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„Es ist ein Fall, dessen Ausmaß an Manipulation und Kaltblütigkeit fast schon einmalig ist", beginnt die Staatsanwältin die Verhandlung im November 2024 am Landesgericht Korneuburg. Es geht um eine Frau, die zweimal versucht hat, ihren wohlhabenden Partner zu töten und der durch eine Vergiftung fast gänzlich erblindet. Später inszeniert sie eine Messerattacke, die ihn schuldlos ins Gefängnis bringt.
In der neuen Folge von Schuldfrage besprechen wir, wie eine Niederösterreicherin zur "Giftmischerin" werden konnte und was es für ein Strafverfahren bedeutet, wenn der Angeklagten eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung zugeschrieben wird.
In der neuen Folge von Schuldfrage besprechen wir, wie eine Niederösterreicherin zur "Giftmischerin" werden konnte und was es für ein Strafverfahren bedeutet, wenn der Angeklagten eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung zugeschrieben wird.
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NewsTranskript
00:00Er hat sich verkatert gefühlt, hat immer wieder erbrochen und hat dann massive Sehstörungen bemerkt.
00:06Am 10. Juli wird er dann ins Krankenhaus Mistelbach eingeliefert, landet sofort auf der Intensivstation.
00:11Der Sachverständige hat ausgeführt, es handelt sich um eine Methanolvergiftung,
00:14also hochprozentigen puren Alkohol, der offenbar relativ schädlich ist.
00:18Die Staatsanwaltschaft wird später dann über diesen Vorfall im Juli 2022 sagen,
00:23es war der erste Versuch, ihn loszuwerden.
00:26Am 17. Mai 2023, kurz nach 6 Uhr morgens, ruft die 10-jährige Tochter von Bernadette die Polizei an.
00:33Ihr Onkel, sagt sie, gemeint ist eben Andreas, habe ihre Mutter mit einem Messer und einem Schraubenzieher angegriffen und versucht,
00:39sie zu töten.
00:41So akribisch, wie das gemacht wurde, was Vergleichbares habe ich außerhalb von Film und Fernsehen noch nie gesehen.
00:46Und ich muss echt sagen, würde ich so eine Geschichte jetzt auf Join, in einer Serie sehen oder auf Netflix,
00:52würde es mir auch nicht wundern.
01:00Es darf nie wer herausfinden, dass alles erfunden ist.
01:05Diesen Satz soll Bernadette H., ihrer 10-jährigen Tochter, in einem Brief geschrieben haben.
01:10Diesen versteckt sie in einer Schokoladentafel, die sie aus der Justizanstalt hinausschmuggelt.
01:15Es ist eine filmreife Geschichte, die im November 2024 am Landesgericht Korneuburg verhandelt wird.
01:22Es geht um den Vorwurf des zweifachen Mordversuchs gegen eine Frau, eine fingierte Messerattacke und einen Mann,
01:29der schuldlos im Gefängnis landet und durch eine Vergiftung fast gänzlich erblindet.
01:34Und damit herzlich willkommen zu unserem Podcast Schuldfrage.
01:37Mein Name ist Magdalena Punz von Puls4.
01:40Und mein Name ist Jan-Michael Machert vom Standard.
01:43Schuldfrage gibt es übrigens auf Join, YouTube und überall, wo es Podcasts gibt.
01:46Feedback gerne in die Kommentare und wenn es gefällt, abonnieren und fünf Sterne da lassen.
01:50In diesem Podcast beleuchten wir wahre Kriminalfälle und blicken hinter die Kulissen der Justiz.
01:55Wir sprechen über Ermittlungen und Urteile.
01:58Und für die juristische Expertise begrüßen wir heute David Jodlbauer bei uns.
02:02Hallo David.
02:03Hallo Magdalena.
02:04Hallo Jan.
02:05Wir wollen heute darüber sprechen, wie eine Frau zur Giftmischerin werden konnte.
02:10Was wirft die Staatsanwaltschaft Bernadette H. konkret vor?
02:14Vom Methanol im Spezialgetränk bis zur inszenierten Pulsaderverletzung.
02:19Und was bedeutet es für ein Strafverfahren, wenn im Zentrum eine Angeklagte steht,
02:24da eine schwere kombinierte Persönlichkeitsstörung zugeschrieben wird?
02:28Und damit starten wir wie immer am Beginn.
02:31Jan, nimm uns doch mit an diesem Sommertag im Jahr 2022.
02:35Genau, das alles hat stattgefunden am 8. Juli 2022 in Glinzendorf in Niederösterreich.
02:41Das ist ein kleiner Ort.
02:43Und damals hat Andreas F. auf seinem Grundstück eine Sommerparty gefeiert.
02:47Etwa zehn bis zwölf Personen sind da.
02:50Organisiert wird das Fest von einer Freundin Bernadette H.,
02:52über die wir heute noch sehr viel sprechen werden,
02:54und einer bekannten, man kann jetzt einmal sagen, so weit, so austauschbar.
02:58Einfach eine Sommerparty.
03:00Und an diesem Abend im Juli 2022 holt Bernadette H. gegen 22.30 Uhr aus ihrer Tasche
03:06ein sogenanntes Spezialgetränk, wie sie es nennt,
03:09das sie quasi nur für Andreas oder speziell für Andreas angesetzt hat.
03:13Sie füllt den Inhalt in zwei große Plastikbecher, mischt Cola und Eis dazu
03:17und übergibt diese Drinks quasi an Andreas und einem Freund von ihm, der Manfred heißt.
03:23Manfred nimmt einen Schluck und findet es ihm wie eklig, schüttet den Rest weg.
03:30Andreas trinkt weiter.
03:32Warum?
03:32Weil er von seiner Freundin am Abend Sex in Aussicht gestellt bekommen hat,
03:37also von Bernadette H.
03:39Und er hat das Glas ausgetrunken.
03:41Also das heißt, es war ein Spezialgetränk nur für ihn.
03:45Ich finde, das klingt ja schon einmal so ein bisschen verdächtig, wenn man das so hört.
03:48Wie ist es denn dem Andreas danach gegangen?
03:50Immer schlechter. In den nächsten zwei Tagen ist es eigentlich immer schlimmer geworden.
03:55Er hat sich verkatert gefühlt, hat immer wieder erbrochen und hat dann massive Sehstörungen bemerkt.
04:01Am 10. Juli wird er dann ins Krankenhaus Mistelbach eingeliefert, landet sofort auf der Intensivstation,
04:07wird künstlich beatmet und erhält eine Blutwäsche.
04:10Also eine ziemlich ordentliche Geschichte nach einem Getränk.
04:13David, du hast dir auch das Gutachten rund um den Gesundheitszustand näher angeschaut.
04:18Was hat denn der Mann erlitten durch dieses Getränk, durch diese Vergiftung?
04:23Das Sachverständige hat ausgeführt, das handelt sich um eine Methanolvergiftung,
04:26also hochprozentigen puren Alkohol, der offenbar relativ schädlich ist.
04:30Das hat die ganzen Nieren angegriffen und deswegen gab es auch die Dialyse, die Blutwäsche.
04:33Das hat dazu geführt, dass der Sehnerv dauerhaft beschädigt wurde und deswegen ist er erblindert.
04:38Man kennt das vielleicht vom Land, da hört man das zumindest immer wieder beim Schnapsbrennen.
04:42Die ersten Durchläufe sollte man auf keinen Fall konsumieren,
04:45weil eben der Methanol- oder Ethanolgehalt noch so hoch sind,
04:47dass das ganz massive körperliche Schädigungen nach sich ziehen kann.
04:51Genau, und das ist jetzt ja auch schon angesprochen, also rechtlich galt Andreas dann fordern tatsächlich als blind.
04:57Das ist echt ein Wahnsinn, wenn man sich das so überlegt, dass man sagt, man trinkt das und dann erblindert
05:01man.
05:01Damit rechnet man wahrscheinlich auch nicht, dass ein Getränk und eine Vergiftung sowas auslösen kann.
05:08Bevor wir uns jetzt anschauen, wie es zu dieser Vergiftung kommen konnte,
05:12wollen wir natürlich auch wissen, in welcher Beziehung Andreas und Bernadette H. standen.
05:17Wie haben die sich kennengelernt? In welcher Beziehung standen die?
05:20Das ist eine lange Geschichte, kann man sagen.
05:23Also sie haben einander kennengelernt 2012 und haben Beziehungsversuche unternommen.
05:28Ich glaube, so kann man das nennen.
05:29Die sind allesamt gescheitert.
05:322021 haben sie dann wieder zusammengefunden.
05:35Und was man für diese Geschichte sehr wichtig betonen muss,
05:39Andreas ist nämlich Landwirt mit einem ziemlich beträchtlichen Vermögen, würde ich jetzt einmal sagen.
05:43Es sind drei Millionen Euro.
05:45Sie hingegen ist arbeitslos, man kann sagen mittellos beziehungsweise verschuldet.
05:50Und noch dazu alleinerziehende Mutter einer Tochter.
05:53Also das heißt, einfach sehr gegengleiche Biografien, würde ich jetzt einmal sagen.
05:57Also sie hat quasi in Andreas F. eine ganz gute Partie gesehen wahrscheinlich, oder?
06:02Genau so ist es.
06:03Und das Spannende an der ganzen Sache ist auch,
06:05dass sie sehr früh in der Beziehung darauf gedrängt hat,
06:08in seinem Testament erwähnt zu werden.
06:11Und sie hat auch zweimal behauptet, was auch sehr kurios ist,
06:15dass sie von ihm schwanger sei angeblich.
06:18Und er hat sie dann tatsächlich ins Testament aufgenommen,
06:21nämlich als allein Erwin.
06:23Also das heißt, zum Zeitpunkt dieser Vergiftung,
06:25über die wir jetzt schon gesprochen haben,
06:26wo er ja dann auch erblindet ist,
06:28was sie als Alleinerbin im Testament eingesetzt.
06:32So ist es.
06:35Und jetzt kann man sich ja so überlegen,
06:36der ist jetzt erblindet, der liegt im Krankenhaus,
06:38der wird sich ja auch überlegen, wie ist denn das passiert?
06:40Was hat er sich denn da gedacht, wie es zu dieser Vergiftung gekommen ist?
06:43Also ein bisschen das, was du dir gedacht hast, David,
06:46nämlich, dass der selbstgebrannte Schnaps einer von Gastarbeitern,
06:50wie es hieß, Teil dieses Spezialgetränks waren und das wahrscheinlich Schuld war an dem Ganzen.
06:56Er startet dann Anzeige tatsächlich, nämlich am 16. September 2022,
07:00wegen Vergiftung, allerdings noch gegen unbekannte Täter.
07:04Nur, und das ist vielleicht auch wichtig für die Geschichte,
07:07und das werden wir noch öfter, diese, sage ich mal,
07:11Gedanken in Andreas' Kopf hören oder diese Zweifel,
07:15die haben dann damals begonnen und hat sie dann,
07:17also Bernadette, einmal aus dem Testament streichen lassen.
