00:0017 Millionen Tote, ein unvorstellbarer Berg aus Leichen, Männer, Frauen, Kinder, systematisch vernichtet
00:08und die Personen, die dafür verantwortlich waren, stehen dir auf der Anklagebank gegenüber, es ist das Jahr 1946.
00:16Die Alliierten haben den Faschismus besiegt, das NS-Regime liegt in Trümmern.
00:21Die grausamsten Massenmörder der Menschheitsgeschichte sind gefasst.
00:25Was tust du jetzt?
00:45Kapitel 1 Rache oder Recht
00:48Die Wut war grenzenlos. Viele der Soldaten suchten noch ihre Angehörigen, die vermutlich von den Deutschen ermordet worden waren.
00:56Kein Wunder, dass einige von ihnen die sofortige Exekution forderten.
01:00Kurzer Prozess. An die Wand stellen und abdrücken. Auge um Auge.
01:05Ein Jahr zuvor bei der Befreiung der Konzentrationslager bekamen.
01:09Die SS-Wachmannschaften diese Wut zu spüren. Einige wurden brutal ermordet.
01:14Eine kleine Genugtuung für das millionenfache Leid, das sie in den Lagern über ihre Gefangenen gebracht hatten.
01:20Aber die Generäle und Politiker forderten eine andere Lösung.
01:25Sie wollten der Welt zeigen, dass Besiegte nicht nur Willkür erfahren.
01:28Sie wollten besser sein als die Nazis selbst.
01:31Sie wählten nicht die Rache.
01:33Sie wählten das Recht.
01:35Am 8. August 1945 unterzeichneten die Alliierten das Londoner Abkommen.
01:40Sie schufen ein Tribunal, das noch heute Vorbild ist für moderne Kriegsverbrecherprozesse, den internationalen Militärgerichtshof.
01:48Keine Siegerjustiz.
01:50Keine Schauprozesse.
01:52Ein echter Prozess mit Akten, Beweisen und Verteidigern.
01:56Die Mörder von Millionen bekamen einen fairen Prozess.
01:59Das war nicht selbstverständlich und für viele ein Widerspruch.
02:03Für mich ist das auch heute noch ein Akt der Größe.
02:06Man gab diesen Verbrechern genau das, was sie ihren Opfern immer verweigert hatten.
02:10Die Möglichkeit, sich zu verteidigen.
02:12Kapitel 2
02:13Die perfekte Bühne.
02:15Warum ausgerechnet Nürnberg?
02:17Nürnberg war keine zufällige Wahl.
02:19Ein brillantes Symbol.
02:21Die Stadt der Reichsparteitage.
02:22Hier marschierten Hunderttausende im Gleichschritt.
02:25Hier inszenierte sich das Regime.
02:27Hier wurde der Führer Adolf Hitler frenetisch bejubelt.
02:31Und hier wurden 1935 die Nürnberger Rassegesetze verkündet.
02:35Die Rechtsgrundlage für die Diskriminierung der Juden.
02:38Das Fundament des Holocaust.
02:40Die Stadt war 1945 größtenteils zerbombt.
02:44Ein Trümmerfeld, aber der Justizpalast stand noch.
02:47Der Schwurgerichtssaal 600 war intakt.
02:49Ein angrenzendes Gefängnis gab es auch.
02:52Perfekt.
02:53Ausgerechnet an dem Ort, wo der Terror juristisch begründet wurde,
02:57sollte er nun juristisch aufgearbeitet werden.
03:00Kapitel 3
03:00Der Prozess
03:01Die Masken fallen
03:0320. November 1945
03:06Der Prozess beginnt.
03:08Wer saß dort auf der Anklagebank?
03:10Keine Dämonen mit Hörnern.
03:12Keine Filmbösewichte.
03:14Männer in feinen Anzügen.
03:16Generäle in Ausgehuniformen.
03:18Deutsche Bürokraten.
03:20Die Funktionselite eines Unrechtsstaates.
03:22Sie alle plädierten auf nicht schuldig.
03:25Bekenne mich im Sinne der Anklage nicht schuldig.
03:27Rudolf Hirsch.
03:30Nein.
03:31Joachim von Ribbentrop.
03:33Nicht schuldig.
03:34Nicht schuldig.
03:35Nicht schuldig.
03:36Nicht schuldig.
03:37Ich bin in keiner Weise schuldig.
03:38Alle 21 Angeklagten?
03:40Keine Reue.
03:42Kein Schuldeingeständnis.
