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Der Dienst ander Waffe spaltet Deutschland: Die eine Seite kann sich das gut vorstellen, die andere ist rigoros dagegen.

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Transkript
00:00.
00:09Protest statt Unterricht.
00:13Diese Schüler und Studenten haben eine Botschaft an die deutsche Regierung.
00:17Nein zu militärischer Aufrüstung, nein zu einer möglichen Wehrpflicht.
00:25Ich denke nicht, dass wir eine Bundeswehr in dem Maße brauchen, in dem wir sie haben.
00:32Studenten und Aktivisten haben sich heute nicht nur hier in Berlin versammelt.
00:36Es ist ein landesweiter Protesttag.
00:38München, Frankfurt, Stuttgart, Nürnberg nehmen auch teil.
00:45Deutschland will die Bundeswehr zur stärksten konventionellen Armee Europas ausbauen.
00:50Doch dafür braucht es Soldaten.
00:54Die Nazi-Diktatur und der Zweite Weltkrieg liegen inzwischen Jahrzehnte zurück.
00:59Doch die Erfahrung hat Deutschland geprägt.
01:02Alles Militärische ist kompliziert.
01:06Ändert sich das jetzt?
01:08Und was kann Deutschland von Finnland lernen und seiner besonders militärfreundlichen Kultur?
01:18Unsere Großväter haben für uns gekämpft und das Land beschützt.
01:22Es ist unsere Tradition, die Älteren zu achten.
01:44Es ist unsere Tradition, die Älteren zu achten.
01:56Die Bundeswehr braucht dringend neue Rekruten und zwar viele, Hunderttausende.
02:02Das Ziel?
02:03Innerhalb von zehn Jahren sollen im Ernstfall 460.000 Soldaten bereitstehen.
02:10Die ersten Musterungsbriefe sind bereits verschickt.
02:15Jeder junge Mann, der jetzt 18 wird, muss erst mal nur ein paar Fragen beantworten.
02:21Die Folge?
02:23Landesweite Proteste.
02:25Zum Teil organisiert von Schülern, wie Pavel Kanukhaev.
02:32Wir kämpfen hier gegen ein solches Vorgehen.
02:34Der Staat steckt immer mehr Geld ins Militär, in ein Bett rüsten und die Schulen verrotten.
02:40In meiner sind die Toiletten seit einem Jahr kaputt, weil es dem Staat an Geld fehlt.
02:45Museen schließen, weil für die Kultur nicht genug Geld da ist.
02:51Die Demonstranten halten die Warnung, Russland stelle eine Gefahr dar, für übertrieben.
02:57Ohnehin haben die meisten Deutschen ein eher distanziertes Verhältnis zu allem Militärischen.
03:03Im Unterschied zu anderen Ländern, in denen Soldaten ein hohes Ansehen genießen.
03:09Dass junge Deutsche nun die Frage beantworten sollen, ob sie bereit wären für einen Dienst an der Waffe, eine Art
03:16Schock.
03:17Wir wollen keinen Krieg, wir wollen eine Zukunft.
03:21Allein die Tatsache, dass sie von der Armee kontaktiert werden, dass von ihnen eine bewusste Entscheidung eingefordert wird.
03:27Bin ich bereit für einen Wehrdienst? Bin ich bereit, meinem Land zu dienen? Das ist völlig neu.
03:34Timo Graf forscht am Zentrum für Militärgeschichte und Sozialwissenschaften der Bundeswehr.
03:39Er warnt, dass die lautesten Stimmen nicht unbedingt die öffentliche Meinung widerspiegeln.
03:50Ungefähr ein Viertel bis ein Drittel der Männer erklären sich bereit, ihrem Land zu dienen.
03:55Wenn man das in absolute Zahlen umrechnet, ist da ein großes Potenzial.
04:04Was Timo Graf meint, ist, dass bei einer Bevölkerung von 84 Millionen Menschen selbst ein relativ kleiner Teil Militärdienstleistender eine
04:13große Streitmacht ergäbe.
04:16Nichtsdestotrotz, die Deutschen sind weniger bereit, für ihr Land zu kämpfen als andere Europäer.