07:20Also er dürfte schon etwas geahnt haben, dass da was falsch rennt.
07:23Also das heißt, es gibt noch keine polizeilichen Ermittlungen gegen sie,
07:26sondern erstmals gegen unbekannt, aber irgendwie beginnt Andreas dann auch schon zu zweifeln.
07:31Ich würde mal sagen, das kann man ihm nicht übel nehmen, oder, David?
07:34Vor allem, wenn man weiß, was später noch kommt, ja.
07:36Er hätte vielleicht ein bisschen mehr auf das hören sollen,
07:38was er zu dem Zeitpunkt schon vermutet hat.
07:40Hätte ihm vielleicht viel Erspartung.
07:42Ja, dann fassen wir mal zusammen.
07:43Wir haben Juli 2022 eine Party, ein Spezialgetränk,
07:48das fast nur einer trinkt, nämlich Andreas.
07:50Und danach eine Methanolvergiftung, die ihn dauerhaft blind macht und beinahe tötet.
07:56Die Polizei beginnt im September dann Ermittlungen gegen unbekannt
08:00und zu diesem Zeitpunkt hat Andreas seine Partnerin aus dem Testament streichen lassen.
08:05Die Staatsanwaltschaft wird später dann über diesen Vorfall im Juli 2022 sagen,
08:10es war der erste Versuch, ihn loszuwerden.
08:14Ja, mit dieser Vorgeschichte beginnt der Fall rund um die Giftmischerin Bernadette H.
08:19Ja, der auch filmreif ist, kann man vielleicht jetzt schon sagen.
08:22Denn ein paar Monate später gibt es einen zweiten Vorfall.
08:26Wieder in Glinzendorf in Niederösterreich.
08:28Wieder mit lebensbedrohlichen Folgen für Andreas.
08:32Was passiert im November 2022?
08:34Vielleicht eine persönliche Anmerkung, dass sie sich jetzt wieder getroffen haben.
08:37Darüber reden wir jetzt.
08:39Nämlich im 2. November 2022, dass sie quasi einen Abend gemeinsam verbracht haben in Glinzendorf.
08:44Ich verstehe es ehrlicherweise nicht.
08:45Also wenn die Beziehung schon vorher so on-off und schwierig war
08:48und dass sie mich erst später erst wieder kennenlernen und dann passiert mir sowas
08:51und ich ahne vielleicht schon, dass sie was damit zu tun hat.
08:54Also ich verstehe nicht, wieso man sich da wieder trifft, aber okay.
08:58Jedenfalls kommen sie von einem Besuch bei ihrer Familie, die zwei, also Andreas und Bernadette.
09:03Er kauft Rum, sie essen gemeinsam, er trinkt zwei bis drei Kohle Rum und raucht einen halben Joint.
09:09Dann kommt es wieder zu einer interessanten Wendung in der Geschichte.
09:13Nämlich Bernadette gibt ihm Muffins, die angeblich seine Tochter gebacken hat
09:17und mehrere Tabletten, die sie als Nahrungsergänzungsmittel, wie sie es nennt oder wie es dann im Fall aufkam, beschreibt.
09:25Andreas nimmt dort seiner Aussage acht bis zehn Tabletten und fühlt sich kurz darauf massiv beeinträchtigt.
09:29Also auch da möchte ich eine Anmerkung machen, wieso nimmt er so viele Tabletten?
09:32Also ich finde dieses ganze Treffen sehr äußerst eigenartig.
09:36Er legt sich dann ins Bett, völlig beeinträchtigt und wacht dann erst wieder auf im Krankenhaus Mistelbach.
09:42Ja, das ist wahrscheinlich die große Liebe und dahinter fragt man das vielleicht nicht allzu sehr.
09:48Und dann kommt es halt zu solchen Konstellationen und man geht dann wieder eine Beziehung ein.
09:53Aber du hast schon angesprochen, auch dieses zweite Vorkommnis endet für Andreas im Krankenhaus in Mistelbach.
09:59Und da zeigt sich medizinisch dann Folgendes.
10:02Er hat am linken Unterarm eine etwa zehn Zentimeter lange längs verlaufende Schnittwunde an der Beugeseite
10:10mit teilweise Durchtrennung des mittleren Unterarmnervs.
10:14Ich habe mir diese Wunde angeschaut.
10:16Wir haben sie, glaube ich, alle gesehen.
10:18Ist schon ziemlich lang.
10:20Also das schaut schon nicht ungefährlich aus.
10:22Und in seinem Hahn werden Alkohol, Beruhigungs- und Muskelentspanner, Psychopharmaka sowie Cannabisrückstände festgestellt.
10:30Waren offenbar keine Nahrungsergänzungsmittel, kann man vielleicht hier jetzt schon dazu sagen.
10:34Und die Gutachten sprechen hier von einer schweren Gesundheitsschädigung.
10:38Wäre bei dieser Schnittführung die Unterarmschlagader eröffnet worden, wäre in dieser Situation mit rascher Lebensgefahr zu rechnen, so heißt es.
10:48Ja, und was sagt denn Bernadette H. zu dieser Situation?
10:51Sie hat eine völlig andere Geschichte.
10:53Man hat ja auch erzählt, dass es Nahrungsergänzungsmittel sind.
10:56Sie erzählt dann, dass Andreas versucht habe, sich umzubringen angeblich.
11:00Sie schildert gegenüber Rettungskräften, er sei ein chronischer Alkoholiker, psychisch stabil
11:05und habe bereits mehrere Suizidversuche hinter sich bzw. unternommen.
11:09Und die Notfallsanitäter berichten dann wieder was ganz anderes.
11:12Die sagen, er sei weder aggressiv gewesen noch hätten sich in seiner Nähe Tablettenblister befunden.
11:19Also sprich, dass es irgendwelche Hinweise gegeben hätte, er hätte einen klassischen Tabletten-Suizidversuch unternommen.
11:26Also wir haben jetzt zwei Vorfälle.
11:28David, kann man hier jetzt schon ein bisschen rauslesen, was der juristische Kern dieser ganzen Geschichte sein könnte, schon zum
11:35jetzigen Zeitpunkt?
11:37Von dem, was wir bisher gehört haben, wenn man das subsumieren müsste, und das machte die Staatsanwaltschaft zu einem späteren
11:41Zeitpunkt auch,
11:42würde man wohl von Mordversuchen sprechen.
11:44Und das wird der Knackpunkt sein, wie ernsthaft hat Bernadette versucht, ihren Lebensgefährten, ihren Partner zu töten?
11:51Was hat sie sich gedacht in dem Moment, als sie diese oder jene Handlungen unternommen hat?
11:55Was war ihr Ziel dabei?
11:55Was sagt denn das aber auch über die Psyche von so einer Frau aus?
12:00Jetzt hat sie schon einmal Glück gehabt, dass sie nicht erwischt wurde bei diesem ersten Versuch quasi.
12:08Dann macht sie es noch einmal.
12:10Also wie muss man da gestrickt sein, dass man sagt, ich probiere es einfach noch einmal?
12:15Ich glaube, das ist eins der Dinge, die diesen Fall auszeichnen oder die die Täterinnenstruktur in dem Fall auszeichnen.
12:21Und das sieht man ganz, ganz selten, dass jemand so penetrant versucht, eine Straftat wie einen Mord zu begehen,
12:26dass jemand das so hartnäckig versucht und wenn es das erste Mal scheitert, ein zweites Mal probiert und ohne vorgreifen
12:31zu wollen,
12:31dann wohl ein drittes Mal etwas in diese Richtung auch noch unternimmt.
12:35Ja, es wird noch ein bisschen verrückter, so viel kann man jetzt schon sagen.
12:38Aber was jetzt schon spannend ist, also bei diesem zweiten Versuch gehe ich jetzt eigentlich davon aus,
12:43er hatte sie ja aus dem Testament nehmen lassen oder war das dann jetzt doch nicht so?
12:48Naja, jetzt kommt halt quasi wieder das ins Spiel, was du vorher angesprochen hast, Magdalena, die große Liebe.
12:53Weil im September 2022, also davor, hat Bernadette erneut behauptet, von Andreas schwanger zu sein
13:00und sie hat dann Forderungen gestellt.
13:03Das heißt, sie hat das gemeinsame Leben davon abhängig gemacht, wieder im Testament bedacht zu werden.
13:07Und was hat Andreas gemacht? Er hat sie wieder ins Testament aufgenommen,
13:11nämlich am 21. Oktober 2022, plus die Tochter, also sprich, die Bernadette wäre wieder Alleinerbin gewesen
13:20von diesem möglichen Millionen Erbe.
13:24Das heißt, man muss, und dann muss man sich überlegen, also einerseits ist das passiert,
13:30sie steht wieder im Testament und dann zehn Tage später, also kaum später,
13:34kommt es zu diesem nächsten Versuch, Andreas, würde ich jetzt einmal sagen, um die Ecke zu bringen.
13:39Also das heißt, da liegen nur zehn Tage zwischen, du bist jetzt wieder im Testament
13:43und du liegst im Krankenhaus, lieber Andreas, und mit einer Wunde am Arm
13:52und offenbar ein zweiter Mordversuch, also zehn Tage, das ist dann auch auffällig, oder?
13:58Ja, im Nachhinein ist die Zeitleiste natürlich sehr auffällig und man kann das ganz klar herauslesen,
14:02wann sich jemand was und was gedacht hat und dann dieses und jenes getan haben wird.
14:07Ich glaube, damals im Moment hat sich das alles ein bisschen komplizierter dargestellt
14:10und man konnte das gar nicht so einfach sagen.
14:12Wir kommen dann wahrscheinlich gleich dazu, aber der Fall hat sich ja am Anfang ganz anders präsentiert.
14:17Genau, also wir haben es ja schon ein bisschen angekündigt, es wird noch wilder, die Geschichte
14:23und ich muss echt sagen, also würde ich so eine Geschichte jetzt auf Join, in einer Serie sehen
14:28oder auf Netflix, würde es mir auch nicht wundern. Ich würde es aber schauen.
14:31Ich würde es auch schauen. Also ich meine, sie hat einfach alles von Anfang an, was man sich halt so
14:34vorstellt.
14:35Also es beginnt, es beginnt ja sehr subtil, also ich meine, wenn man sich ein bisschen überlegt,
14:39wäre ich als Andreas vielleicht ein bisschen vorsichtiger geworden, vor allem wenn wir Zweifel kommen.
14:43Und ich meine, ich kenne, also wir kennen alle die Geschichte davor nicht, aber ich meine,
14:47wenn ich so lange eine On-Off-Beziehung führe, die wahrscheinlich auch nicht so ganz friktionsfrei,
14:51also anhand dieser Geschichte könnte ich mir das vorstellen, nicht so friktionsfrei vorüber ging
14:55und ich jedes Mal, also spätestens nach dem zweiten Mal, müsste ich mir schon überlegen,
15:00jetzt habe ich die Person wieder ins Testament aufgenommen, dann passiert mir wieder sowas.