03:43Der US-Militärpsychologe Gustav Gilbert war jeden Tag bei ihnen.
03:48Er besuchte sie in ihren Zellen.
03:50Er sprach mit ihnen.
03:51Gilbert schrieb das Nürnberger Tagebuch.
03:53Er dokumentierte ihre unerträgliche Arroganz.
03:56Ihr furchtbares Selbstmitleid.
03:58218 Verhandlungstage.
04:01Die Anklage erdrückte sie mit Fakten.
04:03Über 5300 Beweisdokumente.
04:06200.000 eidesstattliche Erklärungen.
04:09Die Alliierten nutzten die Akribie der Nazis gegen sie.
04:13Alles war dokumentiert.
04:15Jeder Mord wurde gezählt.
04:16Dann wurde das Licht im Saal gedimmt.
04:18Filmmaterial aus den befreiten Konzentrationslagern.
04:22Berge von Leichen.
04:23Verhungerte Menschen.
04:25Bulldozer, die Tote in Massengräber schoben.
04:27Ihr kennt die Bilder vermutlich aus unzähligen Dokus.
04:30Die Reaktionen der Angeklagten.
04:33Kopfschütteln.
04:34Wegschauen.
04:34Einige hielten sich die Hände vors Gesicht.
04:37Andere Logen ungeniert weiter.
04:39Sie hätten davon nichts gewusst.
04:40Kapitel 4.
04:42Das Ende der Ausreden.
04:43Eine juristische Revolution.
04:45Dieser Prozess veränderte die Welt für immer.
04:48Er erschuf das moderne Völkerstrafrecht.
04:51Warum?
04:52Weil er zwei der größten Lügen der Geschichte zerstörte.
04:55Lüge Nummer 1.
04:56Ich war es nicht.
04:58Es war der Staat.
04:59Bis Nürnberg galt das Prinzip der Staatenimmunität.
05:03Staatsoberhäupter waren unantastbar.
05:06Nürnberg wischte das vom Tisch.
05:07Artikel 7 des Statuts machte klar.
05:10Dein Amt schützt dich nicht.
05:12Egal ob du General oder Minister bist.
05:14Du bist ein Mensch und du haftest für deine Taten.
05:18Individuell ohne dieses Gesetz hätte Milosevic und sein General Ratko Mladic für das Massaker
05:23von Srebrenica nie verurteilt werden können.
05:26Auch der Völkermord an den Tutsi in Ruanda wäre nie gesühnt worden.
05:30Lüge Nummer 2.
05:31Ich habe nur Befehle befolgt.
05:33Der Befehlsnotstand.
05:35Die absolute Lieblingsausrede von Mördern in Uniform.
05:38Aber Soldaten können Befehle verweigern.
05:41Sie können desertieren.
05:42Was einige in den letzten Kriegsmonaten auch getan haben.
05:46Und noch etwas.
05:47Keiner wurde gezwungen Juden zu erschießen.
05:49Die Soldaten wurden vor Erschießung von ihren Generälen gefragt.
05:53Es gab keine Disziplinarmaßnahmen.
05:56Wenn jemand das nicht machen wollte.
05:58Und dann macht er das Angebot.
06:00Wer sich das nicht zutraut, kann hervortreten und muss nicht mitmachen.
06:18Ein Mann tritt heraus.
06:21Und dann folgen etwa ein Dutzend Männer seinem Beispiel.
06:35Das ist eine unheimlich interessante Situation.
06:38Zum einen aus historischer Perspektive.
06:41Weil hier die Befehlsausgabe dokumentiert ist.
06:45Und aus der Art der Befehlsausgabe ersichtlich ist, dass die Männer nicht töten mussten.
06:51Das war ja ein Teil der Nachkriegserzählung.
06:54Man musste ja mitmachen, weil sonst wäre man ja selber erschossen worden.
06:58Also in diesem Fall können wir eindeutig zeigen, nein, das ist gar nicht der Fall gewesen.
07:02Die konnten sich entscheiden.
07:04Das galt offensichtlich für alle Mordkommandos.
07:07Artikel 8 beendete dieses Versteckspiel.
07:10Ein ungerechter Befehl rechtfertigt kein Verbrechen.
07:14Dein eigenes Gewissen steht über dem Befehl.
07:16Punkt.
07:17Zum ersten Mal gab es Worte für das unfassbare Verbrechen gegen den Frieden.
07:22Angriffskrieg.
07:22Verbrechen gegen die Menschlichkeit.
07:24Nürnberg ermöglichte es, Diktatoren endlich beim Namen zu nennen.
