests funktionieren. Sie können mit
22:12statistischer Wahrscheinlichkeit sagen, dass deine Vorfahren eher aus der einen oder anderen
22:16Weltregion stammen, weil Menschen in der Vergangenheit meistens in der Nähe ihrer Heimat
22:20Partner gefunden haben. Aber dieses Ergebnis sagt weniger aus, als es klingt. Zum einen sind solche
22:26Gruppen keine festen Kategorien, sondern hängen davon ab, wie man die Proben auswählt. Wenn man vor
22:31allem Menschen von weit voneinander entfernten Orten untersucht, entstehen scharfe Cluster. Wenn man
22:37dagegen Menschen von überall dazwischen mit einbezieht, verschwimmen die Grenzen zu einem fließenden
22:42Übergang. Das hat der Forscher Serre zusammen mit Svante Pervo 2004 gezeigt, die menschliche
22:48Vielfalt verändert sich überwiegend schrittweise mit der Entfernung, nicht in scharfen Sprüngen. Man
22:53kann es sich vorstellen wie einen Sonnenuntergang. Oben ist der Himmel tiefblau, unten leuchtet er
22:58orange. Du kannst den Himmel in Farbzonen einteilen. Und das hilft dir vielleicht bei der Beschreibung.
23:03Aber wenn dich jemand fragt, an welcher Stelle genau das Gelb aufhört und das Orange beginnt, kannst du
23:08keinen Punkt nennen. Die Grenze ist eine Entscheidung, keine Entdeckung. Zum anderen, und das ist der
23:14wichtigere Punkt, dass man Herkunft aus Genen statistisch ablesen kann, bedeutet nicht, dass
23:19diese Gruppen eine Rangordnung oder feste Eigenschaften haben. Die Marker, die dabei helfen,
23:24Herkunft zu erkennen, sind in der Regel neutrale Variationen. Sie sagen etwas über die Geschichte
23:29von Wanderungen aus, aber nichts über Intelligenz, Charakter oder Wert eines Menschen. Geografische
23:34Muster in der Genetik sind eine Tatsache. Biologische Rassen als klar abgegrenzte,
23:39hierarchisch geordnete Menschengruppen sind das nicht. Wo kommt also die Idee der Rassen überhaupt
23:44her, wenn nicht aus der Genetik? Sie kommt aus der Zeit der Aufklärung und des Kolonialismus.
23:50Im 18. Jahrhundert begann der schwedische Naturforscher Karl von Linné auch die Menschen
23:54in Kategorien einzuteilen. Er unterschied vier Varietäten nach Kontinenten und schrieb ihnen
23:59auch Eigenschaften zu und diese Zuschreibungen waren schon damals voller Vorurteile. Der
24:04Göttinger Wissenschaftler Johann Friedrich Blumenbach schlug 1775 eine Einteilung in fünf
24:10Varietäten vor und prägte dabei den Begriff Kaukasier. Blumenbach selbst betonte allerdings,
24:15dass die Übergänge zwischen den Gruppen so fließend seien, dass sich keine scharfen Grenzen
24:19ziehen ließen. Seine Warnung ging in der Wirkungsgeschichte weitgehend unter. Im 19. Jahrhundert wurde aus der
24:25Beschreibung ein Ranking. Schriftsteller und Gelehrte wie Arthur de Gobineau entwarfen
24:29Theorien, nach denen es höhere und niedrigere Rassen gäbe. Schädelvermessungen, später auch
24:34Intelligenztests wurden verwendet, um diese Vorstellungen scheinbar zu belegen. Diese Ideen
24:39dienten dazu, Sklaverei, Kolonialherrschaft und Ausbeutung zu rechtfertigen. Und im 20. Jahrhundert
24:45führten sie in Deutschland zur Rassenideologie der Nationalsozialisten, die in den Völkermord an den
24:51europäischen Juden, den Völkermord an den Sinti und Roma und in die Ermordung von Millionen
24:56anderer Menschen mündete. Nach dem Krieg arbeiteten Wissenschaftler gezielt daran, diese Ideologie zu
25:02widerlegen. Schon 1950 veröffentlichte die UNESCO eine erste Erklärung zum Thema Rasse und im Jahr
25:092019 veröffentlichten Forschende der Friedrich-Schiller-Universität, Jena und der Senckenberg-Gesellschaft
25:14für Naturforschung, die sogenannte Jena-Erklärung. Darin halten sie fest, dass das Konzept der Rasse
25:21nicht Grundlage, sondern Ergebnis von Rassismus ist und dass es aus biologischer Sicht auf den
25:25Menschen nicht anwendbar ist. Wir haben also ein Konzept, das nicht aus der Biologie kam,
25:30sondern aus Machtverhältnissen und das sich dann ein wissenschaftliches Mäntelchen umgehängt hat.