15:03Also da müsste es dann langsam einen Zusammenhang geben.
15:06Ich glaube, was man aber gar nicht ganz außen vor lassen darf oder was ich mir in dem Fall sehr
15:09gut vorstellen kann,
15:10dass auch sowas wie ein Abhängigkeitsverhältnis entsteht.
15:13Und das Opfer ist natürlich nach dem ersten Anschlag auf sein Leben schon stark geschädigt.
15:16Er verliert mehr oder weniger das Augenlicht, ist blind, weiß vielleicht seine Perspektive
15:21auf eine erneute Partnerschaft, ist jetzt nicht besser geworden.
15:24Dadurch, dass er das Augenlicht verloren hat, wahrscheinlich war das vorher schon ein bisschen ein Thema.
15:27Und dann gibt es die Partnerin Rima. Bernadette ist noch immer da, sie ist ansprechbar,
15:31sie signalisiert noch immer Interesse an der Beziehung.
15:34Ich könnte mir vorstellen, dass man sich da schon verführen lässt dazu, dass man sich denkt,
15:38ja, warum nicht, dass meine Partnerin...
15:39Das ist jedenfalls ein sehr guter Punkt, weil Andreas F. ja wirklich schon fast handlungsunfähig ist
15:45aufgrund seiner Erblindung.
15:46Und das ist natürlich auch praktisch, wenn man dann jemanden da hat, der sich um einen kümmert.
15:49Da hast du sicher einen guten Punkt.
15:51Also wir haben jetzt mittlerweile zwei Mordversuche, eine Vergiftung mit Spezialgetränk und eine
15:56Vergiftung mit Muffins, inklusive einem Schnitt entlang der Pulsader getarnt als vermeintlicher
16:01Selbstmord.
16:02Das Opfer, Andreas, überlebt jedes Mal, wie durch ein Wunder, muss man fast sagen.
16:07Aber wie schaut denn nach diesem zweiten Angriff, wo er dann in Misselbach im Spital liegt,
16:13die Beziehung zwischen den beiden aus?
16:14Wieder von on of off, würde ich es nennen, nämlich am 3.11.2022, also danach, beendet
16:22er die Beziehung endgültig.
16:24Er widerruft auch das Testament zugunsten von Bernadette und Ende November 2022 ermittelt
16:29nun dann auch die Polizei gegen die Niederösterreicherin, also gegen Bernadette, ausgelöst durch Hinweise,
16:35weil Zeugen dann damals über dieses Spezialgetränk sprechen, beziehungsweise da einfach Hinweise
16:40liefern, was es damit auf sich hatte.
16:42Ich glaube, das waren zwei Freunde, die auch auf der Party waren, denen das aufgefallen
16:46ist, dass dieses Getränk ja doch irgendwie sehr speziell zusammengemischt wurde.
16:52Gut, man würde jetzt meinen, nach diesen zwei gescheiterten Mordversuchen würde Bernadette
16:58H. Ruhe geben, nachdem er jetzt auch schon die Polizei gegen sie ermittelt.
17:01Aber nein, es geht wie angekündigt noch verrückter weiter.
17:05Nun soll es nämlich einen angeblichen Angriff auf Bernadette H. selbst gegeben haben.
17:11Und hier kommen wir zu dem Satz ganz am Anfang, den ich angesprochen habe, den sie nämlich
17:16ihrer Tochter in einer Nachricht überliefert hat.
17:19Der Satz lautet, es darf nie wer herausfinden, dass alles erfunden ist.
17:24Ja, was passiert im Mai 2023?
17:27Diesmal sind wir in Adaklar in Niederösterreich.
17:29Was war da los?
17:29Hier genau, jetzt dreht sich die Geschichte, also jetzt die Opfergeschichte, würde ich
17:33jetzt einmal sagen, dreht sich, nämlich von Andreas Richtung Bernadette.
17:36Nämlich am 17.
17:37Mai 2023, kurz nach sechs Uhr morgens, ruft die zehnjährige Tochter von Bernadette die
17:42Polizei an.
17:43Ihr Onkel, sagt sie, gemeint ist eben Andreas, habe ihre Mutter mit einem Messer und einem
17:48Schraubenzieher angegriffen und versucht, sie zu töten.
17:51So die angebliche Geschichte.
17:52Die Polizei findet Bernadette dann tatsächlich mit einem schweren Verletzungsbild vor und
17:58die Tochter als auch die Mutter erzählen eine übereinstimmende Geschichte und die lautet
18:03so, nämlich dass Andreas mitten in der Nacht in der Wohnung oder vor der Wohnung gestanden
18:08sei, aufgetaucht sei und habe gesagt, wenn ich dich nicht haben kann, soll dich keiner
18:13haben.
18:13Und dann soll er sie mit einem schwarzen Keramikmesser attackiert haben.
18:17Die Klinge soll angeblich am Bauch von Bernadette abgebrochen sein und er hat dann trotzdem weiter
18:23zugestochen und auch sozusagen mit dem Schraubenzieher ihr weitere Verletzungen zugefügt und angeblich
18:28gegen ihren Kopf getreten.
18:30Auf Basis dieser Aussage, und das ist eine spannende Wendung, wird Andreas dann am Ende
18:35des Tages festgenommen und es wird gegen ihn wegen versuchten Mordes ermittelt und er kommt
18:40auch in Untersuchung.
18:41Das ist eigentlich ein Wahnsinn.
18:42Und jetzt überlebt er zwei Mordversuche auf ihn.
18:45Also er ist blind, muss man sich auch mal überlegen, wie man als blinder Mensch solche
18:49Verletzungen quasi verüben kann.
18:51Dann diesen figierten Selbstmord und jetzt am Ende sitzt er in Untersuchungshaft?
18:57Genau so ist es.
18:58Und ich meine, diese Fragen, die wir uns da gerade stellen, also wie das möglich sein
19:02soll überhaupt, hat sich auch die Polizei gestellt.
19:04Die haben von Anfang an gesehen, dass da irgendwie vieles nicht ganz zusammenpassen kann.
19:10Nämlich einerseits die sichergestellten Spuren, als auch die Handydatenauswertung deuten
19:14auf etwas anderes oder auf eine völlig andere Version hin.
19:19Es ist nämlich so, dass man dann relativ schnell draufgekommen ist, dass Bernadette versucht
19:22hat, falsche Spuren zu legen.
19:26Und jetzt wird es sehr skurril aus meiner Sicht.
19:29Also meine gesamte Geschichte ist skurril, aber das ist dann nochmal eine Spitze, würde
19:33ich sagen, nämlich die 32-Jährige soll sich Blut abgenommen haben oder hat sich Blut
19:37abgenommen und hat es dann quasi vor ihrem Haus platziert.
19:41Also sehr skurril, wenn man sich das vorstellt.
19:43Und dann hat sie Andreas noch dazu das Handy abgenommen und während er geschlafen hat, falsche
19:50Anrufe und Nachrichten abgesetzt.
19:52Also ein, ich würde jetzt einmal sagen, absurder Aufwand, um diese Geschichte entstehen zu
19:58lassen.
19:59Also völlig irre.
20:00Vielleicht machen wir hier ganz kurz noch einmal so einen Recap, wenn man das jetzt alles
20:04hört, mit welchem Aufwand sie das alles betreibt.
20:07Noch einmal die Struktur dieser Frau.
20:08David, du hast ja immer wieder mit Straftäterinnen und Straftätern zum Tun.
20:12In diesem Fall warst nicht du Anwalt, warst nicht du, hast einmal involviert.
20:15Aber du triffst ja auf solche Leute.
20:17Kann man das irgendwie vergleichen mit vielleicht einem Fall, den du schon einmal hattest?
20:20Nein, absolut nicht.
20:22Es gibt immer wieder falsche Vorwürfe im Strafverfahren.
20:25Es stellt sich immer wieder in der Verhandlung heraus, hey, das kann so nicht passiert sein,
20:29wie es vorgeworfen wird.
20:30Manchmal stellt sich sogar heraus, hey, das war eine Intrige, das war gelogen, da sollte
20:33jemand verleumdet werden.
20:35Aber sicher habe ich das noch nie gesehen oder kenne ich niemanden, der das gesehen hat
20:38in diesem Ausmaß.
20:40Auch die Beweise, die platziert wurden oder die fabriziert wurden.
20:43Es war ja nicht nur das abgezapfte Blut, das verteilt wurde, das wurde auch mit Haarpüscheln
20:46auf die Schuhsohlen draufgeklebt.
20:48Da wurden die Blutspritzer in der Nähe seiner Wohnung quasi so angebracht, wie es zum
20:52Verletzungsbild passen würde.
20:53Auf einem Fahrrad, das als Transportmittel verwendet worden sein soll, sind Blutspritzer
20:59platziert worden.
21:00Also so akribisch, wie das gemacht wurde, was Vergleichbares habe ich außerhalb von Film
21:05und Fernsehen noch nie gesehen.
21:06Ja, wo lernt man das?
21:08Wo lernt man sowas?
21:09Das ist ja schon so präzise und so durchdacht, auch wenn es dann am Ende eh aufliegt, aber
21:16trotzdem.
21:17Ich meine, da muss ich immer auf die Idee kommen, dass ich sage, ich breche da ein, nehme das
21:20Handy weg, lege falsche Spuren, ich nehme mir Blut ab, ich klebe Haarpüschel auf die
21:24Schuhe.
21:25Wo komme ich denn auf solche Ideen?
21:28Ich glaube, das kann nur aus Film und Fernsehen kommen.
21:30Da muss man begeisterter Krimi-Leser oder Krimi-Schauer sein, um solche Ideen zu haben.
21:34Ich finde aber auch die Ermittlungsarbeit, das muss ich noch einmal kurz hervorheben,
21:37in dem Fall, das ist bemerkenswert, weil man hat ja zum Beispiel diese Handy-Auswertung
21:40gehabt und man sieht dort, da gibt es Telefonate zwischen Andreas und Bernadette und das weist
21:45wohl darauf hin, die hatten den Kontakt, so wie Bernadette das angegeben hat.
21:47Jetzt haben sich die Ermittler aber angeschaut, was gibt es denn noch für digitale Beweise
21:50und sie haben gefunden, Sprachbefehle, die an Amazon Echo in der Wohnung von
21:57Andreas übermittelt wurden und damit konnten sie zeigen, zu dem Zeitpunkt, wo das Handy
22:00in Verwendung war, hat Andreas nachweislich mit seiner Stimme Sprachbefehle gegeben und
22:05das Handy war aber woanders eingeloggt und daraus haben sie geschlossen, hey, das Handy,
22:08das hat er nicht mehr gehabt zu diesem Zeitpunkt, sondern das war schon in den Händen von jemand
22:12anderen und das sind tatsächlich manipulierte Telefonate.
