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Tanja Jocic liebt ihre Heimatstadt Belgrad. Ob sie sich dort eine Zukunft vorstellen kann, bezweifelt sie aufgrund der politischen und wirtschaftlichen Lage.

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Transkript
00:01Belgrad ist ein Betondschungel. Es ist chaotisch, hektisch, aber wir finden immer wieder neue Gründe, die Stadt zu lieben.
00:13Belgrad, Hauptstadt und größte Stadt Serbiens. Alte Festungen und sozialistische Bauten, hohe Jugendarbeitslosigkeit, grassierende Korruption und jahrelange Proteste gegen die
00:24Regierung.
00:24Wie lebt es sich hier als junger Mensch? Und kann die Stadt auch in Zukunft Heimat sein?
00:32Hallo, ich bin Tanja, 25, ich lebe in Belgrad und zeige euch jetzt, wie mein Alltag aussieht.
00:42Wir treffen Tanja am frühen Vormittag in der Wohnung ihrer Eltern. Für sie und ihre Schwester gibt es heute zum
00:48Frühstück Spiegeleier und Brötchen, dazu Aiva, ein für die Region typischer Aufstrich aus Paprika.
00:55Frühstück ist in Serbien meist eher deftig und salzig. Tanjas Eltern sind schon los, zur Arbeit.
01:03Wir essen meist zwischen Tür und Angel, wenn es schnell gehen muss. Aber am Wochenende essen wir alle zusammen.
01:13Viele junge Serben wohnen recht lange bei ihren Eltern. Im Durchschnitt ziehen sie erst mit 30 aus. Schuld sind oft
01:20die hohen Mieten und geringen Löhne.
01:23Die Mieten haben sich in den vergangenen drei Jahren verdoppelt oder verdreifacht. Das ist schon ein Schock.
01:30Die Wohnung gehört Tanjas Eltern. Was typisch ist. Mehr als 90 Prozent der Serben haben Wohneigentum.
01:37Der Grund? Nach dem Zerfall Jugoslawiens in den 90er Jahren wurden die ehemals staatlichen Wohnungen oft günstig an die Mieter
01:45verkauft.
01:46Tanja ist in Novibéograd, Neu-Belgrad, aufgewachsen. Einem Viertel, das nach dem Zweiten Weltkrieg gebaut wurde, als Belgrad Hauptstadt des
01:55sozialistischen Staates Jugoslawien war.
01:58Brutalistische Wohnblöcke unterteilt in Abschnitte, die jeweils eine Schule und ein Gemeinschaftszentrum hatten.
02:06Ich liebe es hier, weil die Nachbarschaft hier so eng miteinander verbunden ist. Man kennt sich und hält zusammen.
02:15Als Schulkind bin ich einfach gegen sechs oder sieben Uhr abends rausgegangen und alle meine Freunde waren schon im Park.
02:24Man musste sich nicht verabreden, ging einfach raus und da waren 30, 40, 50 Kinder.
02:33Tanja fährt gern mit dem Rad ins Grüne, doch viel Zeit bleibt ihr dafür gerade nicht.
02:38Seit ihrem Bachelorabschluss in internationalen Beziehungen arbeitet sie Vollzeit, verdient aber recht wenig.
02:45Trotzdem ist sie froh über ihren Job. Die Jugendarbeitslosigkeit ist in Serbien mit 18,3 Prozent hoch.
02:52Im nächsten Jahr will Tanja ein Masterstudium im Ausland anfangen.
02:58Ich hätte einfach gern die Erfahrung, mal woanders zu studieren und zu leben. Ich glaube, dass das sehr wertvoll ist.
03:06Ich kann mir gut vorstellen, dass es mich persönlich weiterbringen würde, für eine Weile eine andere Kultur und eine andere
03:12Lebensweise kennenzulernen.
03:17Wenn Tanja in andere Viertel Belgrads will, nimmt sie Bus oder Tram.
03:21Der öffentliche Nahverkehr ist hier komplett kostenlos. Einfach einsteigen und ganz ohne Ticket losfahren.
03:28Klingt gut, zumindest theoretisch. Denn Belgrad ist berüchtigt für Verspätungen und Verkehrsmittel in fragwürdigem Zustand.
03:37Wir warten meist sehr lange. Zu den Stoßzeiten ist es drin echt eng.
03:43Wir sagen oft, es ist wie in einer Sardinenbüchse.
03:47Es gibt Unfälle und Staus. Ich hätte auf jeden Fall lieber einen verlässlicheren, besser funktionierenden öffentlichen Nahverkehr, für den ich
03:55bezahle.
03:59Wenn sie abschalten will, kommt Tanja gern hierher.
04:02Setizka. Ein ehemaliges Brauereigelände, in dem es heute Cafés und Kneipen gibt.
04:08Für mich ist Setizka wie eine kleine Oase mitten im chaotischen Stadtzentrum, wo man immer Freunde und Bekannte trifft.
04:16Ich komme manchmal einfach so hierher, auch ohne großen Plan. Ich treffe meine Leute, viele meiner Freunde arbeiten in diesen
04:23Bars.
04:24Das ist einfach ein guter Ort zum Abhängen.
04:31Wie viele in ihrer Generation schaut Tanja mit Sorge in die Zukunft, macht sich Gedanken um die politischen und wirtschaftlichen
04:37Entwicklungen im Land.
04:39Davon will sie auch abhängig machen, ob sie langfristig in Belgrad bleibt.
04:43Belgrad ist immer noch der Ort, von dem ich denke, dass ich hierher gehöre.
04:51Aber es ist auch ein Ort, an dem ich mir sehr unsicher bin, was meine Zukunft angeht.
04:56Weil ich nicht weiß, ob ich hier langfristig einen Job finden kann, der meinen Fähigkeiten entspricht.
05:01Ich weiß nicht, wie das Leben hier später für meine Kinder aussehen wird.
05:04Es gibt vieles, was ich ändern muss, bevor ich mich entscheide, langfristig in Belgrad zu bleiben.
05:13Was sie genau weiß, sie wird sich immer mit Belgrad verbunden fühlen, der Stadt, in der sie aufgewachsen ist.

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