04:21Nach einer internationalen Umfrage sind es 23 Prozent, was sich mit den Forschungsdaten von Timo Graf deckt.
04:28Zieht man weitere Umfragen hinzu, ergeben sich zum Beispiel für Polen, die Schweiz und vor allem Finnland höhere Werte.
04:35Heißt, eine größere Armee, das wird nicht leicht für Deutschland.
04:44Deutschland hat noch einen gewissen Nachholbedarf, vor allem was die ganz allgemeine Wertschätzung des Wehrdienstes angeht.
04:50Also Politiker mit eingeschlossen, aber auch andere gesellschaftliche Akteure.
04:55Einfach zu sagen, es ist okay, wenn Leute einen Dienst leisten.
04:59Sie dienen uns, sie dienen unserer Freiheit.
05:01Das muss besser kommuniziert werden.
05:03Wir brauchen mehr Plattformen dafür, mehr direkten Austausch zwischen Zivilgesellschaft und Armee.
05:10Daran mangelt es in Deutschland schon sehr lange.
05:23Es ist Sommer in Finnland. Einer der schönsten Tage des Jahres.
05:28Wir wollen mehr erfahren über die völlig andere Militärkultur hier.
05:33Verteidigung ist hier Teil des Alltags.
05:36Umfassende Sicherheit, so nennen es die Finnen.
05:39Auf den ersten Blick nicht leicht zu sehen.
05:41Doch wenn man in die Tiefe geht, also so richtig in die Tiefe, dann wird klar, dass etwa Metrostationen, aber
05:51auch andere Einrichtungen eine zweite Funktion haben.
05:54Als Bunker.
05:56Finnland und Russland verbindet eine 1340 Kilometer lange Grenze.
06:01In früheren Kriegen hat Finnland eine Menge Territorium an Russland verloren.
06:05Hier sind also die Rahmenbedingungen grundlegend anders.
06:09Trotzdem gibt's was zu lernen.
06:12Die Finnen fühlen sich persönlich verantwortlich für die Sicherheit und den Schutz ihrer Demokratie.
06:22Wir sind unterwegs nach Santa Hamina, eine Insel, fünf Kilometer entfernt von Helsinki, um da das Gardejägerregiment zu besuchen.
06:32800 Rekruten haben hier gerade ihr militärisches Pflichttraining begonnen.
06:38Fast alle finnischen Männer sind verpflichtet, bis zu einem Jahr in der Armee zu dienen.
06:43Frauen müssen das nicht, können es aber freiwillig tun.
06:48Vor der Grundausbildung hat kaum jemand schon mal ein Sturmgewehr in der Hand gehabt.
06:52Oberst Jussi Anala ist hier der stellvertretende Kommandant.
06:59Wir sind ein kleines Land mit einer kleinen Bevölkerung.
07:03Dank der Wehrpflicht weiß jeder, wie wichtig es ist, Finnland zu verteidigen.
07:09Ungeachtet des militärischen Rangs oder der gesellschaftlichen Position.
07:16Jeder weiß, wie wichtig es ist, Finnland zu verteidigen.
07:25Das Gardejägerregiment ist auf Häuserkampf spezialisiert.
07:29Auf den Schutz Helsinkis.
07:35Nach ihrer Ausbildung bleiben die Soldaten in derselben Einheit als Reservisten.
07:40So können sie über die Jahre ein Vertrauensverhältnis aufbauen, Freundschaften schließen.
07:44Eine enge Gemeinschaft. Sollte es zum Kampf kommen.
07:51Das ist super hier. Wir lernen eine Menge.
07:54Manchmal ist es etwas anstrengend, aber insgesamt eine tolle Erfahrung.
07:58Wir Finn wertschätzen einfach unsere Freiheit und unser Land.
08:07Aino Bostrom und Monir Fli sind schon ein halbes Jahr dabei.
08:11Beide sind vom Wehrdienst überzeugt.
08:13Was Aino angeht, auch weil ihre Großmutter einst sagte, sie wolle dienen.