22:15Also irre, irre.
22:18Darauf muss man mal kommen, dass man solche Fährten legt und man muss auch darauf kommen,
22:21dass man das wieder legt.
22:22Wahnsinn.
22:23Unfassbar, also die Geschichte hat wirklich alles, Jan, wie du schon gesagt hast.
22:25Ja, und Bernadette war sich ihrer Sache offenbar so sicher, dass sie nicht nur ihre Tochter
22:32in das Lügenkonstrukt mit eingebaut hat, sondern auch einen Bekannten.
22:36Dieser hat sie nämlich in der besagten Nacht zum Haus von Andreas F. gefahren und hat dort
22:41eineinhalb Stunden auf sie gewartet.
22:43Zur Polizei sagte er in einer ersten Befragung, er hätte Bernadette H. nur kurz Zigaretten
22:48vorbeigebracht.
22:49Als die Ermittler diese Version aber widerlegen können, kommt die Wahrheit dann ans Licht.
22:54Der Bekannte wusste nämlich von Bernadette H.'s Plan rund um den fingierten Mordversuch
22:59von Andreas F.
23:00Er wurde von Bernadette H. aber angehalten, mehrfach, der wurde ja wirklich oft einvernommen,
23:05bei der Polizei für sie zu lügen.
23:08Und jetzt kommt's.
23:09Am Ende hat nämlich Bernadette H. ausgesagt, der Bekannte wäre schuld an ihren Verletzungen
23:16und er wäre der eigentliche Drahtzieher rund um die Verleumdung von Andreas F.
23:22Und auch der saß dann in Untersuchungshaft.
23:25Also sie hat wirklich nicht nur ihre Tochter, nicht nur den Ex-Freund Andreas, sondern jetzt
23:29auch diesen Bekannten instrumentalisiert.
23:32Und das ist wirklich beachtlich, so ein Lügenkonstrukt aufzubauen.
23:36Völlig irre.
23:36Also auch, dass ich mir selber Verletzungen zuführe, die so stark sind, dass ich dieses
23:42Lügengebilde aufrechterhalten kann.
23:43Und dann halt, wie du es schon gesagt hast, David, dann so viele Beweise herzustellen,
23:49selbst völlig irre.
23:51Und ich meine, man muss auch sagen, dass die Ermittler das dann tatsächlich aufklären
23:54konnten und auch sehr rasch aufklären konnten, ist tatsächlich bemerkenswert, dass man am
23:59Ende draufkommt.
24:00Das war einfach alles nur gelogen.
24:02Also sie hat sich das selber zugefügt.
24:03Sie hat sich das selber zugefügt, ja.
24:04Das stelle ich mir auch heftig vor.
24:06Das waren ja doch beachtliche Verletzungen gewesen, wie die Polizei dabei ihr nach dem Notruf
24:11der Tochter eingelangt ist.
24:13Ich meine, die war ja schwer verletzt, sich das selbst zuzufügen.
24:15Das sorgt auch.
24:16Ich glaube auch, das waren ja keine oberflächlichen Verletzungen, die so ausschauen wie echte
24:19Verletzungen, sondern das war wirklich ein Messerstich in den Bauch.
24:22Das muss man mal schaffen, sich das selbst zuzufügen.
24:25Das erfordert, Motivation ist vielleicht das falsche Wort, aber sehr viel Dedication.
24:30Aber jetzt wissen wir ja auch, es gab da jetzt keine Beziehung mehr zwischen den beiden.
24:35Es heißt, dass er jetzt sozusagen da draufzahlen muss zum dritten Mal.
24:40Das kann ja dann auch nur eine Racheaktion gewesen sein.
24:43Oder wenn man sich jetzt sagt, jetzt habe ich zweimal versucht, dich loszuwerden.
24:45Du hast mich jedes Mal überlebt quasi und jetzt will ich mich daran rächen.
24:50Oder was könnte jetzt der Grund gewesen sein, ihn jetzt da auch noch zu verleumden?
24:53Also ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass sie gemerkt hat, die Ermittlungen konzentrieren
24:56sich auf mich, die Ermittler kommen mir näher, die Schlinge zieht sich zu.
24:59Ich brauche ein Exit-Szenario und da würde es sich natürlich anbieten, dass man ihn ins
25:02Gefängnis bringt und dann stellt sich vielleicht heraus, das mit der Vergiftung oder weiß ich nicht.
25:06Das ist dann nicht so ein Thema.
25:07Wenn er probiert hat, sie zu ermorden, dann ist sie eindeutig das Opfer und sie wird
25:11keine Probleme bekommen mit der Polizei.
25:13Könnte ich vorstellen.
25:15Ja, das ist durchaus ein guter Punkt.
25:18Jetzt wissen wir, er sitzt in Untersuchungshaft wegen falschen Aussagen von Bernadette H.
25:24selbst.
25:25Sie sagte, er hätte sie verletzt.
25:26Aber David, in deiner Erfahrung, wie oft kommt denn das vor, dass Frauen quasi Männer
25:33fälschlicherweise quasi bezichtigen, dass sie ihnen Gewalt zugefügt haben?
25:38Ist das etwas, was oft vorkommt?
25:42Schwer zu sagen.
25:43Ich habe da natürlich auch keine absoluten Zahlen.
25:45Ich glaube, es wird öfters behauptet, als dass es tatsächlich vorkommt.
25:48Aber ja, das ist etwas, was glaube ich ab und zu oder manchmal vorkommt, dass falsche
25:53Gewaltvorwürfe benutzt werden, um, weiß ich nicht, die Trennung der Beziehung durchzusetzen,
25:57die Wegweiserung aus der Wohnung durchzusetzen, um sich in einem Scheidungsverfahren Vorteile
26:01zu erbauen.
26:03So etwas kann ich mir vorstellen, so etwas sehe ich ab und zu.
26:06Ich glaube, alles in allem, man darf das aber nicht überbewerten.
26:09So oft kommt das eigentlich nicht vor.
26:11Und wahrscheinlich auch nicht in so einem Ausmaß.
26:13Ja, wir haben jetzt drei Ebenen.
26:15Wir haben ein Giftgetränk, nachdem Andreas blind wird.
26:18Wir haben einen vermeintlichen Suizidversuch, der, wie wir wissen, ein Mordversuch war.
26:23Und eine inszenierte Messerattacke, bei der Bernadette H. sich selbst als Opfer präsentiert
26:28und ihren Ex Andreas beschuldigt.
26:30Er sitzt in Untersuchungshaft.
26:32Wie lange denn, Jan?
26:33Rund zwei Monate tatsächlich.
26:35Und erst danach wurde seine Ex-Freundin festgenommen.
26:38Okay, also es ist Sommer 2023 und finally sitzt jetzt auch Bernadette H. in Haft.
26:45Also all das hat sich offenbar doch nicht ganz bei den Ermittlern festsetzen können,
26:50ihre ganzen Geschichten.
26:51Sie wurde schließlich jetzt dann auch festgenommen.
26:53Und damit starten wir ins nächste Kapitel hochspannend, nämlich der Prozess.
26:58Und damit öffnen wir wie immer die Türe zum Verhandlungssaal 16, dieses Mal am Landesgericht in Korneuburg in Niederösterreich.
27:05Wir haben den 5. November 2024.
27:08Der Prozess ist für fünf Tage anberaumt.
27:11Das ist relativ viel, aber es ist ja auch ein komplexer Fall.
27:14Die 32-Jährige wird von sieben Justizwachebeamten in den Saal gebracht.
27:19Sie ist zierlich, trägt ein schwarzes Kostüm.
27:22Ihre Haare sind zu einem Zopf zusammengeflochten.
27:25Ja, und wie immer kommt zuerst die Staatsanwältin zu Wort.
27:28Ja, was fasst sie denn hier zusammen?
27:30Wie fasst sie diesen doch sehr komplexen Fall zusammen?
27:33Ich glaube, so wie wir es, glaube ich, alle ganz gut nachvollziehen können.
27:36Sie sagt im Zitat, es ist ein Fall, dessen Ausmaß an Manipulation und Kaltblütigkeit fast schon einmalig ist.
27:42So, vielleicht kann man das fast nehmen eigentlich, weil sie schon sehr einmalig ist.
27:47Und dann wird es chronologisch, also das ist man ja auch gewohnt, dass es dann sehr technisch wird von der
27:54Staatsanwaltschaft.
27:55Sie fasst zusammen, zweimal war es ein versuchter Mord an Andreas.
28:00Es gibt falsche Beweisaussagen und mehrere Verleumdungen.
28:03Die Staatsanwaltschaft fordert zu Beginn eine Verurteilung wegen versuchten Mordes und Verleumdung
28:08und zusätzlich die Unterbringung in ein forensisch-therapeutisches Zentrum für Bernadette.
28:13Können wir, glaube ich, nachvollziehen.
28:16Das Gutachten wird dann natürlich eine wichtige Rolle spielen, dazu kommen wir noch.
28:19Aber David, für dich als Verteidiger, wenn du dir das jetzt so anhörst, anschaust,
28:24das klingt ja eigentlich alles recht offensichtlich mittlerweile, muss man fast sagen.
28:28Aber was sind denn hier so die Stellschrauben als Verteidigung?
28:31Wie hättest du denn diesen Fall angelegt?
28:33Im Nachhinein ist es natürlich immer leicht, da zu sitzen und zu sagen, ja, ja, das ist ja alles ganz
28:36klar.
28:37Natürlich war sie das und natürlich kann man sie verurteilen.
28:39Ich glaube schon, als Verteidigung oder als Angeklagter in diesem Fall, man kann sich verteidigen.
28:44Oder es gibt Stellschrauben.
28:45Man kann über die Sachlage sprechen, über die objektiven Beweise.
28:49Vielleicht war das ja alles anders, wie es sich dann tatsächlich herausgestellt hat.
28:52Das ist sicher etwas, über das man diskutieren kann.
28:55Und auf einer rechtlichen Ebene würde man wahrscheinlich darüber diskutieren,
28:58wie ernsthaft war es denn mit den Mordversuchen.
29:00Wusste ich, es kann zum Tod des Andreas führen, wenn ich ihm das Methanolgetränk gebe?
29:06Wusste ich, dass es zum Tod führen kann, wenn ich diese und jene Tabletten gebe und dann am Arm entlang
29:11schneide?
29:12Darüber könnte man zum Beispiel diskutieren, wie ernsthaft wurden diese Mordversuche betrieben?
29:16Was man da natürlich sehr schnell ins Treffen führen kann, zum Beispiel beim zweiten Mordversuche.
29:22Er ist offenbar bewusstlos oder nahezu bewusstlos.
29:24Er hat eine Schnittwunde am Arm und es wäre ihr ja ein leichtes, ihn jetzt tatsächlich zu töten.