07:28Kriegsverbrecher.
07:29Kapitel 5.
07:31Das Urteil von Nürnberg, Herbst 1946.
07:35Das Tribunal spricht die Urteile.
07:37Zwölf Todesurteile.
07:39Dreimal lebenslange Haft.
07:41Viermal jahrelange Gefängnisstrafen.
07:43Hermann Göring, Reichsmarschall.
07:45Der zweite Mann nach Hitler.
07:47Er nutzte den Prozess als Bühne.
07:49Er gab sich als triumphaler, unbelehrbarer Nazi.
07:53Er wollte als Märtyrer sterben.
07:55Das Urteil.
07:56Tod durch den Strang.
07:57Aber Göring war ein Feigling.
07:59Wenige Stunden vor der Hinrichtung zerbiss er eine Zyankali-Kapsel in seiner Zelle.
08:03Ein erbärmlicher Abgang.
08:05Julius Streicher.
08:06Der Herausgeber des Hetzblattes, der Stürmer.
08:09Er hatte selbst niemanden ermordet.
08:11Er hielt nur den Stift.
08:13Aber seine Worte waren tödlich.
08:15Er bereitete dem Holocaust ideologisch den Weg.
08:18Das Gericht verurteilte ihn zum Tode.
08:21Worte töten.
08:22Aber das Tribunal war kein blutiges Rachegericht.
08:24Es gab drei Freisprüche.
08:26Franz von Papen.
08:27Er sorgte dafür, dass Hitler Reichskanzler wurde und wurde dafür Vizekanzler in Hitlers
08:33erster Regierung und der Ex-Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht.
08:36So wie Hans Fritsche, der Abteilungsleiter im Reichspropagandaministerium.
08:41Da gegen diese drei Angeklagten nicht genug Beweise vorlagen, wurden sie nach dem Grundsatz
08:45im Zweifel für den Angeklagten natürlich freigesprochen.
08:49Darüber kann man bis heute streiten.
08:51Einige Urteilssprüche wie der zu Rudolf Hess.
08:54Hitlers Stellvertreter und Albert Speer, Hitlers Huffarchitekten und späterem Rüstungsminister
09:00sind bis heute umstritten.
09:02Die einen sagen, das Todesurteil für Hess war zu hart, weil der Mann offensichtlich
09:07verwirrt war.
09:08Für die, die es nicht wissen, Hess war mit einem Flugzeug in England abgestürzt, als er
09:13versuchte, einen Frieden zwischen England und Deutschland zu erreichen.
09:16Ziemlich peinlich für Hitler, der diese Aktion natürlich nicht abgesegnet hatte.
09:21Nicht einmal davon wusste.
09:22Im Prozess hatte Hess Gedächtnisverlust vorgetäuscht und später verkündet.
09:27Ab nunmehr steht mein Gedächtnis auch nach außen hin wieder zur Verfügung.
09:32Die Gründe für das Vortäuschen von Gedächtnisverlust sind taktischer Art.
09:37Während Albert Speer sich als einziger bemütig zeigte, eine moralische Verantwortung für
09:43die Verbrechen des NS-Regimes einräumte.
09:46Ich wollte damit nur zum Ausdruck bringen, dass es auch in einem autoritären System eine
09:56Gesamtverantwortung der Führenden geben muss und dass es ausgeschlossen ist, nach der
10:04Katastrophe sich dieser Gesamtverantwortung zu entziehen.
10:08Denn wenn der Krieg gewonnen worden wäre, hätte wahrscheinlich die Führung auch Anspruch
10:13darauf genommen, dass sie gesamtverantwortlich gewesen wäre.
10:17Eine direkte Beteiligung leugnete er stets, obwohl er als Hitlers Rüstungsmanager für
10:22den Einsatz von Millionen Zwangsarbeitern in der Rüstungsindustrie verantwortlich gewesen
10:27war.
10:28Diese Kenntnis hatte ich auch.
10:30Ich hatte aber keine Einzelkenntnisse.
10:34Ich hatte auch angenommen, dass in Einzelfällen Misshandlungen vorkommen.
10:39Aber ich habe nicht angenommen, dass das zur Regel gehören könnte.
10:44Das war mir unbekannt.
10:46Nein, das habe ich nicht in dieser Form gewusst.
10:48Ich wurde, ich muss hier sagen, ich wurde in der Zeit, in der ich Minister war, so seltsam
10:56das klingt, über das Schicksal der Häftlingen-Konsultationslage beruhigter als wie in der Zeit, bevor
11:05ich Minister war, weil mir in der Zeit, in meiner Ministerzeit von offiziellen Stellen
11:11immer nur Gutes und Beruhigendes über die Konsultationslage gesagt wurde.