08:18Doch als Frau war das damals nicht möglich.
08:21Monirs Familie floh aus dem kriegsgeplagten Irak nach Finnland.
08:30Wir helfen, die Sicherheit Finnlands zu garantieren.
08:34Also auch für jene, die nicht die Kraft haben, eine Waffe zu führen.
08:37Mir gefällt es hier sehr gut.
08:40Ich habe die Chance bekommen, Sanitäter zu werden.
08:43Toll, ich liebe es. Eine wahnsinnige Erfahrung.
08:50Keine Frage, Deutschland muss das finnische Modell nicht mit allem Drum und Dran übernehmen.
08:59Doch Finnland zeigt, dass es möglich ist, die Bevölkerung vom Sinn des Dienstes an der Waffe zu überzeugen, um die
09:06Demokratie zu verteidigen.
09:08Etwas, mit dem sich viele Deutsche eher schwer tun.
09:15Die Bundeswehr hat zu einer Art Tag der offenen Tür geladen, am größten Standort der Armee.
09:22Gekommen sind Neugierige und Skeptiker.
09:28Eine Gelegenheit, die Bundeswehr näher kennenzulernen.
09:3350.000 sind gekommen.
09:38Auch Pepe Neumann.
09:40Pepe ist 16 Jahre alt und aus Schleswig-Holstein.
09:44Dort ist er bereits Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr.
09:48Wenn eines Tages die Bundeswehr rufen sollte, dann sagt er ja.
09:53Das weiß er jetzt schon.
09:55Und sein Freund auch.
09:59Soldat zu sein ist kein normaler Beruf.
10:01Er könnte dich töten.
10:02Warum wärst du trotzdem bereit, dein Leben aufs Spiel zu setzen?
10:06Also ich bin der Meinung, das Militär ist ganz besonders für unser Land wichtig, für die aktuelle Situation in Europa,
10:12in der Ukraine.
10:13Wir haben auch Bedrohungen durch den Terrorismus und sowas.
10:16Man kämpft nicht für irgendeine Regierung, sondern ich würde hier kämpfen, weil das meine Heimat ist, weil ich hier groß
10:22geworden bin, weil meine Familie hier lebt.
10:24Das ist mir wichtig.
10:28Pepe hofft, einmal einen Panzer fahren zu können.
10:33Seine Überzeugung unterscheidet sich deutlich von jenen, die gegen einen Dienst an der Waffe auf die Straße gehen.
10:42Aufgewachsen sind beide Gruppen in einer weitgehend sorglosen Zeit nach dem Kalten Krieg.
10:48Einer Zeit der europäischen Stabilität und Prosperität.
10:57Was die Meinung von Leuten in meinem Alter angeht, die driften sehr weit auseinander.
11:01Auch in meiner Klasse merkt man das.
11:03Wir haben halt viele Pazifisten oder halt Linke in meiner Klasse.
11:09Also nichts gegen Linke, wir leben in einem demokratischen Land.
11:11Jeder darf seine Meinung sagen, das ist auch richtig so.
11:13Für Europa hat sich der Status quo fundamental verändert.
11:18Die USA sind offenbar nicht mehr der sichere Rückhalt wie früher.
11:25Trotz der ambivalenten Haltung der Bevölkerung treibt die deutsche Regierung die Stärkung der Bundeswehr voran.
11:38In diesem Jahr will sie etwa 108 Milliarden Euro für die Verteidigung ausgeben.
11:45Ungeachtet des politischen Streits, ob das Geld nicht besser für Schulen oder Krankenhäuser ausgegeben werden sollte
11:50und der Frage, was jetzt dringend erforderlich ist und was nur eine Option.
12:02Es ist etwas in Bewegung gekommen. Das zeigen Szenen wie diese.
12:07Da ist eine Bereitschaft, zumindest bei manchen die eigene Sicht auf die Bundeswehr zu hinterfragen,
12:12bis hin zur Bereitschaft, sich der Armee anzuschließen, Soldat zu werden, um sein Land zu verteidigen.
12:33Untertitelung des ZDF für funk, 2017

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