29:30Es wird nicht mehr viel dazugehören.
29:31Der liegt wehrlos da.
29:32Sie hat offenbar ein Messer in der Hand.
29:34Sie müsste nur zustechen.
29:35Das macht sie aber nicht.
29:37Stimmt.
29:38Das hätte ich so jetzt auch nicht gesehen, weil ich sehe immer nur diese beiden Mordversuche,
29:42die so perfide sind, wo ich mir denke, das ist doch offensichtlich, dass sehenlos werden wollte, oder?
29:48Beziehungsweise ich hätte immer all das Motiv ja auch, das Erbe hergenommen.
29:52Das wäre mir jetzt als erstes quasi in den Kopf geschossen.
29:54Aber es stimmt natürlich.
29:55Ich meine, sie hat es dann am Ende nicht vollstreckt.
29:58Aber die Frage ist halt, ob ihr das vor allem beim ersten Mal passiert ist,
30:02ob sie vielleicht damit gerechnet hat, dass das der Mord oder der perfekte Mord sein könnte.
30:07Mit dem Spezialgetränk, mit dem sogenannten, beim anderen würde ich da Recht geben.
30:10Ich meine, warum tut sie es dann nicht am Ende?
30:13Wirklich?
30:13Aber ihr war eigentlich immer sofort das Erbe im Kopf.
30:16Und auch beim ersten Fall.
30:17Ich meine, sie hat nicht ihm alleine das Getränk gegeben.
30:20Sie hat mehreren oder zumindest einem zweiten Gast auch noch dieses Getränk gegeben.
30:23Der hat es halt nicht getrunken.
30:24Also auch das spricht vielleicht gegen einen Mordversuch.
30:27Aber da haben wir ja vorher schon darüber gesprochen im Vorfeld.
30:29Ich meine, das könnte ja auch eine gute Tarnung gewesen sein.
30:32So wurde es dann offenbar auch gesehen von den Geschworenen.
30:34Aber es ist nicht unmöglich, das zu verteidigen.
30:37Spannend.
30:38Aber wir wollen natürlich jetzt auch wissen, was sagt denn Bernadette H. selbst dazu?
30:42Genau, sie hat sich doch ein bisschen schuldig gefühlt.
30:44Nämlich hinsichtlich der Vorwürfe der falschen Beweislage und der Verleumdung.
30:47Da hat sie sich schuldig bekannt, etwa wenn es um die Selbstverletzung geht
30:52und dass sie ihre Tochter angestiftet hat, zu lügen.
30:55Das betrifft den Brief, den wir ganz am Anfang angesprochen haben.
30:59Da sollte das Kind für die Bernadette lügen.
31:02Genauso wie beim Notwurf an die Polizei.
31:05Gänzlich anders sieht sie es natürlich bei den Mordversuchen.
31:08Da sieht sie ganz anders.
31:09Das stellt sie in Abrede.
31:11Und der damalige Verteidiger Sascha Flatz sagt dazu,
31:13etwa sie wäre es ja gewesen, die die Rettungskette in Gang gesetzt
31:16und ihm somit das Leben am Ende sogar gerettet hat.
31:20Und außerdem sei sie laut eigenen Aussagen nicht auf sein Geld angewiesen gewesen.
31:24Das ist ein bisschen eine schräge Annahme, würde ich sagen.
31:26Aber ist es nicht trotzdem irgendwie ein gutes Argument, das Anwalt zu sagen,
31:30naja, aber sie hätte dann die Rettung gerufen.
31:32Sie hat ja dann verhindert, dass er stirbt.
31:34Ich verstehe das Argument.
31:35Ja, juridisch überzeugen tut es nicht, weil sie ist ja auch verantwortlich dafür,
31:39zumindest nach den Feststellungen, die die Geschworenen getroffen haben.
31:42Sie ist ja verantwortlich dafür, dass die Rettungskette überhaupt in Gang gesetzt werden musste.
31:46Unter ganz speziellen Voraussetzungen kann das noch etwas ändern an der Strafbarkeit.
31:50In dem Fall hat es das nicht gemacht.
31:52Und was erzählt sie denn über die Beziehung zu Andreas?
31:54Weil das ist natürlich auch so ein Schlüssel.
31:57Genau.
31:57Also so ein bisschen das, was wir schon besprochen haben,
32:00nämlich von einer On-Off-Beziehung.
32:01Ich glaube, so kann man das auch beschreiben.
32:03Zweimal, so behauptet sie, sei sie von ihm angeblich schwanger gewesen.
32:06Einmal habe sie das Kind verloren und einmal abgetrieben.
32:10Und sie sagt im Zitat, Andreas ist die ganzen Jahre über in mich verliebt gewesen.
32:15Ich glaube, das stimmt wahrscheinlich sogar.
32:17Warum er sie aber nun belastet, hat dann die Richterin eben gefragt.
32:21Und die Bernadette hat dazu gesagt, ich verstehe das.
32:23Er sucht einen Schuldigen für seine Erblindung.
32:27Was man wohl verstehen kann.
32:28Aber ich glaube jetzt nicht, dass es unbedingt sein Motiv war, sie zu beschuldigen,
32:32sondern ich glaube, er ahnt etwas.
32:34Aber ob sie wirklich schwanger war, wissen wir nicht, oder?
32:37Das hat sich, glaube ich, nicht wirklich herausgestellt.
32:39Aber jemanden dann auch so zu ködern und vielleicht auch so wieder in seine Bahn zu ziehen,
32:43ist auch nicht ganz fair.
32:44Aber gut, im Falle dieser Geschichte ist alles nicht sehr nachvollziehbar,
32:49nachvollziehbar, muss man dazu sagen.
32:52Die Richterin fragt dann Bernadette nach einem Verhandlungstag auch, woran sie arbeiten müsse.
32:58Und darauf sagt die Angeklagte, an dem ständigen Lügen.
33:02Das hat dann auch die Richterin verblüfft.
33:04Ist auch eine spannende Aussage, oder?
33:05Wenn das eine Angeklagte, die ja lügen darf, oder?
33:09Natürlich, als Angeklagte darf sie lügen.
33:11Sie darf neben anderen fälschlicherweise eine Straftat bezichtigen.
33:14Aber grundsätzlich darf sie lügen und sich leugnend verantworten.
33:17Aber diese Aussage, wie wertet man das, wenn jetzt da eine Angeklagte sitzt,
33:21der Manipulation und Mordversuch und so weiter vorgeworfen wird
33:24und die dann sagt, naja, ich soll daran arbeiten, dass ich nicht so viel lüge?
33:29Ist das geschickt?
33:30Ja, man kann gesperrt haben.
33:31Ersteckend ehrlich, wahrscheinlich.
33:32So könnte man es vielleicht zusammenfassen.
33:34Aber ja, wie wertet man es als Anwalt?
33:37Also vor allem, wenn man vielleicht auch der Anwalt der Person ist,
33:39die gerade gesagt hat, zu den Mordversuchen bekenne ich mich nicht schuldig.
33:44Ich hätte ja wahrscheinlich nicht dazu geraten, das zu sagen zur Richterin.
33:47Aber wer weiß, wie es in dem Fall war.
33:49Manchmal bricht sowas ja auch raus aus den Angeklagten.
33:51Und in der einen Sekunde verantworten sie sich eben so,
33:55obwohl sie sich das eigentlich anders vorgestellt hätten
33:57oder obwohl es anders geplant war.
33:58Gut, und jetzt haben wir schon einiges auch über die Struktur von Bernadette H. gehört.
34:02Ich kann mir auch vorstellen, mit so einer Person,
34:06mit so einem Mindset und so einer Psyche zu arbeiten,
34:09stellen wir schon sehr schwer vor.
34:10Kann man mit so Leuten überhaupt vernünftig dann eine Verhandlungstaktik ausmachen
34:15oder stellen wir schwierig vor?
34:17Ich glaube, da gibt es die unterschiedlichsten Erfahrungen.
34:19Also wir kommen eh dazu.
34:20In diesem Verfahren gab es ja dann ein Sachverständigengutachten
34:23von einem Psychiater und einer Psychologin, glaube ich.
34:27Also es ging dann um die Zurechnungsfähigkeit und in solchen Fällen,
34:30das kann so oder so sein als Anwalt, als Anwältin.
34:33Manchmal kann man mit den Leuten sehr gut arbeiten.
34:35Die sind sehr paktfähig.
34:38Man kann gut eine Verhandlung mit ihnen besprechen.
34:39Die können sich gut darauf einlassen.
34:41Mit denen kann man das gut durchgehen.
34:43Und die halten sich auch an das, was man quasi vorbespricht.
34:46Oder die verstehen das.
34:47Es gibt aber auch andere, Angeklagte oder dann Betroffene.
34:51Da ist es nicht vergebene Lübesmühe.
34:53Aber es ist ganz, ganz schwierig, mit den Leuten zu arbeiten.
34:56Oder die verstehen kaum, was ihnen vorgeworfen wird.
34:59Die verstehen kaum, wie ist der Gang der Verhandlung.
35:01Was sind die wichtigen Punkte?
35:02Worum geht es und was passiert mit mir?
35:04In dem Fall würde ich sagen, auch nur von außen gesehen,
35:07das ist sicher ein Fall, wo man mit der Betroffenen gut arbeiten konnte
35:10und sich gut vorbereiten konnte.
35:12Jetzt haben wir aber schon gehört, dass sie ja massiv manipulativ ist.
35:15Das wird man ja auch dann in Gutachten feststellen.
35:17Ich hätte ja Angst, wenn ich der gegenüber sitze,
35:19dass die mich auch manipuliert.
35:21Oder ist es dann so, dass die sich vielleicht denkt,
35:23naja, der ist ja eh auf meiner Seite.
35:24Das ist ja mein Anwalt.
35:25Mit dem kann ich gut reden.
35:26Oder muss man schon vorsichtig sein?
35:28Ich glaube, auch da gibt es mehrere mögliche Varianten.
35:31Ich weiß natürlich nicht, wie es in diesem Fall gewesen ist.
35:33Aber es gibt Angeklagte, die probieren auch den eigenen Anwalt,
35:36die eigene Anwältin zu manipulieren.
35:37Oder die die Geschichte, so wie sie es dann erzählen möchten,
35:40dem Anwalt, der Anwältin so zu erzählen.
35:43Es gibt aber auch ganz andere, die dem Anwalt prü warm sagen,
35:46schau, so war das.
35:47Ich werde es aber anders erzählen, weil die wissen,
35:49hey, das ist mein Anwalt, der ist ja sowieso auf meiner Seite,
35:51den muss ich nicht auch noch anlügen.
35:53Also das kann beides sein.
35:54Es gibt aber auch Angeklagte, die denken sich,
35:56wenn ich meinen eigenen Anwalt, meine eigene Anwältin manipuliere,
35:59dann setzt sich der besonders vehement für mich ein
36:01oder dann kämpft der besonders gut für mich.