25:34Das hat bis heute Folgen. Und zwar nicht nur in der Politik, sondern auch in der Medizin. Lange wurde
25:40in der Medizin die Herkunft oder die Hautfarbe eines Menschen als Abkürzung benutzt, um Risiken
25:46abzuschätzen. Das Problem ist, dass diese Abkürzung unzuverlässig ist. Ein berühmtes Beispiel betrifft
25:53die Berechnung der Nierenfunktion. Jahrelang enthielt die gängige Formel in den USA einen
25:58Korrekturfaktor für schwarze Patienten. Dieser Faktor führte dazu, dass bei manchen Menschen eine
26:04Nierenerkrankung später erkannt wurde, weil ihre Werte besser aussahen als sie waren. Nach längerer Kritik
26:10wurde diese Rassenkorrektur 2021 von einer Fachgruppe zur Streichung empfohlen. Das Beispiel
26:16zeigt, wie riskant es ist, die Vielfalt von Milliarden Menschen mit wenigen Schubladen
26:20zu beschreiben. In einer Bevölkerungsgruppe, die man als eine Kategorie zusammenfasst, steckt
26:25oft mehr genetische Vielfalt, als man ahnt. Und ein Mensch, der in eine Kategorie sortiert
26:29wird, kann viele Genvarianten tragen, die in der Kategorie gar nicht typisch sind. Moderne
26:34Medizin setzt deshalb zunehmend auf individuelle Gentests statt auf grobe Herkunftsannahmen.
26:40Wenn es wichtig ist zu wissen, ob jemand ein Medikament verträgt oder ein bestimmtes
26:44Risiko trägt, dann ist die genaue Variante im Erbgut aussagekräftiger als jede Hautfarbe.
26:49Jetzt fehlt noch der Teil, über den man ehrlicherweise sprechen muss, damit diese Geschichte nicht
26:53schief verstanden wird. Wenn die Genetik sagt, dass Rassen keine biologischen Gruppen sind,
26:59dann heißt das nicht, dass Rassismus verschwunden ist oder dass die Erfahrungen von Menschen belanglos
27:03wären. Eine soziale Kategorie ist keine Einbildung. Wenn eine Gesellschaft Menschen nach Aussehen
27:09sortiert und entsprechend behandelt, dann hat das reale Folgen für Bildung, Wohnen, Arbeit,
27:15Gesundheit und Sicherheit. Und die Kategorien, die dabei benutzt werden, sind von Land zu
27:20Land und von Epoche zu Epoche verschieden. Derselbe Mensch kann je nach Land, Jahrhundert
27:25und gesellschaftlicher Lage ganz anders eingeordnet werden. Das allein zeigt schon, dass diese Kategorien
27:30aus Gesellschaft stammen und nicht aus dem Erbgut. Auch in Deutschland wird seit Jahren darüber
27:35diskutiert, ob das Wort Rasse im Grundgesetz ersetzt werden sollte, gerade weil es suggeriert,
27:41dass es Menschenrassen gäbe. Was die Genetik uns gibt, ist etwas anders, nämlich das Fehlen
27:45einer Ausrede. Es gibt keine biologische Grundlage dafür, Unterschiede in Wohlstand, Macht oder
27:50Chancen auf angeborene Eigenschaften von Bevölkerungsgruppen zurückzuführen. Diese
27:54Unterschiede haben Geschichten, Gesetze, Kriege und Entscheidungen als Ursache und alle diese Dinge
27:59sind von Menschen gemacht und können von Menschen verändert werden.