11:16Er bekam 20 Jahre Haft.
11:18Beweise, die erst viele Jahre nach seinem Tod ans Licht kamen, hätten ihm vermutlich
11:22auch die Hinrichtung durch den Strang eingebracht.
11:25Diese beiden Beispiele zeigen, die Richter prüften individuell.
11:29Es gab keine Kollektivschuld, keine Sippenhaft, der Rechtsstaat hielt der schwierigen Aufgabe
11:35stand.
11:36Kapitel 6, Fazit, das Erbe der NS-Zeit, Nürnberg ist über 75 Jahre her.
11:43Warum geht uns das, was damals entschieden wurde, heute noch etwas an?
11:47Zwei Gründe.
11:48Der eine ist international, der andere national.
11:51Heute fordern einige Politiker der AfD ein Nürnberg 2.0.
11:55Sie wollen Angela Merkel, Nancy Faeser, Robert Habeck oder Friedrich Merz für eine Politik
12:00vor Gericht stellen, die ihnen nicht passt.
12:03Nicht, weil sie Kriegsverbrechen begangen hätten oder massenweise Recht gebrochen, die Menschenwürde
12:08mit ihren Gesetzen mit Füßen getreten hätten oder unsere Demokratie in einen Unrechtsstaat
12:13verwandelt hätten.
12:14Nein, weil sie vor dem Bundesverfassungsgericht, unserem höchsten Gericht, mit ihren Klagen gegen
12:19diverse Regierungen gescheitert sind.
12:21Wir müssen den Unterschied erkennen zwischen berechtigter Kritik an der Arbeit der Bundesregierung
12:26und einem Angriff auf die Institutionen unserer Demokratie.
12:30Wer meint, es sei gerechtfertigt, einfach zu behaupten, unsere Gerichte seien nicht neutral
12:35und das Bundesverfassungsgericht nur der verlängerte Arm der Regierung?
12:40Wer hat unser politisches System der Gewaltenteilung nicht begriffen?
12:44Oder plappert nur brav nach, was ihm die Rechten vordenken?
12:47Und der zweite Grund? Völkermorde passieren? In jedem Jahrzehnt.
12:52Auch wenn wir mit dem Gedenken an die Verbrechen der Nazis unser Nie-Wieder-Hoch halten, leider
12:58konnte weder Nürnberg noch die Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs in Den Haag
13:03weitere Völkermorde verhindern.
13:05Seit 1945 gab es zwischen 50 und 180 Fälle von politisch motivierten Massenmorden.
13:12Je nachdem, wie man Genozid definiert.
13:15Dabei starben schätzungsweise 50 Millionen Menschen, fast so viele wie im Zweiten Weltkrieg
13:20mit 60 bis 75 Millionen Todesopfern.
13:23Wir müssen wieder lernen, hinzusehen.
13:25Gerade tobt ein Bürgerkrieg im Sudan.
13:27Auch hier kam es wieder Massaker an der Zivilbevölkerung.
13:31In Myanmar wurden die Massaker an den Rohingya zum ersten Mal mit modernen Medien initiiert.
13:37Statt des Radios, wie in Ruanda 1994, wurde hier zum ersten Mal Facebook zur Waffe in einem
13:43ethnischen Konflikt.
13:44Und wir diskutieren immer noch, ob das Volk, das Opfer des schlimmsten Völkermords in der
13:49Geschichte wurde, selbst im Gaza-Krieg einen Völkermord an den Palästinensern begangen hat.
13:54Wenn uns Nürnberg eines gelehrt hat, dann das hier, Völkerrecht und das Einhalten von Regeln
14:00im Krieg sind nicht selbstverständlich.
14:02Im Gegenteil, sie scheinen wieder zur Ausnahme zu werden.
14:06Wenn wir zulassen, dass Staatschefs wieder gegen die Zivilbevölkerung Krieg führen dürfen,
14:11ohne Konsequenzen fürchten zu müssen, haben wir schon verloren.
14:15Wir dürfen nicht zulassen, dass das Leben von Zivilisten weniger wert ist als ein zerbombtes
14:20Haus.
14:20Wenn wir das zulassen, haben wir aus den Millionen Toten der vergangenen Jahrzehnte nichts gelernt.
14:25Bleibt neugierig, bleibt kritisch, aber vor allem bleibt menschlich.