36:04Willst du eigentlich immer wissen,
36:05ob dein Mandant oder deine Mandantin schuldig oder nicht schuldig ist?
36:09Oder spielt das keine Rolle?
36:10Nein, das ist mir völlig egal.
36:11Wirklich?
36:12Ja.
36:13Also ich würde das schon wissen wollen.
36:14Ich auch.
36:15Also was ich mich vor allem einstellen muss,
36:16also vor allem, wenn man die ja auch nicht immer in der Hand hat,
36:18also zum Beispiel wie bei der Aussage,
36:21wo sie eigentlich zugibt, dass sie eine Lügnerin ist.
36:23Also das wüsste ich schon gerne vorher,
36:25wohin da die Reise geht,
36:26weil ich meine, danach richtet sich auch ein bisschen,
36:28wie der Prozess ausgeht.
36:29Ja, ganz klar,
36:30aber es liegt ja nicht in meiner Verantwortung.
36:31Es kann schon Situationen geben,
36:33da möchte ich von meinem Mandanten wissen,
36:34schau, wenn die Polizei jetzt, weiß ich nicht,
36:36dein Handy anschaut,
36:37was könnte man denn da drauf finden?
36:38Da wäre es schon ganz nett,
36:39wenn mir der Mandant die Wahrheit sagt
36:41und ungefähr Hinweise darauf gibt,
36:44was denn da rauskommen könnte.
36:45In anderen Situationen spielt es wirklich keine Rolle,
36:47was der zu mir sagt.
36:48Und wenn du da drauf kommst,
36:49dass das vielleicht doch mehr ist
36:50oder dass sich vielleicht dein Mandant
36:52verselbstständigt im Gefängnis zum Beispiel,
36:54brichst du es dann auch ab?
36:56Es gibt Fälle, wo ich das mache,
36:58in anderen nicht.
36:59Das muss man immer von Fall zu Fall anschauen
37:01und dann besprechen.
37:02Ja gut, dann kommen wir wieder zurück
37:03zu unserer Angeklagten,
37:05zu Bernadette H.
37:06und wir kommen wieder zurück
37:07ans Landesgericht in Niederösterreich
37:09und zwar zum, muss man sagen,
37:11fast wichtigsten Baustein dieses Verfahrens,
37:15nämlich das psychiatrische Gutachten.
37:17Jan, was steht denn da drin ungefähr?
37:20Genau, also der Gutachter attestiert Bernadette
37:22eine schwerwiegende kombinierte Persönlichkeitsstörung
37:24mit hochgradigen narzisstischen
37:26und dissozialen Anteilen.
37:28Er beschreibt sie als Person
37:29mit starker Selbstbezogenheit.
37:31So kann man es dann quasi übersetzen.
37:33Und ich glaube,
37:34was es vielleicht mit ihr leichter gemacht hat,
37:36zu arbeiten, das beschreibt er auch.
37:37Sie hat ein großes Bedürfnis nach Bewunderung
37:40und die Tendenz, andere abzuwerten
37:43und zu instrumentalisieren.
37:44Also ich glaube, der eine Punkt,
37:45nämlich die Bewunderung zu suchen,
37:46könnte vielleicht ein Punkt sein,
37:48warum man vielleicht leichter mit ihr arbeiten kann,
37:49weil sie da und dort
37:50vielleicht ein bisschen rätseliger ist,
37:52auch wenn man ihr vielleicht
37:53nicht alles glauben kann.
37:56Ihre Erzählungen, sagt er,
37:57seien allerdings widersprüchlich.
37:58Ich glaube, das ist dann genau der Teil,
38:00wo es dann mühsam wird
38:02und wechseln jeweils eben immer
38:04auf ihren Vorteil ausgerichtet.
38:06Der Gutachter sagt im Zitat,
38:08sie haben ein Gesamtwerk,
38:10das hat eine Dimension,
38:13die kann man nur mit Persönlichkeitsschwierigkeiten
38:15und einer Meisterschaft
38:16sehr authentisch zu lügen erklären.
38:18Das habe ich auch noch nie gehört
38:19in der Kombination.
38:21Und gleichzeitig betont er,
38:22das ist auch wichtig für den Prozess,
38:23dass sie nämlich zurechnungsfähig war
38:26und ich glaube auch dadurch
38:28noch einmal ein Stück gefährlicher
38:29als andere, würde ich sagen.
38:32Auch wenn sie weiß, was sie tut.
38:33Was bedeutet das,
38:34wenn man das jetzt so hört,
38:35also zurechnungsfähig,
38:36aber gefährlich
38:37und dann eben,
38:38wie der Jan jetzt schon gesagt hat,
38:40quasi eine Meisterschaft,
38:42sehr authentisch zu lügen.
38:43Was kann man denn über dieses Gutachten sagen?
38:47Inhaltlich, medizinisch kann ich natürlich wenig dazu sagen,
38:49aber juristisch hat das zur Folge,
38:51dass die Unterbringung nach 21 Absatz 2
38:54beantragt wurde
38:54und dann letztendlich auch so entschieden wurde.
38:56Das bedeutet,
38:57die Betroffene in diesem Fall,
39:00Entschuldigung,
39:01war zwar zurechnungsfähig,
39:02also das war ja grundsätzlich bewusst,
39:03dass sie etwas Falsches macht
39:04und sie konnte auch nach der Einsicht handeln,
39:06also Abstand davon nehmen,
39:07dass sie etwas Falsches tut.
39:08Sie hat aber ein Krankheitsbild,
39:10eben die Persönlichkeitsstörung,
39:12unter deren Eindruck sie gehandelt hat,
39:14was die Schuldfähigkeit herabsetzt,
39:16aber nicht ausschaltet
39:17und zusätzlich gibt es eine Gefährlichkeitsprognose,
39:19das heißt,
39:19eine gewisse Wahrscheinlichkeit legt nahe,
39:21sie würde,
39:22sollte es keine Konsequenzen
39:23von Seiten des Staates geben,
39:25so etwas oder etwas Ähnliches
39:27in näherer Zukunft wahrscheinlich
39:29noch einmal probieren
39:29oder noch einmal machen,
39:31weswegen es dann schließlich
39:32zu einer Unterbringung
39:33in einer Anstalt gekommen ist.
39:35Ja, und es kommen natürlich auch Zeugen
39:37in diesem Prozess zu Wort
39:38und der Höhepunkt dieses Prozesses
39:40ist sicherlich die Aussage
39:42des Opfers, Andreas,
39:43er kommt am zweiten Prozesttag zu Wort.
39:46Jan, was schildert er denn vor Gericht?
39:48Also die Aussage finde ich auch
39:51passend zur Geschichte,
39:52würde ich sagen,
39:52weil es klingt schon sehr diplomatisch,
39:54was er sagt, ehrlicherweise.
39:56Der 42-jährige Andreas hat nämlich gesagt,
39:58dass sich sein Leben brutal verändert hat,
40:00also das finde ich fast schon eine Untertreibung,
40:02weil er ja auch nach diesem Spezialgetränk
40:05fast gänzlich blind wurde.
40:08Was bedeutet fast gänzlich?
40:09Seine Sehkraft liegt bei zwei Prozent.
40:11Das ist eigentlich unglaublich,
40:12dass man da noch,
40:14sage ich einmal,
40:15so etwas wie Lebensfreude
40:17versprühen kann,
40:19weil er sagt dann,
40:20man gewöhnt sich an die Situation,
40:21man kämpft sich zurück
40:23und sagt dann dazu,
40:24er sei trotz allem
40:25ein lebensfroher Mensch,
40:27unglaublich nach all dem,
40:28was ihm passiert ist.
40:29Genau, und er wurde auch noch
40:31mit zwei Leibwächtern
40:31in den Saal gebracht.
40:33Ich weiß jetzt ehrlicherweise nicht,
40:34warum man ihn mit Leibwächtern
40:35reingebracht hat,
40:36also wahrscheinlich,
40:37weil er eben nichts sieht,
40:38aber grundsätzlich jetzt nicht,
40:39weil ihm was passieren hätte können
40:41oder so,
40:42also ich glaube nicht deshalb.
40:43Weiß ich ehrlicherweise nicht,
40:44also ich nehme auch an,
40:45wahrscheinlich,
40:46weil er eben nicht gut sieht,
40:48aber Leibwächter
40:49klingt schon irgendwie auch so,
40:50dass man sagt,
40:51man muss den vielleicht
40:51doch noch schützen,
40:52aber dass dann im Gerichtssaal
40:54etwas passiert,
40:54ist schon eher unwahrscheinlich, oder?
40:56Ich halte es auch für sehr unwahrscheinlich,
40:57ich möchte es dem Anwalt des Obfers
40:59nichts unterstellen,
41:00aber vielleicht war da eine gewisse
41:01Inszenierung dahinter,
41:02dass man Begleiter organisiert.
41:04Sowas soll ja manchmal vorkommen.
41:06Dass Andreas jedenfalls
41:07ein krasser Typ ist,
41:08hat sich dann auch
41:09in diesem ganzen Komplex gezeigt,
41:11er hat ja auch unzählige
41:12Interviews gegeben,
41:13also der ist wirklich einer,
41:14sein Stehaufmännchen.
41:16Ich meine,
41:16er hat so viel durchlebt
41:17und er hat sich gedacht,
41:18naja,
41:18aber ich muss ja irgendwie
41:19trotzdem weiterleben,
41:20also muss echt sagen,
41:22der hat, glaube ich,
41:23wirklich nach wie vor
41:23eine Lebensfreude
41:24und das finde ich schon
41:26sehr beeindruckend.
41:27Wenn man schon auch so viel über...
41:29Unfassbare Entwicklung,
41:30unfassbarer,
41:31starker Charakter,
41:31ja, absolut.
41:32Also ich glaube,
41:33andere würden sich
41:33irgendwo eingraben
41:35und nie wieder das Haus verlassen
41:37und in Selbstmitleid zerfließen,
41:39aber ich glaube,
41:40der kämpft sich zurück ins Leben,
41:41absolut.
41:43Ja,
41:43und während er all das erzählt,
41:45eben diese Aussage tätigt,
41:46Jan,
41:46du hast jetzt schon
41:46ein paar Zitate gesagt,
41:48sitzt die Angeklagte
41:49nur um zwei Meter
41:51von ihm entfernt.
41:52Er wollte nämlich ausdrücklich,
41:54dass sie während seiner Aussage
41:56im Saal sitzt.
41:57Also sie sollte einfach wissen,
41:58schau,
41:59so geht es mir jetzt.
42:00Jetzt sitzt sie da
42:01und ich sehe nichts
42:01und du bist schuld daran.
42:03Aber generell wäre hier
42:04schon auch die Möglichkeit gewesen,
42:06dass er aussagen kann
42:07in Abwesenheit von Bernadette,
42:09oder?