28:02Lass uns zusammenfassen, was die Forschung wirklich herausgefunden hat, als sie die DNA
28:06von Menschen aus allen Teilen der Welt verglichen hat. Erstens, wir sind uns in unserem Erbgut
28:11zu über 99% gleich und der größte Teil der Variation, die es gibt, liegt innerhalb jeder
28:17Bevölkerung und nicht zwischen den Kontinenten. Zweitens, die größte genetische Vielfalt liegt
28:22in Afrika, weil dort unsere Art entstand und über die längste Zeit Variation sammelte. Alle
28:28anderen Bevölkerungen tragen im Wesentlichen einen Ausschnitt davon. Drittens, die äußerlich
28:33sichtbaren Unterschiede, wie Hautfarbe, sind junge Anpassungen an Sonne und Umwelt, hängen
28:38an sehr wenigen Genen und sind auf verschiedenen genetischen Wegen entstanden. Sie sind kein
28:43verlässlicher Hinweis auf tiefe Verwandtschaft. Viertens, Anpassungen wie Laktaseverdauung,
28:49Höhenanpassung oder Malarierschutz folgen der Umwelt und der Kultur, nicht den klassischen
28:54Kategorien. Fünftens, die Vorfahren aller Bevölkerungen sind Mischungen. Reine Linien
29:00hat es nie gegeben. Wo immer Menschen aufeinandertrafen, haben sie Gene ausgetauscht und manchmal sogar
29:05mit anderen Menschen formen. Sechstens, ja, genetische Daten können Herkunft aus Regionen
29:10statistisch erkennen, aber diese Muster sind fließend, hängen von der Stichprobe ab und
29:15rechtfertigen keine Hierarchie und keine festen Gruppen. Und siebtens, das Konzept der Rassen ist
29:20eine historische Erfindung, die der Rechtfertigung von Macht diente, nicht eine Entdeckung der Biologie.
29:25Wenn man das alles im Kopf hat, sieht man auch das Bild vom Anfang mit anderen Augen. Der Mann
29:30aus Norwegen, der Fischer aus dem Pazifik und die Frau auf dem Markt in Addis Abeba. Sie sehen
29:36verschieden aus und diese Unterschiede sind echt, aber sie sind die Oberfläche. Darunter liegt eine
29:40gemeinsame Geschichte, die sich über 300.000 Jahre erstreckt, ein Netzwerk von Wanderungen,
29:46Begegnungen und Anpassungen, das uns alle verbindet. Vielleicht ist das die eigentliche
29:51Überraschung dieser Forschung. Nicht, dass sie uns sagt, wir seien alle gleich, sondern
29:56dass sie zeigt, wie eng verflochten unsere Geschichten wirklich sind. Enger, als jede Grenze
30:00auf jeder Landkarte vermuten lässt. Jeder Mensch, der heute lebt, ist das Ergebnis einer langen Kette
30:07von Vorfahren, die überlebt haben, die gewandert sind, die sich begegnet haben. Und jede dieser
30:12Begegnungen steckt in irgendeiner Form in deinem Erbgut. Was wir mit diesem Wissen anfangen,
30:16ist keine Frage der Genetik mehr. Es ist eine Frage der Entscheidung. Wenn dir dieses Video
30:21gefallen hat, dann abonniere den Kanal für mehr solcher Videos und lass ein Like da.
30:24Danke fürs Zuschauen und bis zum nächsten Mal.

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