42:10Natürlich,
42:10die Möglichkeit gibt,
42:11das kommt auch sehr oft
42:12zur Anwendung,
42:13gerade bei Gewaltopfern
42:14oder vergleichbaren Konstellationen,
42:16dass die Opfer sagen,
42:17wenn meine Einvernahme notwendig ist,
42:19dann möchte ich das bitte
42:20in Abwesenheit des Angeklagten,
42:21der Angeklagten machen.
42:22Die hören dann zwar die Aussage,
42:24normalerweise werden die
42:25ins Nebenzimmer,
42:26ins Beratungszimmer gebracht
42:27und verfolgen bei offener Tür
42:28diese Einvernahme.
42:30Man erspart sich aber als Opfer
42:32die direkte Konfrontation
42:34und muss denen nicht
42:35ins Gesicht schauen.
42:35Das ist für viele Opfer
42:36sehr, sehr belastend.
42:38Man erlebt aber auch
42:39ab und zu den anderen Fall,
42:40so wie es hier war.
42:41Man möchte eben
42:42diese Konfrontation,
42:42man möchte ins Gesicht schauen,
42:44man möchte rüberbringen,
42:45schau, so geht es mir,
42:46du bist dafür verantwortlich,
42:47ich erzähle heute
42:48meine Geschichte.
42:49Ja, und er muss das ja viel
42:50und sehr ausführlich erzählen,
42:51denn die Aussage
42:52von Andreas dem Opfer
42:54hat vier Stunden lang gedauert
42:56und diese Aussage lässt
42:57seine Ex, Bernadette Hahn,
42:59scheinbar auch vollkommen
43:00unberührt.
43:01Sie schüttelt nur teilweise
43:03den Kopf
43:03und ihre Verantwortung
43:04ist ja jene,
43:06dass es ein Unfall
43:06beziehungsweise
43:07ein Suizidversuch
43:09gewesen wäre.
43:09Also sie bleibt ja
43:10nach wie vor dabei,
43:11obwohl das Opfer
43:12hier sehr ausführlich schildert,
43:13wie das Ganze
43:14aus seiner Sicht
43:16auch abgelaufen ist.
43:17Ja, ich würde sagen,
43:18wir fassen noch einmal zusammen.
43:19Also wir haben eine Angeklagte,
43:21der die Staatsanwaltschaft
43:22zwei Mordversuche,
43:23mehrere Falschverdächtigungen
43:25und eine systematische
43:27Instrumentalisierung
43:28von Zeugen vorwirft,
43:29Stichwort der Bekannte
43:30und aber auch die Tochter.
43:32Wir haben Gutachten,
43:33die sie als,
43:34sage ich mal,
43:35flapsig,
43:35schwer gestört,
43:36aber schuldfähig
43:38und damit
43:39zurechnungsfähig
43:39einstufen.
43:41Ja,
43:41ein Urteil gibt es
43:42noch nicht,
43:42aber dieses kommt
43:43am 13. November 2024
43:45und damit schauen wir
43:47auf das vermeintlich
43:48letzte Kapitel
43:49rund um diesen Fall,
43:50aber wer weiß,
43:52wer weiß,
43:53dieser Fall hat ja immer
43:54mal wieder noch
43:54für Überraschungen
43:55gesorgt.
43:56Aber schauen wir uns mal an,
43:57was für Fragen
43:58mussten denn die
43:59Geschworenen
44:00hier in diesem Fall
44:01beantworten?
44:02Was waren denn
44:03so die zentralen Punkte,
44:04David?
44:04Also vom Sachverhalt
44:05her haben wir es gehört.
44:06Es gibt einmal diesen ersten
44:07Vorfall rund um die
44:08Vergiftung mit dem
44:09Methanol.
44:09Das wurde dann als
44:11Mordversuch gewertet.
44:12Die Frage war daher
44:13an die Geschworenen
44:14gerichtet,
44:14handelt es sich um
44:15einen Mordversuch
44:16bei dieser
44:16Methanolvergiftung?
44:18Das ist der Frage
44:18Komplex 1.
44:20Darüber mussten die
44:20Geschworenen abstimmen.
44:21Frage Komplex 2
44:22war dann der zweite
44:24Mordversuch,
44:25die Inszenierung
44:25mit den
44:26selbstgebackenen
44:27Muffins,
44:27den Schlaftabletten,
44:28Beruhigungstabletten
44:29und dann dem
44:30Zufügen der
44:31Schnittverletzung
44:32am linken Arm,
44:33die potenziell
44:34tödlich war.
44:34Also auch da mussten sich
44:35die Geschworenen
44:36überlegen,
44:37handelt es sich hier
44:38um einen Mordversuch?
44:39Und dann noch
44:39den Komplex 3,
44:41Sachverhalt 3,
44:42die Inszenierung
44:43rund um die
44:44vermeintliche Attacke
44:45auf Bernadette
44:46als Opfer,
44:46handelt es sich dabei
44:47um eine Verleumdung?
44:49Das waren so ungefähr
44:50die Fragen,
44:51die die Geschworenen
44:51zu beantworten hatten.
44:53Genau,
44:54und die Staatsanwaltschaft
44:54hat dann auch
44:55wie traditionell
44:56sozusagen,
44:57war dann nochmal
44:58an Bord
44:59und hat zusammengefasst,
45:00Bernadette,
45:01also Frau H.,
45:02hat die Staatsanwaltschaft
45:03sie genannt,
45:03ist eine Meisterin
45:04der Manipulation.
45:06Wen sie am meisten
45:07manipuliert hat,
45:07ist ganz offensichtlich,
45:09nämlich das Opfer
45:09Andreas F.,
45:11und der kommt dann
45:12auch nochmal zu Wort,
45:13ganz zum Schluss,
45:15kommt extra dafür
45:15nochmal in den Saal
45:16und sagt auch
45:17in Richtung der
45:18Geschworenen,
45:19im Zitat,
45:19fallen Sie nicht
45:20auf die Angeklagte rein,
45:21lassen Sie sich
45:22nicht manipulieren.
45:23Ich glaube,
45:23das hat tatsächlich
45:24die Staatsanwaltschaft
45:25gesagt in Richtung
45:26der Geschworenen,
45:27so wie ich das
45:28vernommen habe,
45:29er ist aber tatsächlich
45:30wieder für diese
45:30Schlussverträge zurück
45:31in den Saal gekommen,
45:32so war es nämlich genau.
45:34Ja,
45:34und der Verteidiger,
45:35der Frau hält hier
45:36natürlich dagegen,
45:37eh klar,
45:38das ist ja auch
45:38seine Rolle,
45:39er betont noch einmal,
45:40dass seine unbescholtene
45:42Mandantin dem 42-Jährigen
45:44bei beiden Vorfällen
45:46das Leben durch
45:46Alarmierung der
45:48Rettungskette
45:48gerettet hätte,
45:50Zitat,
45:50das zeigt für mich,
45:51dass sie ihn eben
45:52nicht umbringen wollte.
45:54Es gäbe also
45:55kein schlüssiges Motiv
45:56und die Angeklagte
45:58selbst sagt dann,
45:59ich könnte nie
46:00in meinem Leben
46:01einem Menschen
46:01so etwas antun,
46:03ich würde sowas
46:04nie übers Herz bringen.
46:05David,
46:06wie glaubwürdig
46:07sind da die letzten Worte?
46:08Was würdest du sagen?
46:09Ich verstehe,
46:10was die Verteidigung meint,
46:11ich verstehe auch,
46:12was die Angeklagte meint.
46:13Sie hatte wohl
46:14sehr verlockende
46:15Gelegenheiten
46:15und es gab ja jedenfalls
46:16für sie die Möglichkeit,
46:17das zu finalisieren
46:19unter Anführungszeichen
46:20und den Mord
46:21vom Versuch
46:22zur Vollendung zu bringen,
46:23das wäre wohl
46:24nicht besonders schwer gewesen.
46:26Da gab es eine
46:26unter Anführungszeichen
46:27gute Gelegenheit,
46:28sie hat sie nicht genutzt.
46:29Das kann man instrumentalisieren,
46:31das kann man als
46:31Verteidigung verwenden.
46:33Man kann das glauben,
46:34so wie das dargestellt wurde.
46:36Ja, und gegen 15.15 Uhr
46:37wird es dann spannend,
46:38da ziehen sich nämlich
46:39die Geschworenen zurück
46:40und sie beraten
46:41über diese zwölf Hauptfragen
46:43und um 20.10 Uhr,
46:44also doch einige Stunden später,
46:46kommt es dann zum Urteil.
46:47Fünf Stunden
46:48haben sie beraten.
46:49Jan, wie entscheiden
46:50denn die acht Geschworenen?
46:52Ja, die 32-Jährige
46:53wird wegen zweifachen Mordes
46:55an ihrem ehemaligen
46:56Lebensgefährten
46:56zu 20 Jahren Haft verurteilt
46:58und außerdem in ein
46:59forensisch-therapeutisches
47:00Zentrum eingewiesen.
47:02Und wie begründen Sie
47:03das Urteil?
47:04Hast du da was rausfinden können?
47:05Also es geht ja um
47:06zweifachen Mordversuch.
47:08Das ist die Besonderheit
47:09im Schulgericht.
47:10Also da gibt es ja nicht
47:11besonders viel Begründung.
47:12Das gründet sich dann
47:13auf den Wahrspruch
47:13der Geschworenen.
47:14Ich glaube in dem Fall
47:15war es so bei Mordversuch 1,
47:19also der Methanolvergiftung.
47:21Da stand es dann
47:21am Schluss 6 zu 2.
47:22Das heißt zumindest
47:23zwei Geschworene
47:24waren nicht davon überzeugt,
47:25dass es sich um
47:25einen Mordversuch handelt.
47:27Der zweite Mordversuch
47:28wurde dann allerdings
47:29mit 8 zu 0 abgestimmt.
47:30Also das war anscheinend
47:31sehr eindeutig
47:32für die Geschworenen.
47:33Man könnte interpretieren,
47:34aber das ist wirklich
47:35Kaffeesud lesen.
47:36Sie haben immerhin
47:37fünf Stunden dafür gebraucht.
47:38Also so sicher waren sich
47:40die Geschworenen vielleicht nicht.
47:41Vielleicht gab es da Möglichkeiten.
47:43Vielleicht haben die überlegt.
47:44Können wir das glauben?
47:44Gibt es da Zweifel für uns?
47:46Und das wird für die Verteidigung
47:47ja ausreichen,
47:48wenn man es schafft,
47:50vier Geschworene
47:51zumindest so weit zu überzeugen,
47:52dass die sagen,
47:53wir sind uns nicht sicher,
47:54wir können das nicht
47:55mit ausreichender Sicherheit
47:56feststellen,
47:57dass die Bernadette H.
47:58das war.
47:58Ich sage eher nein.
48:00Wenn ich vier von acht Stimmen habe,
48:01dann führt es zu einem Freispruch.
48:03Aber beim zweiten Mordversuch
48:05waren Sie sich ja dann doch einig.
48:07Hätte das denn jetzt in der Strafe
48:08einen Unterschied gemacht,
48:09ob ich jetzt wegen zweifachen
48:10Mordversuchs verurteilt werde
48:13oder nur wegen
48:13einem einfachen Mordversuch?
48:15Ja, das wird einen Unterschied machen,
48:17ob ich das einmal
48:17oder zweimal versuche.
48:18Es ist nicht so,
48:19wie vielleicht in anderen Rechtsordnungen,
48:21dass ich zwei Strafen kriege,
48:22also pro Mordversuch
48:23quasi eine Strafe,
48:24sondern das ist eine Gesamtstrafe
48:26für alles,
48:26was mir vorgeworfen wird
48:27in dieser Verhandlung.
48:28Aber das wird sich natürlich auswirken,
48:30ob ich einen Mordversuch
48:31oder zwei Mordversuche begehe.
48:33Ja, die 32-Jährige
48:34muss dem Opfer
48:35auch noch Geld bezahlen
48:36und zwar 193.000 Euro.
48:39Jetzt gehe ich mal davon aus,
48:41dass sie das Geld
48:41wahrscheinlich nicht hat.
48:42Das haben wir ja immer wieder
48:43bei so Prozessen,
48:44dass dann Schmerzengeld
48:45oder eben auch
48:46quasi dem Opfer
48:47was zugeschrieben wird
48:47und dieses Geld
48:48aber gar nicht vorhanden ist.
48:50Wie wird denn sowas gelöst?
48:52Da gibt es in Österreich
48:53sehr eingeschränkt,
48:54aber es gibt zumindest
48:54die Möglichkeit
48:55nach dem Verbrechensopferentschädigungsgesetz,
48:57da gibt es einen Fonds
48:58von der Republik Österreich,
49:00der unter bestimmten Voraussetzungen
49:01Teile des Schmerzengelds zahlt.
49:03Man muss aber wirklich vorsichtig sein,
49:05es sind wirklich Teile,
49:06also gerade bei einer Summe
49:06von 193.000,
49:08da werden vielleicht
49:0810.000 ausgezahlt oder so.
49:10Ist nicht nichts,
49:11das ist auch gut,
49:12dass es das gibt.
49:12Was vielleicht fast noch wichtiger ist
49:14für das Verbrechensopferentschädigungsgesetz,
49:16da werden auch Therapieleistungen übernommen,
49:18die vielleicht von der Krankenversicherung
49:20nicht gedeckt sind,
49:21aber zum Beispiel,
49:21dass man Psychotherapie
49:22in Anspruch nimmt
49:23als Opfer einer Gewaltstraftat.
49:26Sowas gibt es dann natürlich.
49:28Das heißt,
49:28zumindest einen Teil der Leistungen
49:29bekommt man da ersetzt
49:30und was man auch sagen muss,
49:31das Urteil,
49:32wenn da drin entsteht,
49:33so und so viel Geld wird geschuldet,
49:34das ist ein Exekutionstitel.
49:36Das heißt,
49:36das kann man sehr, sehr lange versuchen.
49:3830 Jahre lang
49:39hat das quasi eine Gültigkeit
49:41und man kann versuchen,
49:42das zu vollstrecken
49:43und das Geld tatsächlich zu bekommen.
49:45Ja, jetzt ist es aber so,
49:46dass es nach diesem Urteil
49:48noch nicht vorbei ist,
49:50das haben wir ja schon irgendwie vermutet,
49:53am 3. Dezember 2025
49:55kommt der Fall nämlich nochmals vor Gericht.
49:58Warum denn das,
50:00David,
50:01weißt du das?
50:01Warum,
50:02warum,
50:02warum kommt das noch mal vor Gericht?
50:04Tatsächlich hat die Angeklagte
50:05ein Rechtsmittel ergriffen.
50:06Das ist natürlich ihr Recht.
50:07Jeder hat die Möglichkeit,
50:08sich gegen ein Urteil zu beschweren
50:10und sie war erfolgreich
50:12beziehungsweise ihr Anwalt war erfolgreich
50:14in, ich glaube,
50:15mehreren Punkten,
50:15aber hauptsächlich ging es um die Verurteilung
50:17hinsichtlich der Verleumdung.
50:20Da hat der oberste Gerichtshof Zweifel gehabt,
50:23dass die Fragestellung an die Geschworenen
50:25durch das Erstgericht
50:26richtig formuliert war
50:28oder dass da alles korrekt abgelaufen ist.
50:29Deswegen wurde das Urteil
50:30in diesem Punkt aufgehoben
50:31und musste neuerlich verhandelt werden.
50:33Das war dann am 3. Dezember 2025.
50:36Jan, erzähl uns kurz,
50:38was ist denn da jetzt noch genau passiert?
50:39Also genau,
50:40man muss einmal betonen,
50:41der Schuldspruch zu den Mordversuchen
50:42war zu diesem Zeitpunkt
50:43dann schon rechtskräftig.
50:44Es ging, wie du gesagt hast,
50:45eben nur um die drei Verleumdungen.
50:48Zu denen war es im ersten Prozess
50:49ja auch geständig.
50:51Und da jetzt in dem Prozess
50:52habe ich nur einen kurzen Auftritt gehabt
50:54und nur den Satz gesagt,
50:55es tut mir leid.
50:57Die Forderung nach einem neuen Gutachten,
50:59was natürlich auch angestrengt wurde,
51:00ob ihre Gefährlichkeit,
51:02damit sie aus dem forensisch-therapeutischen Zentrum
51:04wieder herauskommt,
51:05ging nicht durch.
51:07Dazu hat der Gutachter gesagt
51:08oder sehr eindeutig gesagt,
51:10ich wüsste nicht,
51:10was in der Zwischenzeit passiert sein sollte,
51:12dass das nicht mehr so ist.
51:13Also die Gefährlichkeit bleibt bestehen,
51:16vermutlich auch nicht zu Unrecht.
51:17Ja, und auch das forensisch-therapeutische Zentrum bleibt,
51:20da waren sich auch alle sehr schnell einig.
51:22Aber, und jetzt kommt's,
51:24die Strafhöhe,
51:25weil über die wird ja dann auch nochmals neu entschieden,
51:28wird heruntergesetzt von 20 Jahren auf 18.
51:32Was bedeutet das, David?
51:33Weil ich glaube,
51:33die Höchststrafe wäre ja lebenslang gewesen, oder?
51:35Ja, genau.
51:36Aber ich glaube,
51:37in dem Fall war es so,
51:38im ersten Durchgang war die Freiheitsstrafe,
51:40die gewählt wurde, 20 Jahre.
51:41Und dann hat nur die Verteidigung
51:43ein Rechtsmittel erhoben.
51:44Das ist ein bisschen ein Spezialfall.
51:46Aber in diesem Fall kann die Strafe
51:48im zweiten Durchgang nicht höher sein,
51:49als sie im ersten Durchgang war.
51:51Das heißt,
51:51es konnte nur weniger als 20 sein.
51:54Aber auch nicht gleichbleibend?
51:55Sie hätte auch gleichbleiben können, natürlich.
51:58Wie genau es zu den 18 Jahren gekommen ist,
52:01man kann das von außen unmöglich sagen.
52:03Ich weiß nicht,
52:03was die Gesprochenen
52:04beziehungsweise die Berufsrichterinnen
52:05und Berufsrichter sich dabei gedacht haben.
52:08Womöglich wurde die längere Verfahrensdauer berücksichtigt.
52:11Womöglich wurde berücksichtigt,
52:13dass das Verfahren quasi zu einem Teil
52:14wiederholt werden musste,
52:15was nicht die Schuld der Angeklagten ist
52:17und wurde eher das mildernd angerechnet.
52:21Insgesamt ist es aber natürlich noch immer
52:22eine große,
52:23eine sehr, sehr hohe,
52:24empfindliche Freiheitsstrafe.
52:27Aber wundern tut es mich trotzdem irgendwie.
52:29Weil wir hören doch immer meistens,
52:30dass die Strafe gleich bleibt, oder?
52:32Ja, oder in manchen Fällen ja mehr wird
52:34oder mehr werden könnte.
52:36Also das ist, glaube ich, eher gängiger, oder?
52:38Aber ganz grundsätzlich,
52:39wenn man jetzt überlegt,
52:41also wenn es in einem forensisch-therapeutischen Zentrum bleibt
52:43und das ist ja momentan so die Aussicht,
52:45spielt ja die Zahl ja ohnehin nicht so eine große Rolle, oder David?
52:50Ja, es kann schon eine Rolle spielen.
52:53Natürlich, man kann davon ausgehen,
52:55sie war ja relativ jung.
52:57Sie wird hoffentlich therapiert werden,
52:59sie wird Behandlungen erhalten,
53:01sie wird irgendwann,
53:03möglicherweise zumindest,
53:04noch einmal untersucht werden
53:05und es wird festgestellt werden,
53:06die Gefährlichkeit ist weg
53:08oder die Grunderkrankung ist weg
53:09oder es ist so weit therapiert worden,
53:11dass man sagen kann,
53:12gut, da gibt es offenbar keine Gefährdung mehr.
53:14Und dann spielt natürlich die zeitlich bei mir
53:16seine Freiheitsstrafe eine große Rolle
53:17für die Frage,
53:18wann wir jetzt wieder in Freiheit sind.
53:21Jedenfalls ein spannender Fall,
53:23der wirklich sehr, sehr viele Wendungen
53:25und spannende Erzählungen
53:28hier mit sich gebracht hat.
53:30Und damit ist dieser Fall
53:31rechtskräftig abgeschlossen.
53:33Er zeigt aber,
53:34wie zerstörerisch Manipulation,
53:37Gewalt und Lügen werden können,
53:39wenn sie über Monate oder sogar Jahre
53:41das Leben eines Menschen bestimmen.
53:43Am Ende bleibt ein Mann,
53:45der sein Augenlicht
53:46fast zur Gänze verloren hat
53:47und sich ein Leben neu aufbauen muss.
53:50Es ist ein Fall,
53:51der an Heimtücke kaum zu überbieten ist.
53:54Und damit sage ich danke euch beiden,
53:56danke David,
53:57dass du uns heute
53:57deine juristische Expertise zugeliefert hast.
54:00Gerne, danke für die Anladung.
54:01Und danke Jan,
54:02dass du diesen Fall mit mir erzählt hast.
54:04Immer gern.
54:05Und Ihnen danken wir natürlich auch
54:06und wir freuen uns,
54:08wenn Sie auch beim nächsten Mal
54:09wieder mit dabei sind
54:10bei einer weiteren Folge
54:12von Schuldfrage,
54:13wenn es wieder heißt
54:14keine Strafe ohne Schuld.